Nestbeschmutzer oder Wahrheitsverkünder?

Etwa 80 Auer sind am Donnerstagabend zu einer Diskussionsrunde ins Rathaus gekommen, um zu klären, ob die Stadt ein Problem mit Fremdenhass hat. Im Mittelpunkt stand ein Journalist, der davon überzeugt ist.

Aue.

"Ein Mann, der die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd." Mit diesem Spruch von Konfuzius gab Frank Richter von der Landeszentrale für politische Bildung den Startschuss für die Debatte, zu der die Stadt Aue am Donnerstagabend geladen hatte. Raphael Thelen, jener Journalist, der Aue im April vier Tage lang bereist und festgestellt hatte, dass hier braunes Gedankengut allgegenwärtig sei, wirkte entsprechend angespannt. Seine Eindrücke von der Stadt, die er in einem Interview mit der Zeitung "Die Zeit" zu Protokoll gab und in einem Internet-Blog beschrieb, lösten in Aue Empörung aus. OB Heinrich Kohl (CDU) ärgerte sich öffentlich, Facebook-Nutzer beschimpften Thelen als Lügenpresse-Vertreter.

In der Gesprächsrunde war der Ton gemäßigter, OB Kohl räumte ein: Auch ihn beschleiche zuweilen bei Familienfeiern ein unangenehmes Gefühl, wenn andere Leute Dinge aussprechen würden, die früher undenkbar waren. Thelen war direkter geworden. Er hatte in Aue einen NPD-Sternmarsch erlebt, bei dem Flüchtlinge als Fachvergewaltiger bezeichnet wurden. Im Stadion traf er einen Mann, der Asylbewerber am liebsten lynchen würde. Und er berichtete von Jugendlichen, die sich auf kein Dorffest mehr trauen, weil sie dort regelmäßig von Rechten angegriffen würden.

Darf ein "Wessi" diese Dinge aussprechen? Einige unter den 80 Gästen am Donnerstag hatten daran Zweifel. Als "Unverschämtheit" bezeichnete CDU-Stadtrat Thomas Klotzsche die Beiträge des gebürtigen Bonners, der - um die Sachsen zu verstehen - vor ein paar Monaten nach Leipzig gezogen ist. Friedensrichter Horst Dippel (CDU) würde am liebsten "ein Verfahren" gegen ihn eröffnen. Als ein Dritter Thelen als Nestbeschmutzer bezeichnete, der kein Recht habe, die Stadt zu betreten, holte Frank Richter den Mann auf demokratischen Boden zurück: "Wir haben in Deutschland Freizügigkeit." Andere, zum Beispiel Martin Henselin (Ex-Freie-Wähler-Stadtrat) und Tobias Andrä (Stadtrat, parteilos), finden, dass Thelen ein Zerrbild von Aue gezeichnet hat, weil es hier "ein großes Engagement für Flüchtlinge" gebe.

Thelen fand aber auch Unterstützer. André Harzer, Stadtrat der Freien Wähler: "Wir machen es uns zu einfach, jetzt die Beleidigten zu spielen. Juden- und Negerwitze sind wieder salonfähig. Wir haben ein gesamtgesellschaftliches Problem." Eine junge Frau meinte: "Thelen hat recht. Ich habe das Nest, das er angeblich beschmutzt hat, deshalb verlassen."

Sollten die Auer Raphael Thelen am Ende dankbar sein? Frank Richter gab zu bedenken: "Manchmal sieht man die Dinge von außen klarer als von innen." Und die stellvertretende Chefredakteurin der "Freien Presse", Jana Klameth, erklärte: Dass Sachsen ein Problem mit Fremdenfeindlichkeit hat, sei ein Fakt. Und es sei zudem wichtig, dass Journalisten unbequeme Wahrheiten aufschreiben.

Was aber unternimmt man gegen rechtsextremes Gedankgut? Nicht zu widersprechen, sei gefährlich, unterstrich der Journalist Thelen nochmals. Und ein Vertreter des Verfassungsschutzes machte deutlich: Der Sternmarsch im April in Aue, der von der NPD-Tarnorganisation "Freigeist" organisiert wurde, war mit 600 Teilnehmern "eine rein rechtsextremistische Veranstaltung". Freie-Wähler-Stadträtin Beatrice Meichsner warnte: "Aue kann sich dieses Bild nicht leisten." OB Kohl, der bisher der Meinung war, dass sich "die Sache von allein tot läuft", schlussfolgerte: "Wir müssen das extremistische Gedankengut wieder loswerden. Lassen Sie uns weiter miteinander sprechen."

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