Übersetzer - die Fährleute von Poesie und Lebenserfahrung

Oelsnitz hat den Reiner-Kunze-Preis für Lyrik an Petro Rychlo vergeben. Zum Festakt gab es eine Neuerung.

Oelsnitz.

Als Heidrun Dohle sich am Dienstagabend am Buffet einen Orangensaft genehmigt und zufrieden das gesprächige Treiben nach der Verleihung des Reiner-Kunze-Preises verfolgt, ist klar: Die Doppelveranstaltung war ein voller Erfolg. Die Leiterin der Stadtbücherei Oelsnitz hatte gemeinsam mit Fachbereichsleiterin Angelika Hans den Großteil der Organisation gestemmt. Eine besondere Herausforderung, denn erstmals war die Aula des Beruflichen Schulzentrums "Erdmann Kircheis" einbezogen. Der bietet natürlich einen festlicheren Rahmen als die Rote Schule, muss dafür aber auch entsprechend bespielt und gefüllt sein.

Doch nicht der Saal, sondern der diesjährige Preisträger Petro Rychlo aus dem ukrainischen Czernowitz war der Hauptakteur des Abends. Er halte durch seine Arbeit die Erinnerung an die ruhmreiche literarische Vergangenheit der Bukowina und Czernowitz wach, lobte der Literaturwissenschaftler Hans Dieter Zimmermann in seiner Laudatio. Die sei nur geografisch weit entfernt, korrespondiere doch gerade die deutschsprachig-jüdische Literatur mit der aus Prag, die speziell durch Franz Kafka einen festen Platz im Bewusstsein von Literaturliebhabern habe. Die Bukowina habe zweifelsfrei die Literatur des 20. Jahrhunderts bereichert. Daran habe Petro Rychlo seinen Anteil. "Übersetzer sind die Fährleute, die die kostbare Fracht der Poesie und Lebenserfahrung über den Fluss der Sprachbarriere transportieren", drückte Zimmermann seine Wertschätzung aus. Petro Rychlo hat als Übersetzer und Herausgeber seinen Landsleuten die deutschsprachige Literatur aus der Bukowina erst eröffnet.

Das ist nach Rychlos Erfahrung eine ganz besondere Herausforderung. Eine Übersetzung Wort für Wort führe nie zum Ziel, zerstöre vielmehr den Geist eines Gedichtes. Eine Erfahrung, wie er in seiner Dankesrede ausführte, die er mit Reiner Kunze teilt. Denn auch der Namensgeber des Preises habe viel als Übersetzer gearbeitet, speziell aus dem Tschechischen. Rychlo zeigte noch eine weitere Parallele auf. Und zwar zum Untertitel des Preises. Poesie als Widerstand - das passe perfekt zu der Arbeit eines Übersetzers, der auch erst den Widerstand eines Gedichtes überwinden müsse. Petro Rychlo bat Kunze während des Festaktes auf die Bühne, damit er ein Gedicht rezitiere. Der Ukrainer ließ es sich sodann nicht nehmen, seine Übersetzung ins Ukrainische vorzutragen. Damit verbeugte er sich symbolisch vor dem gebürtigen Oelsnitzer und rundete den Abend ab.

Das Experiment, die Preisverleihung größer aufzuziehen, darf als gelungen bezeichnet werden. Schon am Montag war in der Stadtbibliothek eine Ausstellung von Helga von Loewenich und eine Lesung mit Reiner Kunze vor ausgebuchtem Saal über die Bühne gegangen.

Zu diesem Zeitpunkt war die Anspannung bei Heidrun Dohle noch groß. Nun wird sie die beiden Veranstaltungstage erst einmal verarbeiten, vielleicht den Erfolg still genießen, ehe die Vorarbeiten für die Neuauflage 2019 beginnen.

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