"Es darf keine Denkverbote geben"

Wahl 2017: Die "Freie Presse" stellt Kandidaten im Wahlkreis 163 vor, die sich bei der Bundestagswahl um ein Direktmandat bewerben. Heute: Kristian Reinhold von der FDP, der es schon einmal wissen wollte.

Chemnitz/Penig.

Da steht der hochgewachsene FDP-Politiker der ersten Stunde im sportlichen Jackett und Jeans auf der Muldenbrücke in Penig. "Ich bin oft hier", sagt Kristian Reinhold. Der 58-Jährige kandidiert zum zweiten Mal für den Bundestag. Seinen Lebensmittelpunkt hat er inzwischen nach Langenleuba-Oberhain verlegt, wo seine Partnerin wohnt, die eine Damen-Modeboutique in Penig betreibt. Ist es die Frau, die auch in ankleidet? Er lacht: "Meine Klamotten kaufe ich selbst." Aber auf ihren Rat höre er.

Über politische Themen sprechen die beiden aber kaum. Da wusste Reinhold schon immer, was er wollte: "Ich bin ein freiheitsliebender Mensch." Sozialer Fortschritt und Gerechtigkeit liegen ihm am Herzen, sagt er. Schon im Elternhaus in Dresden habe es politische Gespräche gegeben. Dabei imponierte ihn schon frühzeitig FDP-Galionsfigur Dietrich Genscher, der vor einem Jahr starb. "Solche Menschen fehlen in der Politik", fügt er hinzu. Im Februar 1990 gehörte Reinhold zu den Mitbegründern der FDP in der DDR. Vier Jahre später wurde er in Görlitz zum Stadtrat gewählt. Seit 2002 lebt und arbeitet er in Chemnitz. 2013 kandidierte er im Wahlkreis Chemnitz schon einmal für den Bundestag. Zwei Prozent der Stimmen erhielt er.

Vor reichlich zwei Jahren verließ er den Chemnitzer Kreisvorstand. "Es gab Meinungsverschiedenheiten", sagt Reinhold. Einen Rückzug will er es nicht nennen. Aber er habe sich neu orientiert und sei zum Kreisverband Zwickau gewechselt. In Limbach-Oberfrohna übernahm er den liberalen Stammtisch und den Chefposten in der Ortsgruppe, weil der Vorgänger in die AfD gewechselt war.

Hat Reinhold Berührungsängste mit der Alternative für Deutschland? "Nein", sagt er überzeugt. Dieser Partei sei es zu verdanken, dass sich die Leute wieder für Politik interessieren würden. "Die AfD ist ein Gewinn für die Demokratie", sagt der Liberale. Eine Koalition mit der rechtspopulistischen Partei lehnt er aber auf Bundesebene ab. Dabei lässt er durchblicken, dass er einige AfD-Positionen in der Flüchtlingskrise durchaus unterstreichen könne. Wenn die FDP wieder in den Bundestag komme, müsste als erstes ein Einwanderungsgesetz verabschiedet werden. "Wir können doch nicht alle Schutzbedürftigen dieser Welt aufnehmen", sagt Reinhold.

Er glaubt, dass die FDP als drittstärkste Partei wieder in den Bundestag einzieht. Dabei nennt er keine Prozente. Aber die 18-Prozent-Debatte seiner Vorgänger hakt er als Spaßgeschichte ab. Ihn stört es auch nicht, dass sein Konterfei nicht rings um Chemnitz von Wahlplakaten zu sehen ist. "Mich kennen doch die wenigsten." Deshalb sei es richtig, dass FDP-Chef Christian Lindner einem von vielen Straßenlaternen entgegen lächle. Auch glaubt Reinhold nicht, dass er als Direktkandidat wirklich eine Chance hat.

Er hängt an seinem Job. Dabei fordere ihn zudem seine Arbeit als forensischer Gutachter. Er komme mit Straftätern zusammen, könne ihre Psyche studieren und so ihre Schuldfähigkeit einschätzen. Auch dadurch habe er es gelernt, die Menschen zu verstehen und ihre Beweggründe einzuschätzen. Dieses Verständnis wünscht er sich auch in der Politik. "Es darf keine Denkverbote geben." In politischen Diskussionen vermisse er die nötige Sachkenntnis. "Da wird vieles populistisch vereinfacht, gibt es Vorurteile." Er nennt die Atomenergie. Den Ausstieg um jeden Preis lehne er ab. Dabei schaut er nach Finnland, wo ein neuer Reaktor in Betrieb gegangen ist. "Die sind doch nicht dumm." Neueste Technologien hätten eine Zukunft. Ein Land dürfe sich nicht abhängig vom Öl machen, zumal dann Zugeständnisse an nichtdemokratischen Lieferstaaten wie Russland, Nigeria oder Libyen gemacht würde.


Experte für Psychiatrie und Mitbegründer der FDP

Geburtstag und -ort: 1. Oktober 1958 in Dresden

Wohnort: Chemnitz und Langenleuba-Oberhain

Familienstand/Konfession: Lebensgemeinschaft, zwei Kinder, evangelisch-lutherisch

Ausbildung/Beruf: Medizinstudium Berlin, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren, Psychiatrie und Psychotherapie

Aktuelle Tätigkeit: Oberarzt am Klinikum Chemnitz

Hobbys: Badminton, Sammeln von wertvollen Briefumschlägen

Parteizugehörigkeit: bis 1989 keine, 1990 Mitbegründer der FDP in DDR


Gegen eine Ehe für alle und ein Zentral-Abi

Fragen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden sollten:

Ehe für alle: Wie hätten Sie gestimmt?

Mit Nein.

Sind Sie für die Einführung einer Obergrenze bei der Zuwanderung von Flüchtlingen?

Nein.

Sollte es ein bundesweites Zentralabitur geben?

Nein.

Sollte es ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle geben?

Nein.

Sollten die Sanktionen gegenüber Russland aufgehoben werden?

Ja.

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