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Ein Mix aus Klingelschildern, die im Erzgebirge häufig vorkommen.

Foto: Jan GörnerBild 1 / 2

Wo kommen all die Uhligs, Kadens und Baldaufs her?

Forscher Jürgen Udolph spricht im Interview über Herkunft und Bedeutung typischer Namen im Erzgebirge

erschienen am 17.07.2017

"Haste schon gehört, was der Wittig gemacht hat?" - "Nein, welcher denn?" So ähnlich beginnen wohl viele Gespräche im Erzgebirge. Wer über seine Nachbarn redet, stiftet leicht Verwirrung, weil auch der Bäcker oder der Elektriker gemeint sein könnte. Fast jeder dürfte mehrere Wittigs, Hausteins, oder Flaths kennen. Christoph Pengel hat den Namensforscher Jürgen Udolph gefragt, was es mit dieser Häufung auf sich hat.

Freie Presse: Im Erzgebirge wimmelt es offenbar von Baldaufs, Kadens, Wittigs und Hausteins. Welcher Nachname kommt im Erzgebirge am häufigsten vor?

Jürgen Udolph : Richter ist der Name, der in Ihrer Region am häufigsten auftaucht.

Ich muss sagen, das enttäuscht mich jetzt etwas.

Im Grunde ist Ihr Eindruck ja nicht falsch. Es ist nur so, dass Nachnamen wie Richter oder Müller - übrigens Platz 2 im Erzgebirge - in ganz Deutschland stark verbreitet sind. Deshalb landen sie auch in den regionalen Ranglisten oft weit oben. Der dritthäufigste Nachname im Kreis ist allerdings sehr typisch für das Erzgebirge: Uhlig.

Da kenne ich einige. Wie finden Sie das heraus?

Anhand von Telefonlisten. Es gibt CDs mit Millionen von Einträgen. Darauf bauen Statistiken auf, die der Programmierer Christoph Stölpel auf seiner Homepage zu Grafiken verarbeitet. Wenn Sie den Namen "Uhlig" eingeben, ergibt die Suche 393 Treffer im Erzgebirge.

Was bedeutet der Name?

"Uhlig" kommt von "Uhling". Das "n" fiel später weg. Der Nachname leitet sich wiederum von "Ulrich" ab, einem alten Vornamen. Die ursprünglich Bedeutung hat mit Besitz und Eigentum zu tun. Da die Vorgänger von "Uhlig" zunächst Vornamen waren, heißt das jedoch: Der Namensträger muss nicht wirklich etwas besessen haben. Vornamen wurden oft vergeben, ohne dass man auf die Bedeutung gesehen hat. Das ist heute noch immer so.

Wie kommt es zur Häufung von Namen?

Das hat mehrere Gründe: Erstens führen Dialekte und Mundarten dazu, dass sich bestimmte Varianten etablieren. Zweitens sind viele Namen Ableitungen von Ortsnamen. Mussten Menschen ihre Heimat verlassen, wurden sie oft dort, wo sie ein neues Zuhause fanden, nach ihrem Herkunftsort benannt. So entstanden regelrechte Kränze um Orte herum, meist im Abstand von 30 bis 40 Kilometern.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Der Name Kaden - Platz 11 im Erzgebirge - stammt von Leuten, die aus dem tschechischen Kadan (bis 1945 deutsch: Kaaden) ausgesiedelt sind und sich in Sachsen niedergelassen haben. In einigen Fällen lässt sich zeigen, dass eine Konzentration von Hunderten Namensträgern auf eine einzige Person zurückgeht. Ein Grund: Die Leute haben damals viel mehr Kinder bekommen als heute.

Ist die Konzentration im Erzgebirge ungewöhnlich hoch?

Nein. Häufungen sind bei Nachnamen die Regel. Die Ausnahme - breite Streuung - beobachten wir nur, wenn Krieg, Vertreibung und Flucht eine Rolle spielen.

Okay, jetzt die anderen Namen im Schnelldurchlauf. Woher kommt Haustein?

Das kommt von "Hau den Stein" und deutet auf den Beruf des Steinmetzes hin.

Wittig?

Wittig kommt von Widigo, das ist altgermanisch und heißt so viel wie: der Mann aus dem Wald. Hier ist auch eine Verwandtschaft zu dem englischen Wort "wood" erkennbar.

Flath?

Ein Fladenbäcker.

Und welchem Beruf lässt sich Ficker zuordnen?

Ficker bezeichnet einen nervösen Menschen. In einigen Landstrichen sagt man ja auch: Ich bin fickrig, also aufgeregt.

Baldauf?

So wurden Frühaufsteher genannt. Noch deutlicher wird das in der verwandten Form "Frühauf". Interessant an Baldauf ist, dass sich drei große Häufungszentren entwickelt haben - offenbar unabhängig voneinander: im Erzgebirge, am Bodensee und in Rheinland-Pfalz. Ähnlich ist es bei dem Namen Flath, der auch in Südhessen häufig auftritt.

Lässt sich herausfinden, wann der erste Baldauf bei uns auftauchte?

Ja. Der Namensforscher Volkmar Hellfritzsch hat zwei Bücher geschrieben, die bei der Recherche hilfreich sind: das "Familiennamenbuch des sächsischen Vogtlandes" und "Personennamen Südwestsachsens". Daraus geht hervor: Der Name Baldauf wird erstmals 1519 in einem Steuerregister in Plauen erwähnt. Kaden taucht zuerst 1382 in einem Urkundenbuch auf, auch in Plauen.

Gibt es Namen, die ausgestorben sind?

Auf jeden Fall. Ich habe in den vergangenen Jahren mehr als 25.000 Familiennamen untersucht, darunter waren Exemplare, die nur ein einziges Mal vorkamen. Wenn der letzte dieser seltenen Namensträger ohne Nachkommen stirbt, war's das eben. Um herauszufinden, welche Namen im Erzgebirge ausgestorben sind, müsste man die alten Urkunden studieren und prüfen, ob darin Namen stehen, die heute verschwunden sind. Das ist allerdings schwierig festzustellen.

 
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