Wie kleine Kobolde Kindern die Welt der Gefühle eröffnen

Was hat die Augsburger Puppenkiste mit der Prävention von Sucht und Gewalt zu tun? Eine Menge, wie sich gestern im Bürgergarten zeigte. Dahinter steckt ein Programm, in dem die Stadt Stollberg Vorreiter ist.

Stollberg/Thalheim.

Johanna hat genau verstanden, welches Gefühl das schönste ist. "Freudibold", sagt die Fünfjährige, die in Niederdorf in den Kindergarten geht. "Ich bin gerne fröhlich. Und manchmal auch traurig. Aber das ist nicht schlimm." Wenn Katja Pfalzgraf diesen Satz gehört hätte, der Mitarbeiterin des Vereins Papilio wäre das Herz aufgegangen. Denn mehr braucht es nicht, um jenes Präventionsprogramm zu erklären, mit dem sich Stollberg im Jahr 2014 zum Vorreiter in Sachsen gemacht hat. Ein Konzept, das schon in den Kindergärten ansetzt und den Kleinen hilft, Gefühle zu verstehen. Damit senkt Papilio - das haben Studien bestätigt - Verhaltensauffälligkeiten, stärkt die sozial-emotionale Kompetenz und beugt schon früh Gewalt und Sucht vor. Mehr als 1300Kitas in Deutschland wenden Papilio mittlerweile an, sogar Finnland ist überzeugt. Die Einrichtungen der Stollberger Lebenshilfe, "Zwergenhaus" und "Sonnenkäfer", sind bisher die einzigen in Sachsen.

Doch das Projekt geht voran. Inzwischen wurden in Stollberg 22 Erzieher für die Drei- bis Sechsjährigen in Papilio ausgebildet. Gestern nun brachten die Macher von Papilio - der Verein sitzt in Augsburg - die Augsburger Puppenkiste mit nach Stollberg. Knapp 300 Kinder aus sieben Einrichtungen der Stadt und Niederdorf näherten sich auf spielerische Weise dem Thema Gefühle. Gezeigt wurde die Geschichte von Paula, die auf dem Dachboden ihrer Oma eine Kiste mit der Aufschrift "Augsburger Puppenkiste" findet. Daraus klettern nach und nach die Kobolde Freudibold (verkörpert die Freude), Zornibold (Wut), Bibberbold (Angst) und Heulibold (Traurigkeit), und jeder für sich versteht erst einmal nicht, als Paula sie fragt: "Was ist los mit dir?"

Stephanie Buch ist eine der 22 Erzieherinnen, die sich in Papilio weiterbilden ließ. Mit ihrer Vorschulgruppe in der Kita "Zwergenhaus" hat sie einmal in der Woche einen Tag, an dem Spielzeug Urlaub hat. "Sie glauben nicht, wie kreativ die Kinder dann werden. Höhlen bauen ist das Größte." Daneben gibt es ein Spiel, bei dem die Kinder soziale Regeln erlernen, etwa einander zuzuhören, auf den anderen acht zu geben. Marina Mothes ist die Leiterin der Kita "Zwergenhaus", das Papilio seit 2014 umsetzt: "Wir spüren, dass die Kinder reagieren. Es gibt Fortschritte in der Kommunikation und Ideenfindung." Auch wenn unter Kindern eine Rauferei normal sei, sei das Gewaltpotenzial gesunken - weil die Kinder lernen, Gefühle zu erkennen und für sich einzuordnen. Die Lebenshilfe plant, ab Anfang 2019 auch die Erzieher in ihrer Thalheimer Kita darin auszubilden, ab 2020 ist das für die die Kita "Gänseblümchen" in Stollberg angedacht.

Seit vorigem Jahr erhalten auch interessierte Eltern eine Fortbildung. Sie treffen sich regelmäßig, um mehr über Erziehungsfragen zu erfahren, zum Beispiel wie man ein Kind richtig lobt. Als Partner bei Papilio ist seit 2016 die Krankenkasse Barmer im Boot, die etwa zu einem Großteil die Erzieherfortbildung bezahlt. Regionalgeschäftsführer Udo Kaden: "Aus Streit kann Zorn werden, und aus Zorn Gewalt. Wir sind daran interessiert, keine teuren Therapien zahlen zu müssen."

Katja Pfalzgraf ist sich sicher, dass diese Entwicklung von Papilio noch nicht zu Ende ist. Ende 2019 soll das Programm für Kinder unter drei Jahren stehen. Zudem haben Wissenschaftler der Freien Uni in Berlin bereits ein entsprechendes Konzept für Sechs- bis Neunjährige erarbeitet, die Auswertung wird für Ende des Jahres erwartet. Dann stehen die Gefühle Schuld, Scham, Neid und Stolz im Fokus. Oberbürgermeister Marcel Schmidt hatte schon mehrfach angekündigt: Wenn Papilio in die Grundschulen kommt, ist Stollberg wieder dabei.

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