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In Niederdorf herrscht derzeit eine große Verunsicherung.

Foto: Jens Uhlig

Ein Dorf ist gespalten

Was macht das mit einem kleinen Ort, wenn der Verfassungsschutz schwere Vorwürfe gegen Mitglieder eines dort ansässigen Vereins erhebt? "Freie Presse" hat sich umgehört. Ein Stimmungsbild.

Von Kathrin Neumann
erschienen am 18.11.2017

Niederdorf. Durch Niederdorf geht ein Riss. "Der Ort ist gespalten. Es ist kein schönes Gefühl derzeit, es macht keinen Spaß." Der, der das sagt, führt eine der wichtigsten Säulen des Gemeinlebens in einem Dorf wie Niederdorf an. Jürgen Pfüller ist der Chef der freiwilligen Feuerwehr. Er habe ja nichts dagegen, wenn sich ein Verein engagiert und etwas für den Ort tut. "Doch wenn politische Interessen verfolgt werden, dann sollten sie in eine Partei gehen", findet er. Heimat sei ein wichtiges Thema. "Aber Heimattreue - das hat für mich schon etwas Anstößiges", so Pfüller. Dass Niederdorf beziehungsweise konkret Einwohner des Ortes nun mit dem Verfassungsschutz konfrontiert sind, hält der Wehrleiter für bedenklich. "Das machen die ja nicht umsonst. Da muss es ja schon einen Hintergrund geben."

Rückblick: Knapp zwei Wochen ist es her, dass das Landesamt für Verfassungsschutz (VS) seine Erkenntnisse über die Heimattreue Niederdorf veröffentlicht hat: Wegen Aktivitäten im Zusammenhang mit anderen rechtsextremistischen Bestrebungen beobachtet die Behörde einzelne Vereinsmitglieder - genauso wie sie das auch macht, wenn linksextremistische oder salafistische Bestrebungen vorliegen. Der Vorsitzende des Vereins, Thomas Witte, wird vom VS als rechtsextremistisch eingestuft, unter anderem wegen seiner Verbindung zum Verein Freigeist um Stefan Hartung. Thomas Witte sieht das freilich anders, in einer Stellungnahme weist der Vorstand der Heimattreue Niederdorf die Vorwürfe entschieden zurück.

Und doch stehen sie im Raum, und wirken damit auf den gesamten Ort. Als die "Freie Presse" in dieser Woche an einem kalten Tag auf den Straßen in Niederdorf unterwegs ist, um die Stimmung einzufangen, will keiner der Passanten seinen Namen nennen. Die Meinung äußern dagegen schon. Im Park am Kindergarten geht ein 43-Jähriger mit seinem Hund spazieren. "Ich kenne die Heimattreue Niederdorf gut." Er war selbst eine Zeit lang Mitglied. "Aber dann sind sie mir zu politisch geworden." Dennoch sei es ungerecht, in welches Licht der Verein jetzt gerückt wird, findet er: "Da sind ehrenwerte Leute dabei, Thomas Witte ist ein hochintelligenter Mensch." Der 43-Jährige, der seit zehn Jahren in Niederdorf lebt, fordert, nicht voreilig zu urteilen. "Die Heimattreue macht ihr Zeug, die brauchen vielleicht noch Zeit." Der Vorwurf, dass Thomas Witte rechtsextremistisch sei, "ist der Gipfel, ein absoluter Witz. Ich fühle mich an die DDR erinnert, wo Menschen diskreditiert werden, bloß weil sie ihre ehrliche Meinung sagen." Heutzutage an Grundwerte zu erinnern, das könne doch nicht schlecht sein. "Wenn auf den Dörfern nicht die Werte zusammengehalten werden, wo dann?"

Einer, der kein Problem damit hat, seinen Namen zu nennen, ist Dieter Morzelewski. Zwar wohnt er in Stollberg, doch als Chef des Kleintierzuchtvereins Niederdorf ist er fest im Ort verankert. "Ich lehne die Heimattreue Niederdorf kategorisch ab. Was die vor zwei Jahren lauthals geäußert haben, das waren schlimme Worte gegen Ausländer." Dass der Verfassungsschutz nun ein Auge auf Personen im Verein hat, "wundert mich überhaupt nicht. Dann scheint meine Meinung nicht ganz so abwegig zu sein." Der 61-Jährige räumt jedoch ein, dass er sich damit derzeit nur ungern öffentlich positioniert. "Es sind sicher nicht alle Niederdorfer so, aber wer so eine Meinung hat wie ich, der sagt sie lieber hinter der Gardine."

Eine 80-jährige Frau kommt unweit der Feuerwehr auf ihrem Fahrrad vorbei gefahren, die Handtasche klemmt auf dem Gepäckträger. "Ich habe zu dem Verein keine Verbindung, weiß auch gar nicht so genau, was die eigentlich machen." Sie erinnert an die DDR-Zeiten, als es den Dorfclub gab. "Ich hab gehört, die von der Heimattreue organisieren auch mal einen Tanz in der Halle. Das ist doch eine gute Sache."

Dann lässt die 80-Jährige durchblicken, wie sich das Dorf verändert hat, seit es "das Heim" gibt. Früher saßen in dem Gebäude an der Dorfstraße Mitarbeiter des Landratsamtes, heute betreibt der Erzgebirgskreis es als Unterkunft für derzeit knapp 100 Asylbewerber. In Niederdorf leben rund 1200 Menschen, die Heimattreue zählt 83 Mitglieder. "Das war nicht einfach für uns alle. Wir haben schon Angst, dass etwas passiert. Ich meine, es ist ruhig. Und wenn man die Ausländer trifft, sind sie ganz freundlich. Aber abends gehe ich nicht mehr so gerne raus."

Ein Rentner ist unterwegs und winkt gleich ab, als die Reporterin ihn auf der Straße auf den Verein Heimattreue Niederdorf anspricht. "Hören Sie mir bloß auf mit dieser Truppe." Warum? "Ach, die haben doch keine Ahnung. Wenn sich der Verein gleich nach der Wende gegründet hätte, als es hier nichts gab, würde ich das ja verstehen. Aber sie haben sich zum Zeitpunkt der Flüchtlingskrise gegründet, und viele der Äußerungen sind mir einfach zu blöd." Er sei nicht links und nicht rechts. "Aber ich finde es auch nicht in Ordnung, dass die Ausländer hier Geld bekommen, obwohl sie noch nie etwas für das Land gemacht haben, und unsere Kinder sitzen in unsanierten Schulen oder müssen zur Arche gehen, weil das Geld fürs Essen nicht reicht. Sollen die da oben erst einmal an uns denken." Der Rentner ist sich dennoch sicher, dass nicht das ganze Dorf hinter dem Verein steht. "Zwar ist es ruhig rund ums Heim. Aber wenn hier was passiert, können sie sich sicher sein: Dann brennt es im Dorf."

Eine junge Mutter spaziert mit ihrer Tochter die Dorfstraße entlang. "Wir wohnen fast gegenüber vom Heim, die Straße rein", erzählt die 29-Jährige. Immer mal wieder werde sie angesprochen, wie das denn sei, so nah an einer Asylbewerberunterkunft zu wohnen. "Aber nach der Heimattreue Niederdorf hat mich noch keiner gefragt. Ich wüsste nicht mal, wer da mitmacht und wo die sich genau treffen." Sie findet es aber richtig, dass der Verein kritisch auf das Thema Flüchtlinge schaut. "Es darf eben nur nicht ausarten."

 
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