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Wohin in den Ferien? Kathrin Uhlmann mit ihrem Sohn Jan.

Foto: Jens Uhlig

Lücke im System: Junge steckt mittendrin

Täglich fahren im Kreis 14.000 Kinder mit Bahn, Bus oder Taxi zur Schule. Die Schülerbeförderung klappt. Nur in den Ferien sind Familien, die ihre Kleinen in den Hort bringen wollen, auf sich gestellt. Wie Familie Uhlmann aus Jahnsdorf. Nicht nur sie fragt: Warum?

Von Jan Oechsner und Petra Wötzel
erschienen am 13.10.2017

Jahnsdorf. Der Vater ist Elektriker auf Baustellen. Er muss täglich gegen 6 Uhr los, oft im Notfall - wenn Langfinger irgendwo wieder Kupferkabel geklaut haben. Nach Pirna, Riesa, Bautzen. Ganz Sachsen eben. Die Mutter ist Bankkauffrau. Sie muss pünktlich um 8 Uhr in Chemnitz auf Arbeit sein - zuvor schafft sie aber noch die dreijährige Tochter in die Kita, die erst 7.30 Uhr öffnet. Jeden Morgen ist Hetzerei angesagt.

Und dann ist da noch Jan. Er ist der achtjährige Sohn der Familie Uhlmann aus Jahnsdorf. Er hat das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) - und zudem leidet er an Epilepsie. Daher besucht er die Förderschule Oelsnitz. Er darf deshalb laut ärztlichem Gutachten nicht mit Bus oder Bahn fahren. Doch für Jan ist gesorgt: Ein Taxi bringt ihn von daheim die 15 Kilometer nach Oelsnitz zur Schule - und am Nachmittag zurück. "So bekommen wir als Familie den täglichen Stress ganz gut hin", so seine Mutter Kathrin Uhlmann.

Das Problem: Die Regelung für Jan gilt weder für unterrichtsfreie Tage noch die Ferien. "Dann klappt es nicht mehr", sagt die Mutter von Jan. Grund: Der Zweckverband Verkehrsverbund Mittelsachsen (ZVMS) befördert zwar täglich bis zu 14.000 Schulkinder mit Bus oder Bahn oder individuell mit dem Taxi - das kostet dem Erzgebirgskreis als Auftraggeber mehr als 10 Millionen Euro. Aber dies gilt eben nur im Unterrichtsfall. Das ist gerade für Kinder wie Jan aus Jahnsdorf, die nur individuell befördert werden dürfen - oder schlicht keinen Nahverkehr vor Ort haben, eine Lücke im System. Etwa 1300 Erzgebirgs-Kinder sind betroffen.

"Wir haben das Problem bereits mehrfach beim dafür zuständigen Landratsamt Erzgebirgskreis, Referat Schulen und Sport thematisiert", sagt Tanja Boutschek von der AWO in Chemnitz, die unter anderem auch Träger des Horts der Förderschule Oelsnitz ist, in welchen Jan Uhlmann in den Ferien geht. Boutschek spricht von Finanzierungslücken und holprigen Lösungen mit Eltern, die aber nicht das Grundproblem lösen. Nämlich: "Die Refinanzierung der Transportkosten muss für das gesamte Schuljahr sichergestellt werden", sagt Boutschek. Gerade bei einer Förderschule hätten Kinder besonderen Betreuungsbedarf. Hier sei es aus pädagogischer Sicht eine kontinuierliche Betreuung wichtig. Boutschek: "Und auch die Eltern sind auf die flächendeckende Betreuung angewiesen, um ihrer Arbeit nachgehen zu können."

Dabei hat Kathrin Uhlmann schon ihre Arbeitszeit auf 32 Stunden die Woche reduziert. Denn der Hort dauert nur von 8 bis 14 Uhr, sagt sie. Da ist der Vater meist noch auf Baustellen in Sachsen unterwegs. Und einer muss sich ja um Jan und seine Schwester kümmern. "Jetzt in den Ferien war es wirklich kaum schaffbar, die Kinder unterzubringen." Sie hatte zum Glück ein paar Tage frei, die Oma hat es schlimm mit dem Knie und kein Auto, einmal musste sogar Papa seinen Jan früh um sechs vor der Arbeit mitnehmen, um ihn anderswo unterzubringen. "Die Verantwortlichen unterscheiden zwischen Schule und Hort. Aber für uns gibt es das nicht: Wir müssen trotzdem arbeiten. Der Junge muss trotzdem betreut werden. Es ist die selbe Schule, nur halt der Hort", so die Mutter. Sie sitzt mit ihrem Jungen in der Wohnstube. Jan spielt mit den drei Katzenkindern. Der Achtjährige genießt das weiche Fell. Für kurze Zeit ist er entspannt - das freut seine Eltern. Aber am Ende eines jeden Tages ist ihnen immer klar: Jan fordert mehr Kraft als ein gesundes Kind.

Jan hatte es etwas zu eilig, das Licht der Welt zu erblicken. Er wurde acht Wochen zu früh geboren, 1350 Gramm nur und 37 Zentimeter. "Die Ärzte sagten, es könnte Probleme in der Entwicklung geben", so Kathrin Uhlmann. "Doch wir waren erst einmal froh, dass er lebte." Im Kindergarten wurde aber rasch klar: Jan hat Defizite. Nach der ersten Untersuchung zur Schultauglichkeit hofften die Eltern mit Ergotherapie, Logopädie und heilpädagogischer Diagnostik auf Fortschritte. Die stellten sich aber nur in kleinen Schritten ein. "Eigentlich wäre die Förderschule die beste Lösung gewesen, aber es gab noch kein offizielles Gutachten über seine Erkrankung", erklärt die Mutter. Jan kam 2016 in die Grundschule Jahnsdorf. Das ging nicht lange gut, der Junge war überfordert.

Nach neun Monaten Warten, kurz vor den Sommerferien, kam der Bescheid - der Weg in die Förderschule war frei, die Eltern froh. Niemand dachte in dieser Zeit, dass es schon in den Herbstferien ein neues Problem geben könnte - wie kommt das Kind in den Hort?

Vorsprachen in der Schule, beim ZVMS, bei der Jugendhilfe und im Büro des Bundestagsabgeordneten Marko Wanderwitz haben sie nicht weiter gebracht. "Man hat mir geraten, zu klagen. Doch gegen wen?"

"Freie Presse" hat das Landratsamt gefragt: Wer ist für das Problem und eine etwaige Lösung zuständig? Warum gilt die Beförderung nur in der Schulzeit, nicht aber für den Ferienhort? Die Antwort aus Annaberg-Buchholz: "Gemäß Schülerbeförderungssatzung ist der ZVMS zuständig für die Beförderung von Schülern auf ihrem Schulweg zum und vom stundenplanmäßigen Unterricht, nicht für die Hortbeförderung. Da es sich hier um einen Einzelfall handelt, ist dieser von keinen Regelungen erfasst."

 
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