Warum nicht Ernstthal-Hohenstein?

Hohenstein-Ernstthaler wissen ganz genau, wo in der Stadt die Grenze zwischen den Ortsteilen verläuft - obwohl beide seit 118 Jahren vereint sind. Entstanden ist die Rivalität vor 400 Jahren.

Hohenstein-Ernstthal.

Fragt man einen Hiesigen, ob er Hohenstein-Ernstthaler sei, so lautet die Antwort oft: "Ich bin Hohensteiner" oder "Ich bin Ernstthaler". Woher kommt diese rigorose Trennung zwischen den zwei Stadtteilen? Und woher der scherzhafte Clinch, der bis heute anzuhalten scheint? Zwei Heimatforscher wissen Antwort.

Die Erklärung sei ganz einfach, so Ortschronist Wolfgang Hallmann. Hohenstein ist die ältere Stadt. Deren Name leitet sich übrigens von "Hoher Stein" ab, der alten Bezeichnung für den Pfaffenberg. Hohenstein wurde 1510 erstmals erwähnt. Die Stadt Ernstthal wurde mehr als 150 Jahre später gegründet. Wie es dazu kam, erklärt Bernd Bammler. Im Ort Hohenstein gab es im 17. Jahrhundert eine sehr reiche Kaufmannsfamilie namens Simon. Sie verkauften in Hohenstein gewebte Stoffe in alle Welt. Etwa 1680 erwarben die Simons von der Familie Schönburger Land.

Die Schönburger hatten auf dem Areal rund um die heutige Pfefferkorn-Villa am Edeka-Parkplatz Bäume abgeholzt, weil sie Brennstoff für ihre Schlossküche brauchten. Dieses freie Stück Land erwarben die Simons. Dort baute Familienvater Jakob Simon eine Art Wochenendhaus. Dieses Gebiet wurde damals "An den Waldplätzen" genannt oder "Neuhohenstein".

Etwa in dieser Zeit brach in Hohenstein die Pest aus. Sohn Johann Simon fuhr trotz eines Reiseverbotes wegen der Pest nach Dresden, wo die Krankheit wütete. Als er wiederkehrte, durfte er nicht mehr nach Hohenstein einreisen. So ist er in das Wochenendhaus bei der heutigen Pfefferkorn-Villa gezogen. Familie Simon ließ ringsum Häuser bauen. Arbeiter und andere Menschen, die vor der Pest flohen, zogen dort ein. Als Anreiz für die Siedler erließen ihnen die Simons die Steuern. Bei der Besiedlung dieses Gebietes an den Waldplätzen hatte die Familie zudem bei der Obrigkeit Privilegien ausgehandelt: So durften die dort Ansässigen zwei Markttage im Jahr abhalten - im Gegensatz zu den Hohensteinern, die sich mit einem Jahrmarktstag begnügen mussten.

Ein Problem entstand: Die Siedler hatten kein eigenes Gotteshaus. Sie mussten deshalb die Kapelle in Hohenstein besuchen, die heutige Sankt-Christophori-Kirche. Die Hohensteiner wollten die Privilegien der Siedler nicht anerkennen, erklärt Bernd Bammler. Sie brachten ihren Pfarrer schließlich dazu, den Siedlern den Besuch der Hohensteiner Kapelle zu untersagen. Das nächstgelegene Gotteshaus stand in Oberlungwitz - zwei Kilometer sind es bis dorthin. Zwischenzeitlich fand deshalb der Gottesdienst für die Siedler im neugebauten Brauhaus an der Braugasse statt, bis sie eine neue Kirche bauten, die heutige Sankt-Trinitatis-Kirche.

Am 30. Juni 1687 erhielt das Siedlungsgebiet rund um die Pfefferkornvilla seinen heutigen Namen "Ernstthal", sagt Wolfang Hallmann. Denn die ursprünglichen Besitzer Christian Ernst Schönburg und sein Bruder August Ernst fanden, dass ihr gemeinsamer Vorname passend sei. Der Zusatz "Tal" beschreibt die geografische Lage in einer Talsohle. Damals wurde "Tal" geschrieben, wie man es spricht, nämlich "Thal". Im Zuge der Industrialisierung erhielten die beiden eigenständigen Orte einen gemeinsamen Bahnhof. Der trug bereits den Doppelnamen "Hohenstein-Ernstthal", erklärt Bernd Bammler. Wohl aus wirtschaftlichen Gründen und ihrer Nähe zueinander wurden die zwei Orte 1898 vereint - nach wohlgemerkt 50-jährigen zähen Verhandlungen.

Trotzdem trieb die Rivalität zwischen beiden Ortschaften weiter Blüten: So wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Ernstthal ein Verein gegründet, der dafür sorgen wollte, dass die Ernstthaler in keinem Geschäft einkaufen, das nur den Namen Hohenstein im Briefkopf seiner Geschäftspapiere trug. Wie erfolgreich der Verein war, ist unbekannt, so Ortschronist Wolfgang Hallmann. "Bei Bindestrich-Städten gibt es immer Clinch." Mit den neuen Einwohnern an der Süd-, Sonnen- und Ringstraße sei die Rivalität jedoch geringer geworden, so der Chronist. Ganz ausgerottet ist der Clinch zwischen Hohensteinern und Ernstthalern bis heute nicht, auch wenn er mittlerweile nur noch scherzhaft gepflegt wird - im Ernst.

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