Debatte um ein Kunstwerk: "Das ist ein Dokument seiner Zeit"

"Jugend im Sozialismus" hieß ein monumentaler Bildbogen in der Karl-Marx-Städter Innenstadt. Nach dem Ende der DDR kam er weg. Jetzt wird darüber diskutiert, das Werk wieder aufzustellen. Was sagt der Künstler dazu?

Chemnitz.

Die Diskussion im Chemnitzer Kulturausschuss war kurz und heftig. Mit den Plänen komme man ins Fernsehen, in eine Satire-Show mindestens, erklärte CDU-Ratsmitglied Alexander Haentjens. CDU-Rätin Almut Patt plädierte gar für eine "nach vorne gerichtete" Kunst im Stadtbild. Thema der Debatte war der monumentale Bilderbogen mit dem Titel "Jugend im Sozialismus" von Ronald Paris, der Anfang der 1980er-Jahre in der Karl-Marx-Städter Innenstadt aufgestellt worden war. Und es ging um die Frage, ob das Werk in Chemnitz wieder einen Platz finden sollte.

Für ihn sei jedes Kunstwerk ein Zeitdokument, sagt Ronald Paris. In Museen könne man viele derartige Zeitzeugnisse betrachten, obwohl die Gesellschaftsordnungen, in denen sie entstanden sind, längst überwunden sind, so der heute 83-jährige Maler und Grafiker zur "Freien Presse". Paris, 1933 in Thüringen geboren und heute nahe Berlin zuhause, erlebte mehrere dieser Gesellschaftsordnungen. Sein Hauptwerk stammt aus der Zeit des real existierenden Sozialismus der DDR, in der er auch den Bildbogen für Karl-Marx-Stadt schuf. 1981 war er an der Inneren Klosterstraße aufgestellt worden - etwa dort, wo heute die bronzenen Kaiserpinguine grüßen.

Seine damalige Arbeit, so erzählt es Paris heute, habe über den Tellerrand der DDR hinausgeblickt. Das Thema einer Jugend, die sich verwirklichen könne, sei zeitlos. Er sei nie ein Verteidiger der DDR gewesen, sagt er, schließlich war er mit Regime-Kritikern wie Robert Havemann und Wolf Biermann befreundet, jenem Liedermacher also, den die DDR-Oberen aus dem Land warfen, weil ihnen seine Verse nicht passten. Und dennoch sei er - Paris -ein Verteidiger seiner Biografie, und die spiele nun einmal größtenteils in der DDR, "mit allen schöpferischen Zweifeln", wie er betont. Im Übrigen stamme der Titel des Kunstwerks "Jugend im Sozialismus" gar nicht von ihm. Von ihm kam nur die Jugend, sagt er, den Zusatz muss das Büro für Bildende Kunst der DDR oder ein anderes parteinahes Gremium beigefügt haben, um so die hohen Kosten für das Kunstwerk zu rechtfertigen. 100.000 DDR-Mark soll es gekostet haben - eine Menge Geld in einem Land, dass schon damals nahe der Staatspleite lavierte.

Die Kosten waren dem aufwendigen Verfahren geschuldet, das für die Herstellung des Kunstwerks nötig war. Es besteht aus 64 Emailleplatten, jede Platte rund ein Quadratmeter groß und mit einem speziellen Verfahren farbig beschichtet. Die Platten wurden an eine Stahlkonstruktion geschraubt, das Ganze stand in einem Wasserbecken. In den Abendstunden wurde das Kunstwerk angestrahlt - ein beliebter Treffpunkt für Nachtschwärmer.

Er freue sich jedenfalls, dass in Chemnitz über eine Rückkehr des Kunstwerks "aus dem Untergrund" gesprochen werde, sagt Ronald Paris. Derzeit ist das Wandbild in seine Einzelteile zerlegt und in einem städtischen Depot eingelagert. Auf Antrag der Linken und der Grünen soll die Stadtverwaltung bis Jahresende prüfen, was es kosten würde, das Ganze wieder aufzustellen. Am kommenden Mittwoch entscheidet der Rat über den Prüfauftrag.

Der Künstler besteht im Übrigen nicht auf eine Montage in einem Wasserbecken wie in Karl-Marx-Stadt. Vorstellbar sei es für ihn, sagt Ronald Paris, dass das Kunstwerk im Grünen "frei schwingt, vielleicht auf einem lichten Hügel".

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