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Gudrun Saß diskutiert bei einem Waldrundgang mit Revierförster Mischa Schubert.

Foto: Dirk TrautmannBild 1 / 5

Wie gesund ist der Erzgebirgswald wirklich?

Abgestorbene Bäume, Pilzbefall, Neophyten und Brombeergestrüpp breiten sich aus. Das klingt nicht gut. Doch der erste Eindruck kann täuschen.

Von Mike Baldauf
erschienen am 09.09.2017

Waldkirchen. Den Wald, in dem Gudrun Saß als Kind spielte, erkennt sie heute kaum wieder. Viele Jahre lebte sie in Berlin, inzwischen ist sie in die alte Heimat zurückgekehrt. Das Hölzel bei Waldkirchen hat sich seitdem stark verändert. Als Zwölfjährige lief sie durch den Fichtenwald, pflückte Blaubeeren und sammelte Pilze. Früher sah hier alles aus wie geleckt. Wo sich damals ein karg bewachsener, mit Nadeln bedeckter Waldboden ausbreitete, wächst heute üppiges Grün - Gudrun Saß spricht von Unkraut.

Auch die Bäume bereiten ihr Sorgen. "In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Gesundheitszustand vieler Arten so verschlechtert, dass man sich mal Gedanken machen sollte, was da schiefgelaufen ist", sagt die Rentnerin, die früher im Gärtnereiwesen tätig war. Das Grundübel in ihren Augen: Flechten- und Pilzbefall. Nicht verstehen kann sie, dass der Forst Gehölze mit sichtbarem Pilzbefall stehen lässt. Die Waldkirchenerin befürchtet, dass sich die Sporen ausbreiten und weitere gesunde Bäume befallen.

Die Ängste von Gudrun Saß teilt der Borstendorfer Revierleiter Mischa Schubert nicht. Dass der Wald heute so aussieht, liegt an der naturnahen Bewirtschaftung, sagt er. Der Begriff bezeichnet eine Wirtschaftsweise, die ohne großflächige Kahlschläge und nach dem Mischwaldprinzip die Holzproduktion betreibt und deswegen deutlich naturschonender ist als konventionelle Forstwirtschaft. Der Sachsenforst setzt auf natürliche Waldverjüngung: Reifes Holz wird aus dem Bestand herausgeschnitten, damit sich unter dem aufgelichteten Dach neues Grün entwickelt. "Freie Presse" hat Gudrun Saß und Revierförster Schubert bei einem Rundgang durch das Hölzel begleitet:

Brombeersträucher und anderes Gestrüpp: Gudrun Saß und Revierleiter Schubert stehen vor einem Waldstück, in dem Pilzgänger und Beerensammler kaum Freude haben dürften. Kniehohe Pflanzen bedecken den Boden. Brombeersträucher breiten ihre stacheligen Triebe in alle Richtungen aus. "Hier wachsen keine Heidelbeeren mehr", sagt Saß. Mischa Schubert zeigt auf kleine Buchen, die in 80 Jahren eine stattliche Größe erreichen sollten. Der aufgelichtete Wald bietet nicht nur den jungen Bäumchen Lebensraum. "Licht ist ein wichtiger Faktor, der das Wachstum von allen möglichen Pflanzen auf dem Waldboden beeinflusst", sagt der Fachmann. Das Brombeergestrüpp behindere Rehe im Übrigen nicht bei der Fortbewegung, wie Gudrun Saß vermutet. Vielmehr biete der Bodenbewuchs Wildtieren eine gute Deckung, erklärt Schubert.

Springkraut breitet sich aus: Eine um die zwei Meter hohe Pflanze mit rosafarbenen Blüten drängt sich Spaziergängern immer wieder auf - manchmal in kleinen Gruppen am Wegrand, oft auch großflächig auf 100 Quadratmetern und mehr. Das Drüsige Springkraut gilt als invasiver Neophyt (einst aus Indien eingeschleppt), das sich zunehmend im Wald ausbreitet. Dazu muss es nur genügend Licht und Feuchtigkeit vorfinden. Die Art verdrängt einheimische Pflanzen, selbst die Brennnessel hat keine Chance. "Alle müssen mitwirken, um das Kraut wirksam zu bekämpfen", sagt Saß. Mischa Schubert kann das nachvollziehen. Doch der Aufwand wäre enorm. Schätzungsweise 200 Hektar im 1500 Hektar großen Borstendorfer Revier sind heute überwuchert. Der Forst hat den Kampf aufgegeben. "Finanziell und personell nicht zu stemmen", sagt Schubert.

Gehölze mit Pilzbefall bleiben stehen: Gudrun Saß ist aufgefallen, dass gesundes Holz herausgeschnitten wird, während Bäume mit Pilzkrankheiten stehen bleiben. Noch nie habe sie so viele kranke Bäume gesehen. Die Waldkirchenerin ist sich sicher, dass sich die Sporen ausbreiten und auch gesunde Gehölze befallen. Dem widerspricht Mischa Schubert: "Der Pilz geht nur an Bäume, die schon krank sind oder Verletzungen aufweisen." Schubert spricht von Biotop-Bäumen. "Ich will hier ja nicht nur Forstwirtschaft betreiben", sagt er und zeigt auf eine morsche Buche mit einem tiefen Riss. "Dort sind Specht, Käfer, Wildbienen, Hornissen und Fledermaus zuhause." Auch der finanzielle Aspekt spiele eine Rolle: Weil das Holz eines geschädigten Baumes weniger wert ist, rechne sich die Ernte kaum.

Flechten an Bäumen: Die Rinde von Birken im Hölzel ist oft schwarz statt weiß. Auch an anderen Bäumen wachsen Flechten und Moose, die Gudrun Saß früher nicht gesehen hat. Die Veränderungen hängen mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüchen seit der politischen Wende zusammen. Mit dem Rückgang der Schadstoffemissionen wurden resistente Flechten zurückgedrängt. Stattdessen tauchten sensiblere Arten wieder auf, die teilweise als verschollen galten. Naturschützer werten eine Vielfalt an Flechten als Anzeiger von Luftreinheit. Für Bäume geht von einem Bewuchs keine Gefahr aus, sagt Mischa Schubert.

 
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