Wutausbrüche lassen Mutter verzweifeln

Ihre Tochter ist anders als andere Kinder. Eine Diagnose gibt es, aber keine Besserung. Deshalb wünscht sich Manuela Richter aus Aue nichts mehr als eine weitere Expertenmeinung.

Aue.

Sie ist ratlos. Selbst ihre Mimik und Gestik sprechen Bände, wenn Manuela Richter über das Liebste einer jeden Mutter redet: ihr eigenes Kind. Denn die Tochter der 38-jährigen Auerin ist anders. Ganz anders als normale Kinder.

"Es belastet mich", sagt die zierliche Frau, hebt die Hände, sinkt in sich zusammen, aus jeder Pore spricht Ratlosigkeit. Die Geschichte klingt unglaublich. Ihre Tochter, heute 13 Jahre alt, konnte in drei Kitas und sechs Schulen nicht Fuß fassen. Sieben mehrwöchige Aufenthalte in der Psychiatrie brachten keine dauerhafte Besserung.

Wie muss sich dieses Kind fühlen? "Ich weiß es nicht", sagt Manuela Richter. Denn immer, wenn es um Gefühle geht, blockt das Mädchen ab. Eine Bindungsstörung diagnostizierten die Ärzte. Daran glaubt die Mutter nicht. Sie vermutet - wie beim Kindsvater - das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus, der strenge Regelmäßigkeiten fordert. Genau das sei bei ihrer Tochter der Fall. "Ändern sich Dinge, auch nur ganz kleine, flippt sie aus."

Ein Beispiel: Eine für draußen geplante Geburtstagsfeier musste wegen schlechten Wetters nach drinnen verlegt werden - ein Wutausbruch folgte. Die kopflosen Ausraster mit Geschrei, Gewalt gegen sich selbst und andere können laut der Mutter bis zu acht Stunden dauern. Notarzt und Polizei - alle standen schon vor der Wohnungstür. "Sie brüllt und reißt sich Haare aus, schlägt den Kopf gegen die Wand. Es ist grauenhaft." Doch weil die Tochter den Blickkontakt halten kann, schließen Ärzte Asperger aus. "Sie sagten auch, ich würde nach einer Trendkrankheit suchen."

Manuela Richter bleibt dabei: Eine Bindungsstörung sei es nicht. "Aber nach zehn Jahren mit monatelangem Aufenthalt in Kliniken und therapeutischen Wohngruppen ist es ja klar, dass das Miteinander kein normales ist." Obwohl sie sich teils wochenlang nicht sehen, verstehe sie sich mit ihrer Tochter gut. "Ich liebe sie. Wir telefonieren täglich."

Körperlich und geistig entwickelt sich das Mädchen insgesamt normal, obwohl es wegen seiner Krankheit mit 13 Jahren nur drei Zeugnisse vorweisen kann. Auch Betreuer hatte das Kind schon, etwa für Schule und Hort. "Das klappte teils gut. Aber sobald die Bezugsperson wechselte, kam es zum Bruch. Meine Tochter kann sich schwer auf neue Leute einstellen", sagt Richter.

Im Sozial-Pädiatrischen Zentrum Aue wurde der Zweijährigen einst ein auffälliges Verhalten bescheinigt. Drei Jahre später folgte der erste Aufenthalt in der Psychiatrie in Rodewisch. "Schule funktionierte zu Beginn - bis auf Wandertage und Sportfeste, wo alles anders lief als im Unterricht", erzählt Richter.

Das Jugendamt habe die Familie stets unterstützt. "Wir bekamen einen Platz in einer heilpädagogischen Tagesstätte sowie Betreuerinnen, die mein Kind zur Schule begleiteten. Nichts war auf Dauer erfolgreich. Trotz einer angeblich sicheren Diagnose. Daher glaube ich nicht an die Bindungsstörung", so die Mutter. Ihre Tochter brauche einen ständigen Betreuer - doch dazu ist eine präzisere Diagnose nötig.

2016 war Manuela Richter am Boden. Sogar das Sorgerecht wollte sie abgeben. Es folgte der Umzug der Tochter zum Vater in die Schweiz. Doch auch da blieb sie nicht lange auf der Schule. "Mein Ex lief auch gegen Wände, konnte nicht viel erreichen", sagt die Mutter. Im Sommer nahm er sich das Leben. Das Mädchen musste zurück - auf direktem Weg in die Psychiatrie. "Ich kann sie nicht aufnehmen", sagt die Auerin. Da sie bis vor kurzem langzeitarbeitslos war, musste sie nach dem Wegzug der Tochter in eine kleinere Wohnung ziehen.

Ob ihre Tochter jemals zu ihr zurückkehrt? "Ich weiß es nicht", sagt Manuela Richter ratlos. "Ich würde mir nichts mehr wünschen, als einen Experten zu finden, der sich mein Kind noch einmal anschaut, und dass es meiner Tochter dauerhaft besser geht." Mit der bisherigen Diagnose jedoch liege das in weiter Ferne. Noch immer hoffe sie, dass es für die 13-Jährige eine Einrichtung gibt, in der sie sich wohlfühlen und halbwegs normal entwickeln kann.


Das sagen Fachleute

Das Referat Jugendhilfe im Landratsamt Erzgebirgskreis bestätigt den Leidensweg des Mädchens. Seit Ende August befindet sich das Kind wieder in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Rodewisch.

Zur weiteren Perspektive des Kindes könne aber keine Aussage getroffen werden, heißt es. Zur Wahl stehen laut Amt die Fortsetzung der stationären Therapie oder die Aufnahme in eine spezialisierte Einrichtung der Jugendhilfe mit therapeutischem Ansatz und integrierter Beschulung.

Diplom-Psychologe Frederik Haarig vom Uniklinikum Dresden sagt: "Es hört sich nach einer schwierigen Situation an. Unabhängig davon, worunter das Mädchen leidet, sollte etwas getan werden." Zumal sich am Zustand seit langem nicht viel ändert.

Das Asperger-Syndrom hält Haarig für unwahrscheinlich. "Nur ein Prozent der Bevölkerung leidet darunter. Die meisten Betroffenen haben klar autistische Züge und sind geistig behindert", so der Pöhlaer. Daher schließe er das nahezu aus. "Eine Bindungsstörung kann es sein, aber auch eine Persönlichkeitsstörung ist möglich." Denn nach all der Zeit und dem langen Leidensweg können inzwischen weitere Störungen eine Rolle spielen. "Die Mutter muss dran bleiben und nach neuen Konzepten zur Unterstützung suchen", sagt er.

Gute Anlaufstellen seien das Sozial-Pädiatrische Zentrum Chemnitz oder Autismus-orientierte Kliniken wie das Klinikum Annaberg und die Uniklinik Dresden - für den ergänzenden Blick. Hinzu kommen Beratungsstellen vor Ort, etwa bei der Diakonie Bad Schlema oder in Zwickau. Haarig sagt aber auch: "Nach so langer Zeit wird es dauern, bis sich etwas ändert." (ane)

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