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Humam Haqi Ismail (30) und Alyamaan Muhanad Naji (28) [v.l.] möchten als Arzt praktizieren.

Foto: Picasa

Zwei Ärzte in der Bürokratiefalle

Die beiden Iraker wollen im Erzgebirgskreis als Allgemeinmediziner praktizieren. Doch trotz großen Engagements und guter Sprachkenntnisse stehen hohe Hürden im Weg. Bürokratie ist nur eine davon.

Von Björn Josten
erschienen am 07.09.2017

Burkhardtsdorf. Zwei junge Ärzte aus dem Irak würden gern in Deutschland praktizieren. Im Erzgebirgskreis sind Mediziner Mangelware. Eine Situation also, die Vorteile für beide Seiten bringt. Doch so einfach liegt die Sache nicht. Vielmehr sehen sich die Wahl-Burkhardtsdorfer Humam Haqi Ismail (30) und Alyamaan Muhanad Naji (28) mit einem Gewirr aus Paragrafen, Regelungen und Zuständigkeiten konfrontiert. Und sie müssen die Abschiebung befürchten. Beide genießen subsidiären Schutz, der bis Dezember gilt. Danach wird neu entschieden. "Es gibt ein erkennbares Interesse des Staates, diese beiden Männer hier zu behalten und es gibt das Interesse der Personen, hier zu bleiben", sagt Bernd Ringhof. Der Anwalt ist im Burkhardtsdorfer Helferkreis aktiv. "Es spricht nichts dagegen, sie als Flüchtling anzuerkennen." Eine Anerkennung brächte eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung, inklusive Arbeitserlaubnis. Doch der Flüchtlingsstatus steht vorerst nicht in Aussicht.

Die Ärztekarriere der beiden begann im Sudan. Dort haben sie Medizin studiert und sich kennengelernt. Nach dem obligatorischen, einjährigen Ärztepraktikum waren sie am Best Care Hospital, einem Privatkrankenhaus im Sudan, in der Chirurgie und Orthopädie tätig. Bis 2015. Dann endete die Aufenthaltgenehmigung und beide standen vor der Entscheidung, entweder zurück in den Irak zu gehen oder die Flucht anzutreten. "Im Irak ist es für einen Arzt nicht sicher", sagt Alyamaan Muhanad Naji. "Es droht ständig Ärger mit dem Staat oder den Milizen." Oder mit der Terrormiliz IS, wie Humam Haqi Ismail ergänzt. Zwar könne man sich mit den Gruppierungen mehr oder weniger arrangieren, allerdings gelte man bei jeder Veränderung der Machtverhältnisse als einer, der mit dem Feind gemeinsame Sache gemacht habe. "Da hat man schnell eine Pistole an der Schläfe", sagt Humam Haqi Ismail. Also haben sich beide im November 2015 für die Flucht über die Balkanroute nach Deutschland entschieden. Über Chemnitz und Aue sind sie in Burkhardtsdorf gelandet.

Dort haben sie sich eingelebt, Deutsch gelernt und sich bis auf B2-Niveau verbessert. Das attestiert den Männern einen selbstständigen Sprachgebrauch und ist Voraussetzung für eine Berufstätigkeit. Zusätzlich haben sich die jungen Ärzte hartnäckig darum gekümmert, in ihrem Beruf arbeiten zu können. "Es war immer das Ziel, hier als Arzt zu arbeiten", sagt Humam Haqi Ismail. Laut Ringhof standen Humam Haqi Ismail und Alyamaan Muhanad Naji in Kontakt mit Hausärzten in Brünlos und Dorfchemnitz, die ihnen aufgeschlossen gegenüberstanden. Auch im Zwönitzer Rathaus wurde das Bemühen wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Doch ohne Approbation in Deutschland können Ärzte hier nicht arbeiten. Hier beginnt für die beiden Iraker ein Teufelskreis. Denn um diese Approbation beantragen zu können, müssen sie einen speziellen Kurs belegen. In einem Jahr werden sie darin theoretisch und praktisch fit für das deutsche Gesundheitssystem gemacht. Der Kurs umfasst neben fachsprachlichem Unterricht auch allgemeines Wissen über Krankenkassen und Co sowie zwei Praktika. "Dafür brauchen wir eigentlich eine Einstellungszusage eines Arztes", sagt Humam Haqi Ismail. Eine solche Zusage allerdings können Ärzte nur an Personen mit einer Approbation erteilen. Hier dreht sich die Bürokratie im Kreis.

Ohnehin scheint das Zuständigkeitsgeflecht mehr Probleme als Lösungen zu produzieren. "Ausländische Ärzte können nach Vorliegen der Approbations- beziehungsweise Berufsanerkennung in Deutschland als Arzt tätig werden. Zuständig sind hier die Kassenärztlichen Vereinigungen, die Ärztekammern und die Landesdirektion", heißt es aus dem Landratsamt. Was der Landkreis unternimmt, um solche Menschen im Erzgebirge zu halten, ließ das Büro des Landrates unbeantwortet. Die Kassenärztliche Vereinigung betont, dass ausländischen Ärzten selbstverständlich die gleichen Fördermöglichkeiten zur Verfügung stünden wie den deutschen Ärzten. Für die Approbation allerdings sei die Landesdirektion zuständig. Was Beschäftigungsmöglichkeiten für geflüchtete Ärzte angeht, sei die Bundesagentur für Arbeit am Zug, heißt es aus dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die Bundesagentur sieht das anders. "Das ist Sache des Jobcenters des Erzgebirgskreises", sagt Simone Heinrich, Pressesprecherin der Bundesagentur.

Humam Haqi Ismail und Alyamaan Muhanad Naji haben dort im Jobcenter die notwendige Unterstützung gefunden und mittlerweile die Genehmigung für den Kurs an der Akademie Dresden in der Tasche. Ende September geht es in Dresden los. Ein entsprechender Bildungsgutschein liegt vor. Ob sie den Kurs allerdings werden beenden können, liegt nicht in ihren Händen. Denn im Dezember läuft ihr Aufenthaltsstatus ab. Eine Verlängerung wird gerade im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geprüft. Sollte diese nicht erteilt werden, können die Iraker eine Duldung zum Ausbildungszweck beim Landkreis beantragen. "Sicherer und sachgerechter ist ein positiver Entscheid vom Bundesamt", sagt Ringhof. "Mir kommen die persönlichen Schicksale bei den Prüfungen zu kurz."

 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 07.09.2017
    18:10 Uhr

    TheBeastFromTheEast: Sowohl die Amtsinhaber, als auch der Kandidat waren sich am Sonntag im "TV-Duell" einig: Wer in Deutschland nichts anstellt, sondern arbeiten will, oder eine Ausbildung absolviert, soll auch hier bleiben dürfen. Dies entspricht - auch nach Ansicht des Sächs. Innenministeriums - der geltenden Rechtslage. Und sollte deshalb einen Schwerpunkt der Prüfung darstellen. Stattdessen darüber zu diskutieren, ob Afghanistan ein sicheres Land ist, oder im Irak gerade Ärzten, die von allen Kriegsparteien händeringend gesucht werde, Gefahr für Leib und Leben droht, erscheint albern. Beim BAMF stellt man sich da anders auf. Im Ergebnis lesen wir dann haarsträubende Geschichten wie diese - die Kranken werden´s danken.

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