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Foto: Jens Kalaene/dpa/Archiv

Das Handyverbot ist der Stubenarrest von heute

Wie verändert die Nutzung von Handy und Co. die Kommunikation unter Jugendlichen? Sie sind die erste Generation, die damit aufwächst, immer und überall online zu sein. Ein Gespräch mit dem Nachwuchs aber zeigt: Sie können auch ohne.

Von Kathrin Neumann
erschienen am 16.05.2018

Leukersdorf. Schon vor dem Aufstehen hat Max* das Handy in der Hand. "Ich nehm' es als Wecker, und ich höre damit Musik. Und dann gucke ich schon morgens mal, was ich für Nachrichten bekommen habe", erzählt der 17-Jährige. Seit der fünften Klasse besitzt er ein Handy. Damals war es ein Gerät zum Telefonieren und SMS verschicken, ohne Kamera, ohne Internetanschluss. Heute steckt die ganze Welt quasi in dem kleinen Kasten. All seine Freunde sind bei Instragram aktiv, einem sozialen Netzwerk, das den Fokus auf Bilder legt. Max erzählt, dass er Paare kennt, die sich dort kennengelernt haben. Man signalisiert mit einem Klick, dass einem das Bild gefällt, kommentiert sich gegenseitig. In der virtuellen Welt sind Zwei sich längst vertraut, noch ehe es zum ersten Treffen kommt.

Die Digitalisierung verändert die Lebenswelt der Jugendlichen gravierend. Jana Heinrich ist Mutter von vier Kindern zwischen 1 und 13 Jahren. Sie nennt ein Beispiel: "Hausaufgaben werden nicht mehr abgeschrieben. Das wird fotografiert und sich geschickt. Auch die Organisation der Freizeitgestaltung läuft digital. Die schreiben sich eher, als dass sie sich anrufen oder vorbeigehen." Das bedauert sie sehr. "Unsere Kinder werden träger. Und isoliert. Sie denken, sie sind rundum informiert, aber eigentlich vereinsamen sie."

Fast immer ist der Messengerdienst WhatsApp der Kommunikationskanal Nummer 1. Dort gibt es Gruppen, in denen sich nur die Schüler organisieren, und Gruppen unter den Eltern, in der dann meist noch der Klassenlehrer dabei ist, berichtet Heinrich. Das habe auch Vorteile, etwa schnell über Stundenausfall informiert zu werden. Jana Heinrich ist froh, dass ihre Kinder den Handykonsum im Griff haben. Doch sie kennt Eltern, die das Handy ihrer Kinder mit ins Bett nehmen müssen, damit diese nicht die Nacht hindurch daddeln.Die Regel zuhause, dass das Handy am Esstisch nichts zu suchen hat, kennen sie fast alle. "Bei uns heißt es: Solange noch einer isst, bleibt es in der Tasche", berichtet der 16-jährige Leon und das findet er gut so. Ohne Handy sein zu müssen, das ist der Stubenarrest von früher, das Druckmittel der heutigen Eltern. Das merkt auch Dennis Lischo, Schulleiter des Evangelischen Gymnasiums Leukersdorf: "Schon interessant, wie sich das wandelt. Bei mir als Kind war zum Beispiel der Tennisschläger weg, wenn ich Mist gebaut hatte. Heute ist es für die Kinder ja schon fast eine Strafe, raus zu müssen."

Dennis Lischo - Schulleiter des Evangelischen Gymnasiums Leukersdorf

Foto: Georg Ulrich Dostmann

Die virtuelle Welt hat eine Kehrseite: Bei Dennis Lischo sitzen regelmäßig Schüler im Büro, die von Anfeindungen und Beleidigungen berichten. "Aus meiner Sicht sind diese WhatsApp-Gruppen das größte Übel. Dort werden Dinge geschrieben, die man sich von Auge zu Auge vermutlich nicht trauen würde zu sagen." Viel machen könne man da nicht. "Die Kommunikation verroht. Aber wir als Schule können nicht beeinflussen, was die Schüler in der Freizeit machen." Max und Leon berichten, dass vor allem auf dem Online-Kanal Youtube, auf den jeder Videos hochladen kann, immer wieder unangebrachte Kritik erscheint. "Da steht schnell mal so was wie: Wie dumm ist das denn!" Auch die 13-jährige Anne kennt ein Mädchen, das per WhatsApp beschimpft wurde. "Sie hat dann die Leute blockiert und den Dienst eine Zeit lang nicht mehr benutzt. Irgendwann war der Sturm vorbei."

Die zunehmende Digitalisierung zeigt sich auch beim Lernen. Google ist für die meisten Schüler wichtiger Begleiter bei den Hausaufgaben. "Ich glaub, ich hab noch nie für die Schule ein Buch ausgeliehen", räumt Max ein. Das mit dem Vereinsamen sieht er aber anders. "Bei mir entwickelt es sich wieder in eine andere Richtung. Ich glaube, ich unterhalte mich wieder viel mehr als früher." Vielleicht auch, weil es ihm zu anstrengend ist, die Worte einzutippen. Trotzdem: "Anrufen geht schneller. Und es ist persönlicher."

Das Kommunzieren per Nachricht nimmt zuweilen seltsame Blüten an, wie Leon berichtet. "Wir dürfen unser Handy ja an der Schule nicht benutzen. Nur im Freistundenzimmer der Elfer und Zwölfer ist es erlaubt. Da sitzen dann alle am Handy, und es passiert schon mal, dass man eine Nachricht vom Kumpel kriegt, der direkt daneben sitzt." Leon ist es peinlich, das zu erzählen. "Eigentlich ist es traurig."

Einfach beim Nachbarsjungen an der Haustür klingeln und fragen, ob er mit Fußball spielt? Bei Anton passiert das noch. Der Elfjährige hat den Vorschlag seiner Eltern, ihm ein Handy zu kaufen, abgelehnt. "Ich brauch' keins. Wir haben ein Telefon zuhause." Anne indes gibt zu: "Ich wünschte, ich würde das Handy weniger benutzen. Aber es fällt mir schwer. Ich will ja nichts verpassen."

* Namen aller Jugendlichen geändert

Zur Serie Digitalisierung sind seit dem Auftakt am 31. März mehrere Teile erschienen - zuletzt über das vernetzte Pflegeheim.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
1
Kommentare
1
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 16.05.2018
    09:37 Uhr

    kartracer: Erschreckend, wer nur ein klein wenig
    darüber nachdenkt, weiß, wohin die Reise geht.
    Gab es nicht den Fachkräfte Mangel?
    Leider müssen dafür Interessen geweckt werden, und
    das ist nicht mehr lustig für unsere neue Generation.
    In den Netzwerken wird eben nicht darauf hingewiesen,
    wer die daraus entstehenden Konsequenzen zu
    tragen hat, wenn das eigene Hirn immer weiter
    schrumpft.

    0 4
     
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