Unentdeckte Orte: Schatz unter Putz und Dielen

Die Georgenhütte in Schneeberg ist das einzige noch erhaltene Gebäude einer Silberschmelze aus dem 17. Jahrhundert in Mitteleuropa. Die Geschichte ihrer Entdeckung handelt von Zufall, Spürsinn und Glücksgefühlen.

Schneeberg.

Was ein altes Haus doch für Freude auslösen kann. Regina Kaiser (62) sagt, sie habe pures Glück empfunden, als feststand, was man da gefunden hatte. "Es war eine innere Freude, die ich nur schwer beschreiben kann. Ein so außergewöhnliches Objekt im Besitz unserer Stadt - das ist einfach nur schön."

Peter Günther (70) gibt sich abgeklärt. Geahnt habe er die Sensation schon lange, sagt er. "Doch als es bestätigt wurde, war ich froh, dass das Haus nicht an Privatleute gegangen ist. Sonst hätten wir heute nicht dieses einmalige Denkmal, das wir der Nachwelt zeigen können."

Kaiser und Günther sind Mitglieder des Vereins Silber-Schmelzhütte St. Georgen im erzgebirgischen Schneeberg. Das Gebäude, das ihnen so viel Freude bereitet, ist ein Fachwerkhaus mit braunen Holzbalken und weiß gestrichenen Wänden, das wie viele andere aussieht und doch ganz anders ist. Erbaut um 1665, handelt es sich um eine ehemalige Silberschmelze. Etwa 55 Jahre lang wurde hier Silber aus dem Schneeberger Revier verhüttet.

Das Haus ist eines der ältesten in Schneeberg, eines, das Geschichten erzählen kann. Geschichten von Silberschmelzern, Hüttenwächtern und Probierern. Letztere würde man heute Laboranten nennen, und so, wie der Einzelne kaum weiß, was ein Chemiker in seine Reagenzgläser kippt, so war die Arbeit der alten Probierer damals geheimnisumwittert. Sie entschieden darüber, ob eine Erzlieferung etwas taugte. Die Schmelzer lösten das Silber dann aus dem Gestein, sodass es zu klingender Münze verarbeitet werden konnte und zum Reichtum der sächsischen Kurfürsten wurde.

"Im Erzgebirge geht es um Bergbau, Bergbau, Bergbau", sagt Peter Günther. "Über die Arbeit der Hüttenleute wird dabei kaum geredet. Das wollen wir hier machen. Wir erzählen über die Erzverhüttung."

Die Silberschmelze St. Georgen nimmt dabei heute eine herausragende Stellung ein. Zur Zeit des Silberbergbaus hat es im Erzgebirge etwa 100 kleine Schmelzhütten gegeben, in der Blütezeit waren es allein in Schneeberg 13. Die Georgenhütte ist jedoch die einzige, deren Bausubstanz in wesentlichen Teilen erhalten geblieben ist. Dieses Alleinstellungsmerkmal hat sie vermutlich für ganz Mitteleuropa inne. Das frühere Vereinsmitglied Klaus Rischka (†) aus Langenweißbach hatte sogar herausgefunden, dass es weltweit keine Silberschmelze aus dem 17. Jahrhundert mehr gibt.

"Unsere Recherchen erstreckten sich bis nach Südamerika und Afrika, dabei haben wir nichts Vergleichbares entdeckt", sagt der Vereinsvorsitzende Ulrich Kaiser (64). "Aber man kann nie wissen. Deshalb sprechen wir vorsichtig von Mitteleuropa. Hochstapelei ist nicht unser Ding." Kaiser ist Vereinsmitglied der ersten Stunde. Im Sommer 2010 hat auch er die positive Aufregung verspürt, die herrschte, als der Nachweis gelang, dass das alte Haus ein historisches Juwel ist.

Zum einen stimmten unverwechselbare Gebäudemerkmale mit einer Beschreibung im Staatsarchiv Dresden überein, in der die Bauweise der Georgenhütte detailliert geschildert wurde. Zum anderen ergab die Untersuchung von Bohrkernen durch das Landesamt für Denkmalpflege, dass das beim Bau verwendete Holz im Jahr 1664 geschlagen worden ist - ein Jahr vor der Errichtung der Silberschmelze. Mittlerweile haben die Vereinsmitglieder auch im Bergarchiv Freiberg und im Stadtarchiv Schneeberg Dokumente gefunden, die sich auf die Georgenhütte beziehen. Zuvor aber war das Wissen, dass in dem alten Haus in Neustädtel einst Silber geschmolzen wurde, verloren gewesen.

"Nach der Bergbauzeit wurde das Gebäude für Wohnzwecke umfunktioniert", sagt Ulrich Kaiser. "Nach 1719 wechselten die Besitzer mehrfach. Irgendwann haben die einander nicht mehr weitererzählt, was es mit dem Haus früher auf sich hatte." Die letzte Bewohnerin starb 2005 im Alter von 92 Jahren. Das Haus hatte sich seit 1933 im Besitz ihrer Familie befunden. Damals war es bereits seit langem verputzt und sah aus wie jedes andere alte Wohngebäude.

Nach dem Tod der Seniorin kaufte die Kommune das Haus. ABM-Kräfte rückten an, um es zu entkernen. Marode wie es war, schien ein Abriss die beste Idee zu sein. Dann hackte der Bautrupp Putz von den Wänden. Darunter kam Fachwerk zum Vorschein. Der Rest ist die Geschichte einer Wiederentdeckung.

Unter den Dielen fanden sich Schlackereste. Das Gelände sei voll davon, erzählt Vereinsmitglied Markus Martin (29). "Wir laufen hier auf Tonnen von Schlacke." Sie sind gewissermaßen der Arbeitsnachweis der alten Schmelzer. Zwischen den Schlackesteinen entdeckten die Vereinsmitglieder mehr als 500 Artefakte aus der Zeit des Hüttenbetriebs: Scherben von Gebrauchskeramik, Butzenglas von den alten Fenstern, Münzen und sogenannte Kupellen. Das sind kleine Pfannen, in denen Erzproben geschmolzen wurden.

Die Funde mussten dem Landesamt für Archäologie übergeben werden, denn alles, was im sächsischen Boden entdeckt wird, gehört dem Freistaat. Über einen Leihvertrag bekam der Verein einige Stücke zurück. Sie sind am Samstag zu sehen. Besichtigt werden kann auch das Modell eines Ofens, in dem die Erzproben verflüssigt wurden. Peter Günther baute ihn nach einer Abbildung in Georgius Agricolas Standardwerk zum Bergbau, der "De re metallica". Der Renaissance-Gelehrte würdigte darin auch die Arbeit der Hüttenleute. So wie man es jetzt in der Georgenhütte wieder tut.

Informationen zur gesamten Veranstaltungsreihe "Unentdeckte Orte" finden Sie unter www.freiepresse.de/ueo2017

Kisten & Kosten

Eines der Merkmale, anhand derer das alte Haus in Neustädtel eindeutig als die frühere Georgenhütte identifiziert werden konnte, sind zwei Bohlenstuben, die in Umgebindebauweise mit dem Gebäude verbunden sind. Die Stuben befinden sich im Erdgeschoss und im ersten Stock des Hauses. Zwei Stuben übereinander - das gilt als einmalig. Die bekannten Umgebindehäuser in der Lausitz, in Schlesien oder Nordböhmen weisen kein doppeltes Umgebinde auf.

Die Bohlenstuben, auch Wohnkisten genannt, stehen im Gebäude wie ein Haus im Haus. Das Umgebinde - ein Ständerwerk aus Balken - hält alles zusammen und leitet die Last des Daches direkt aufs Fundament. Als Vorteil dieser Bauweise galt ein gutes Raumklima. Die Blockstuben glichen Schwankungen zwischen heiß und kalt sehr gut aus. Zudem war diese Bauweise so flexibel, dass Umgebindehäuser auf lehmigem oder sandigem Untergrund genauso gut wie auf Fels errichtet werden konnten.

Dass die Georgenhütte in der für das Erzgebirge untypischen Umgebindebauweise errichtet wurde, erklären sich die Vereinsmitglieder heute so, dass möglicherweise Exulanten aus dem Böhmischen an der Errichtung beteiligt waren: Sie bauten, was sie kannten und was sich in ihrer Heimat bewährt hatte.

Das einzigartige Umgebinde- und Fachwerkhaus wird heute vom Verein Silber-Schmelzhütte St. Georgen im Rahmen eines Erbbaurechtes bewirtschaftet. Der Grund und Boden gehört der Bergstadt Schneeberg. Der Verein hatte bis Ende Juni etwa 300.000 Euro in die Rekonstruktion des Gebäudes gesteckt. Bei dem Geld handelt es sich überwiegend um Fördermittel und Spenden. Hinzu kommen zwischen 6000 und 8000 Arbeitsstunden, die Vereinsmitglieder ehrenamtlich geleistet haben.

Bis zur Fertigstellung der Sanierung werden weitere 150.000 Euro und mehrere Tausend Arbeitsstunden benötigt, schätzt Bauingenieur Bernd Schürer, der Planer des Vereins. (mu)

Einblicke in das Leben der Hüttenleute

Der Tag in der Silberschmelzhütte St. Georgen: Was wird geboten? Wo gibt es Parkplätze und Tickets?

Termin/Ort: Am Samstag, dem 29. Juli, 10 bis 18 Uhr auf dem Gelände der Silberschmelzhütte in Schneeberg, Forststraße 40.

Programm: Erläuterung eines Probierofens, Ausstellung von Fundstücken aus der Hütte, ein Lehmgestalter berichtet über seine Arbeit, Goldwaschen für Kinder, Erzgebirgsschafe und -ziegen zum Streicheln.

Angebote: Erinnerungsfotos, Basteln, Lesezelt zum Ausruhen, Ausstellung zum Thema "70 Jahre Freie Presse", Informationen zu den "Freie Presse"-Erlebnistouren.

Eintritt: Tickets vor Ort für Erwachsene zu 5 Euro, Kinder 2,50 Euro (gratis unter 6 Jahre), mit Pressekarte je 1 Euro Rabatt, Nachlass auch für Besucher ohne Pressekarte - nach Registrierung unter:

www.freiepresse.de/ueo2017

Parken: Auf dem ehemaligen Lagerplatz des CVJM an der Forststraße (gegenüber Pochwerk).

Probieren: Die Kunst des Silberschmelzens

In der Georgenhütte gab es eine sogenannte Probierstube. Das war eine Art Labor, in dem Erzproben auf ihren Silbergehalt untersucht wurden. Auf diese Weise wurde ermittelt, ob das Schmelzen größerer Mengen dieser Erzlieferung einen ausreichend hohen Ertrag an Silber brachte.

Das Probieren galt als eine Kunst, die Probierer waren - wie auch die eigentlichen Schmelzer - hochqualifizierte Fachleute, die über reiche Kenntnisse der Metallurgie, vor allem aber über sehr viel Erfahrung verfügten. Heutige Fachleute für Hüttenwesen können die Methoden der alten Probierer nicht ohne Weiteres nachvollziehen. Die Probierkunst gilt als Vorläufer der analytischen Chemie.

Der Reinheitsgehalt von Silber wird heute mithilfe einer ätzenden Säure bestimmt, die je nach Silbergehalt unterschiedliche Verfärbungen hervorruft. Auch gibt es physikalisch-chemische Messgeräte. Im 17. Jahrhundert blieb nur das Probeschmelzen.

Dabei wurde eine geringe Menge Erz zerkleinert, geröstet, gewaschen und getrocknet. Das zerstoßene Erz wurde in eine Kupelle gegeben. Das war eine ungefähr teelichtgroße Schale, die aus gepresster Knochenasche oder Hirschhornpulver bestand. Zusammen mit diversen Zusatzstoffen wurde alles im Probierofen verflüssigt. Die Zusätze oxidierten und wurden von der porösen Kupelle aufgesogen. Zurück blieb reines Silber. (mu)

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