Neuer Umgang mit Demenz - Wie sich die Pflege verändert

Gut die Hälfte aller 80 Bewohner im Alterswohnsitz Gut Förstel in Langenberg leiden unter Gedächtnisverlust. Für sie geht man neue Wege, gründet sogar eine spezielle Förstel-Akademie. Was Königin Silvia von Schweden fordert, soll auch hier Realität werden.

Langenberg.

Vergesslich? Immer öfter fallen einem Namen nicht ein? Oder liegt der Schlüssel nicht dort, wo er immer lag? Vergesslichkeit ist ein Anzeichen von Demenz. Doch nicht jedes Vergessen von Dingen ist unweigerlich Demenz. Häufig ist der zunehmende Stress im Alltag die Ursache dafür, dass "unsere Festplatte" im Gehirn einfach nur überlastet ist. Diesen Satz bitte merken!

Und doch baut sich bei gehäuftem Vergessen bei vielen die Angst auf, an Demenz erkrankt zu sein. Um von diesem Krankheitsbild zu sprechen, kämen indes noch viele weitere Symptome hinzu: innere Unruhe, Sprachstörungen, Orientierungsprobleme oder Schwierigkeiten bei ganz alltäglichen Dingen wie Kaffeekochen, sagen Experten.

Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Demenz. Eine Erkrankung, an der man nicht stirbt, die betroffene Menschen aber schleichend verändert. Und genau auf diese Veränderungen muss sich die neue Form der Pflege einstellen. Das zumindest besagt die Philosophie von Silviahemmet - einer Stiftung, die 1996 von Königin Silvia von Schweden gegründet wurde, deren Mutter, Alice Sommerlath, an einer Demenz litt.

Diese persönliche Betroffenheit der Monarchin hat dazu geführt, dass sie diese Stiftung gegründet hat, um die Förderung einer fürsorglichen und würdevollen Versorgung und Betreuung der Betroffenen auf den Weg zu bringen. Eine Betreuung ohne Medikamente, ohne die Betroffenen ruhig zustellen oder die Menschen gar zu separieren.

"Es gibt sogar Pflegepersonal, das sich vor der Betreuung von Demenzkranken scheut", berichtet Stefan Nolte. Er ist Fachmann auf diesem Gebiet: Zum einen ist er seit vielen Jahren Lehrkraft für Pflegeberufe, zum anderen hat er eine Zusatzausbildung in Schweden unmittelbar über der Stiftung Silviahemmet zum Instruktor absolviert. Seit Monatsbeginn ist er nun im Gut Förstel Langenberg als Leiter für Fort- und Weiterbildung angestellt. Seine Aufgabe soll sein, in der Einrichtung die Philosophie dieser besonderen Betreuung in der Praxis aufzubauen. "Das soll Modellcharakter haben und später auch aufs Gut Gleesberg in Schneeberg übertragen werden", sagt Michael Eisenberg, der als Geschäftsführer für beide Einrichtungen in Trägerschaft der Dr. Willmar Schwabeschen Heimstätten Betriebsgesellschaft arbeitet.

Bereits seit gut einem Jahr schult Stefan Nolte die Mitarbeiter. Denn: Jeder Mitarbeiter des Hauses müsse mit der neuen Philosophie vertraut sein, sie anwenden. "Selbst die Frau, die die Wäsche macht. Oder der Mann an der Rezeption", sagt Nolte.

Bis Jahresende werde er ein Konzept auf der Grundlage der Philosophie von Silviahemmet für das Haus Förstel erarbeiten. Zeitgleich wird ein Kernteam, das sich aus den Schulungen herauskristallisiert habe, intensiv zu den vier tragenden Säulen des Systems geschult: Kommunikation, Angehörigenarbeit, Teamarbeit und Symptomkontrolle. "Es ist eine wesentlich komplexere Herangehensweise, die für Betreuung von Menschen mit Demenz notwendig ist", erklärt Nolte. Sie beruhe ausschließlich auf dem Vertrauen des Betroffenen. "Alles, was bei Betroffenen Unbehagen oder gar Stress verursacht, sollte daher unterbleiben. Denn Stress treibt die Demenz voran", sagt der Experte für Pflegeberufe. Da ist er wieder, dieser Satz: Stress fördert Demenz. Früher galten Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, als "nicht orientiert". Heute würden sie oftmals medikamentös ruhig gestellt. Das gibt es bei Silviahemmet nicht. Die oft krankheitsbedingt vorhandene Unruhe werde im Konzept sinnstiftend genutzt, der Mensch beschäftigt.

Ab Frühjahr 2018 soll dafür im Gut Förstel ein neuer, spezieller Wohnbereich entstehen - mit eigenen Aufbau- und Ablaufstrukturen. Dann richte sich nicht der Demenz-Patient nach dem Tagesablauf des Heims, sondern umgekehrt. Es werde der individuelle Bedarf in den Blickpunkt gerückt. Daraus ergebe sich allerdings: Vieles wird anders als bislang gehandhabt. Und genau hierfür müssten auch die bestehenden Strukturen und der institutionelle Rahmen auf den Prüfstand gestellt und völlig umgekrempelt werden. Auf die Frage, ob das dann auch mit den Abrechnungssystemen der Kassen vereinbar sei, sagen die Vertreter des Guts Förstel zuversichtlich: "Wenn nicht, dann muss das System geändert werden."

Schon jetzt haben sie gleichlaufend zum inhaltlichen Aufbau eine Förstel-Akademie ins Leben gerufen, die jeden ersten Montag im Monat Angehörige von Demenz-Erkrankten an einen Stammtisch ruft und informiert. Die Premiere hierfür findet am 7. August ab 19 Uhr im Förstel-Stübchen statt. Dort werden auch Angehörige mit den Dingen vertraut gemacht, die sich ändern werden. Ihnen wird mit Rat und Tat geholfen, bei der Betreuung Betroffener in den eigenen vier Wänden.


Der Queen-Silvia-Nursing-Award

Die Dr. Willmar Schabesche Heimstätten Betriebsgesellschaft ist Partner des international ausgelobten Queen-Silvia-Nursing-Award.

Bei diesem Preis handelt es sich um ein in Aussicht gestelltes Stipendium für Nachwuchskräfte in der Pflege. Und gefragt sind innovative Ideen junger Leute, die in der Pflege arbeiten und diese verbessern wollen. "Bewirb Dich mit dieser Idee!" - so lautet der schlichte Aufruf an alle.

Alle eingereichten Ideen werden durch eine Jury bewertet. Es sind allerdings nur Einzeleinreichungen möglich, keine Gruppenarbeiten.

Dotiert ist der Preis mit 6000 Euro, und er wird persönlich ausgereicht von Königin Silvia. (matu)

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