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Dr. Gerald Bretschneider - Oberarzt an der Klinik für Viszeral- und Gefäßchirurgie

Foto: Christian Grimm/KKH STL

In hiesiger Klinik wird neue OP-Methode angewandt

Nicht nur heilen, sondern auch vorsorgen - das verbirgt sich hinter dem Verfahren Elar plus bei Bauchwandbrüchen. Erste Erfahrungen sind positiv. Unumstritten ist die Operation allerdings nicht.

Von Viola Gerhard
erschienen am 11.10.2017

Stollberg. Die ersten Erfahrungen mit dem neuen Operationsverfahren, das bei Bauchwandbrüchen angewendet wird, sind durchweg positiv, erklärt Dr. Gerald Bretschneider, Oberarzt an der Klinik für Viszeral- und Gefäßchirurgie am Stollberger Kreiskrankenhaus. Er ist der bislang einzige, der es in Stollberg anwendet. Der Chirurg räumt aber auch ein, dass es in Fachkreisen nicht unumstritten ist.

Worum geht es? Bei Bauchwandbrüchen, beispielsweise einem Nabel- oder Oberbauchbruch, handelt es sich um den Austritt von Eingeweiden aus der Bauchhöhle durch eine Lücke in den tragenden Bauchwandschichten - Hernie genannt. Zur Bruchbildung neigen laut Bretschneider insbesondere die Leistengegend und der Oberbauch, weil die Bauchwand dort weniger Widerstand zum Innendruck des Bauches leistet. Bisher seien zur Behandlung zwei grundlegende Verfahren angewendet worden: Bei Brüchen bis zu zwei Zentimetern wird die Bauchwand einfach zugenäht, größere Brüche werden mit einem nichtlöslichen Kunststoffnetz geschlossen. Dabei werde aber eines völlig außer acht gelassen: Es gibt Patienten, die an einer Bindegewebsschwäche der Bauchwand-Mittellinie leiden. Diese Schwäche ist ein Risikofaktor dafür, dass es nach einer Bruchoperation in der unmittelbaren OP-Region zu einem erneuten Bruch kommen kann, erklärt er Oberarzt.

Das in diesem Jahr durch ihn neu am Kreiskrankenhaus eingeführte Verfahren "Endoskopisch-assistierte Linea alba Repair", kurz: Elar plus, ist nun genau für jene Patienten mit einem Nabel- und Oberbauchbruch geeignet, die zusätzlich unter einer solchen Bindegewebsschwäche der Bauchwand-Mittellinie leiden. Einfach erklärt, wird dabei über einen kleinen, wenige Zentimeter langen Schnitt nicht nur der Bruch geschlossen, sondern mit einem speziellen, größeren Netz der gesamte Oberbach versorgt - indem das Netz auch oberhalb des eigentlichen Bruches eingebaut und so dort die Mittellinie gestärkt wird. Nötig sei dafür ein spezielles Instrumentarium sowie eine Videooptik, wie sie auch bei Bauchspiegelungen benutzt wird. Der Vorteil: Der operative Zugang ist nur klein, was weniger Belastung für den Patienten und ein geringeres Risiko für Wundheilungsstörungen bedeutet, erklärt der Chirurg.

Gegner des Elar plus meinen, der Patient werde übertherapiert, weil in einer Region operiert wird, in der noch gar kein Bruch aufgetreten ist. Gerald Bretschneider setzt dagegen, dass man bei einem Nabelbruch und nachgewiesener Ausdünnung der Bauchwand das bestehende Risiko eines weiteren Bruches beachten und minimieren sollte.

Die Erfahrungen seien positiv, sagt er. Professor Ferdinand Köckerling habe das Verfahren am Vivantes Klinikum Berlin-Spandau etabliert und in den drei bis vier Jahren, die er es anwendet, habe es keine Wiederkehrer oder größere Probleme bezüglich beispielsweise der Wundheilung gegeben. Auch Bretschneider selbst, der Anfang dieses Jahres nach dem Besuch mehrerer Weiterbildungen in Stollberg mit Operationen nach dem Elar plus begonnen und bisher sieben Patienten behandelt hat, sind keine Komplikationen bekannt.

Die Entscheidung für oder gegen Elar plus liege beim Betroffenen selbst, erklärt er. Wenn festgestellt werde, dass bei einem Patienten zuzüglich zu einem Bruch eine Bindegewebsschwäche der Mittellinie vorliegt, kläre er ihn über die Alternativ-OP zu den althergebrachten Methoden auf, sagt Bretschneider. Er sage dann auch, dass Elar plus relativ neu sei und man noch Erfahrungen sammle.

Eine Reportage über eine OP nach dem Verfahren Elar plus lesen Sie auf Seite 11.

Das Netz wird auf 28 mal zwölf Zentimeter zugeschnitten.

Foto: Christian Grimm/KKH STLBild 1 / 3

OP ist Heilung und Prophylaxe zugleich           

Bisher wurde bei der Operation eines Bruches nur die eigentliche Lücke in der Bauchwand geschlossen. Ein neues Verfahren soll nun gleichzeitig weiteren Brüchen vorbeugen - "Freie Presse" hat Chirurgen des Kreiskrankenhauses Stollberg über die Schulter geschaut.

Pfleger Uwe vom Narkoseteam spricht leise mit dem Patienten. Schwester Kathrin und der Operationstechnische Assistent (OTA) Max verteilen Instrumente auf zwei Tischen. Es ist 7.50 Uhr, im OP4 laufen die Vorbereitungen für ein am Haus noch junges Verfahren namens Elar plus (siehe auch Beitrag Seite 9). Diagnose laut Patientenblatt: Nabelhernie und Rectus- Diastase. Der Mann Anfang 80 leidet unter einem Nabelbruch und zugleich an einer Bindegewebsschwäche der Bauchwand.

7.57 Uhr. Anästhesistin Kateryna Glynska verabreicht dem Patienten ein Einschlafmittel, dann die Narkose. Sein Brustbereich wird mit einer Wärmedecke abgedeckt, die Schwester kontrolliert, ob er bequem liegt. Während Glynska die Geräte der Narkoseeinheit im Blick hat und etwas protokolliert, hilft der OTA Assistenzarzt Thomas Manjian in den OP-Kittel.

8.08 Uhr. Oberarzt Dr. Gerald Bretschneider betritt den OP, mit ihm Zaka Melikov, ein zweiter Assistenzarzt. Es ist Patient Nummer 8, den Bretschneider mittels Elar plus operieren wird. Grüne OP-Tücher bedecken den Mann jetzt, nur der Bauch ist frei. Ein Tuch wird vor seinem Kopf hochgezogen und an einem Gestell befestigt - so hat ihn das Anästhesieteam, das am Kopf-ende steht, im Blick. Mit erhobenen, weil desinfizierten Händen steht der Oberarzt neben dem OP-Tisch, während OTA Max den kompletten Bauch des Patienten mit einem Tupfer orange einfärbt. Hautdesinfektion. Dann hilft der Pfleger den beiden Chirurgen ebenfalls in ihre Kittel.

8.18 Uhr. Bretschneider und Glynska sprechen sich kurz zum Patienten und zur OP ab. Team-Time-Out nennt sich dieser Abgleich. Er soll mögliche Verwechselungen hinsichtlich des Patienten beziehungsweise des Eingriffs ausschließen. Der OTA reicht Bretschneider das Skalpell, dieser beginnt mit dem Eröffnungsschnitt in die Haut- und Fettgewebeschicht - in einem Halbkreis um den Bauchnabel. Dann wechselt er dasSkalpell gegen elektrochirurgische Instrumente, die das Gewebe mittels Strom durchtrennen und gleichzeitig die Blutgefäße verschließen, sodass es kaum zu Blutungen kommt.

8.25 Uhr. Der Chirurg arbeitet sich durch die nur etwa sechs bis sieben Zentimeter lange Öffnung mit vielen kleinen Schnitten unter der Haut- beziehungsweise Fettgewebeschicht vor. Er kann das Operationsgebiet direkt einsehen, denn Manjian zieht die etwa anderthalb Zentimeter dicke Haut- und Fettgewebeschicht mit einem Haken zurück.

8.40 Uhr. Schwester Kathrin schaltet das Licht für die Videokamera an, Zaka Melikov schiebt die Kamera an das Operationsgebiet heran. Die beiden Assistenten haben nun jeweils einen Monitor im Blick. Das Narkoseteam trägt regelmäßig etwas ins OP-Protokoll ein, auch die Schwester dokumentiert am Computer das Material, das sie dem OTA übergeben hat. Bretschneider bittet, den OP-Tisch höher einzustellen. Und arbeitet sich weiter mit kleinen Schnitten an die Hernie heran. In der Luft liegt ein leichter Geruch von verbranntem Fleisch.

9.18 Uhr. Auf den Monitoren ist der freigelegte Bauchmuskel zu sehen. Der Chirurg hat sich bis kurz vor das Brustbein gearbeitet. Die Atmosphäre ist locker und entspannt. Der OTA reicht auf Zuruf die benötigten Instrumente oder Tupfer, ab und zu macht der Oberarzt seine Assistenten auf etwas aufmerksam.

9.26 Uhr. "Bis jetzt haben wir geschnitten", erklärt Bretschneider in Richtung des einzigen Laien im OP-Saal. "Jetzt beginnen wir, zusammenzunähen." Und zu OTA Max: "Eine lange Pinzette bitte." Mit einem kräftigen, nichtauflösbaren Faden näht er Stich für Stich das Bindegewebe zusammen. Assistenzarzt Manjian hält den schon vernähten Faden straff. Am Tisch daneben bereitet OTA Max weitere Fäden vor.

9.38 Uhr. "Nähen beendet", sagt der Oberarzt und zeigt am Monitor auf das gelblich aussehende zusammengenähte Gewebe. Der Muskel, der fast fünf Zentimeter auseinanderklaffte, ist wieder zentriert und geschlossen. Dann lässt er sich ein Stahllineal geben und führt es in die Wundhöhle ein. Der Oberarzt misst das Areal aus, das mit einem speziellen Kunststoffnetz versehen und so gestärkt werden soll. "In der Länge 28", sagt er. "In der Breite zehn, oder besser zwölf, abschneiden können wir immer noch." Und dann an die Männer um sich herum: "Handschuhwechsel." Das sei üblich und diene einer zusätzlichen Sicherheit, bevor man ein Implantat öffnet, erklärt er Richtung Reporter. Mit frischen Handschuhen versehen, schneiden Oberarzt und OTA aus einem 30 mal 30 Zentimeter großen Netz das benötigte Stück aus.

9.46 Uhr. Das Team wendet sich wieder dem Patienten zu. Bretschneider schiebt das Netz, durch dessen Rand er bereits die Nadel mit dem Faden gezogen hat, vorsichtig in das OP-Gebiet. Zunächst befestigt er es an vier Stellen, damit es sich nicht verschieben kann. Sehr flach müsse man hier einstechen, damit die dünne Bauchdecke nicht durchstoßen und der Darm verletzt wird, sagt er. Er benutzt einen sogenannten Knotenschieber, so kann er die Schlinge außerhalb der Wundhöhle machen und dann nach unten schieben. "So lange Finger hat keiner, um da ranzukommen." Vorsichtig schneidet er dort, wo es noch zu groß ist, etwas vom Rand des Netzes ab.

9.57 Uhr. Das Annähen des Netzes beginnt. Ein Assistent hält wieder den Haken und zieht den Faden straff, der andere richtet die Kamera auf das Geschehen. OTA Max bereitet weitere Nadeln mit Fäden vor, murmelt etwas von "Gefummel".

10.18 Uhr. "Fertig", sagt der Chirurg. Der OTA desinfiziert die Wunde, danach sticht der Chirurg den mit einem Dorn versehen Drainageschlauch von innen durch die Bauchwand, damit das Wundsekret abfließen kann. Der Patient zuckt mit dem Bein, worauf die Anästhesistin die Narkose noch etwas vertieft.

10.25 Uhr. OTA Max zählt die Kompressen und Tupfer sowohl in der Abwurfschale als auch auf seinem Tisch durch. Schwester Kathrin trägt die Zahlen in den Computer ein. Die Chirurgen haben nun auch die äußere, etwa sieben Zentimeter lange Naht geschlossen. Es ist nicht mehr erkennbar, in welchem Ausmaß eben noch "unter der Fassade" gearbeitet wurde.

10.28 Uhr. Oberarzt Bretschneider zieht seinen Kittel aus. "Schönen Dank allerseits", sagt er. In vier bis fünf Tagen wird der Patient die Klinik verlassen können.

 
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