In Zschopau kommt jetzt Farbe unter die Haut

Marcel Nitzsche und seine Verlobte haben Anfang März ein Tattoo-Studio im Zentrum von Zschopau eröffnet. Das hat nicht nur berufliche Gründe.

Zschopau.

Im ehemaligen Telefongeschäft auf der Zschopauer Rudolf-Breitscheid-Straße verziert die steinerne Weltkarte der vorherigen Laden-Dekoration eine Wand. Der Rest des Raumes wurde im Retro-Stil eingerichtet - mit riesigen LED-Birnen und alten Sitzmöbeln. In den Hinterzimmern ist Platz für Büro und Liegen für die Kunden, die Farbe unter die Haut bekommen. Für den Zschopauer Marcel Nitzsche ist mit dem eigenen Tattoo-Studio ein Traum in Erfüllung gegangen, wie er sagt. Gemeinsam mit seiner Verlobten Anja Voigt wagt er den Schritt in die Selbstständigkeit.

Als Fünfjähriger hat Nitzsche das Zeichnen als Hobby begonnen, vor fünf Jahren kam das Tätowieren dazu, zunächst mit der eigenen Haut als Leinwand und aufgrund der Nachfrage von Freunden. "Das ist für mich kein Beruf, sondern Berufung", sagt der 37-Jährige. Als das Ladengeschäft frei wurde, fiel die Entscheidung schnell. Auch, weil Montage und Fernbeziehung auf Zeit für das Paar damit der Vergangenheit angehören. Nun wohnen und arbeiten sie zusammen. Anja Voigt bleibt ihrem Beruf als Altenpflegerin in Chemnitz zwar treu. Die 41-Jährige aus Burgstädt wird aber im Laden Verkauf, Termine und Buchhaltung übernehmen.

Der Name des Studios - "Joker Tattoo by Violet Arts" - ist in erster Linie eine Hommage. "Kein Zschopau ohne Joker", sagt Nitzsche. Seine Eltern haben viele Jahre das gleichnamige Schreibwarengeschäft nebenan betrieben. Nach dem Tod von Volker Nitzsche konnte seine Mutter den Laden nicht fortführen. Da er das Zeichnen von seinem Vater gelernt hatte, will er ihn damit ehren. Violet Arts erinnert an seine Fußballleidenschaft und den Beginn seiner Laufbahn als Zeichner: Seit vielen Jahren fertigt er Portraits der Spieler des FC Erzgebirge Aue an, die er an Fans verkauft.

Neben Tätowierungen bietet Nitzsche weiter seine Dienste als Porträt-Zeichner an. Verkauft werden Piercing-Accessoires und Schmuck. Ab April wird auch vor Ort gepierct: Anja Voigt besucht dazu noch ein Seminar. Diese Form des Körperschmucks bleibe modern. Vor allem das Septum (das Bindegewebe unterhalb der Nasenscheidewand) und die Medusa (oberhalb der Lippe) seien beliebte Stellen. Beim Tätowieren sind kaum Grenzen gesetzt. "Ich habe keine bestimmte Schiene. Von Steigerlied bis Lady Gaga war schon alles dabei", berichtet Nitzsche. Kunden können sich Motive mitbringen oder entwerfen lassen. Am liebsten tätowiert er Portraits, Schwarz-Grautöne, Schattierungen und viele Details. Er benutze dabei nur Farben, die in Deutschland zugelassen und zertifiziert sind. Die Technik hat er sich selbst angeeignet.

Wer sich tätowieren lassen will, muss zu einem Vorgespräch vorbeikommen und eine Anzahlung leisten. Interessenten sollten generell Zeit mitbringen. "Der März ist komplett ausgebucht, der April auch schon fast." Nur kleine Arbeiten, die weniger als eine Stunde dauern, seien auch ohne Termin möglich. Das Stechen selbst dauere je nach Motiv im Durchschnitt drei Stunden.

Einzelne Tätowierer waren in Zschopau schon tätig, aber mit ihrem Konzept seien sie Neulinge, so Nitzsche. Mit eigener Homepage und in den sozialen Netzwerken haben sich die Ladenbesitzer bekannt gemacht und bekommen dort schon positives Feedback. "Eure Umsetzung meiner Idee ist echt toll geworden", schreibt eine Kundin. "Es hat einfach alles gestimmt. Tattoo, Hygiene und auch die Freundlichkeit", eine andere.

Nach dem Umzug von Chemnitz zurück nach Zschopau und der Ladeneröffnung steht im August die Hochzeit des Paares an. Im Rockabilly-Stil. Langfristig hoffen sie, dass sich der Laden etabliert. "Wir wollen bodenständig bleiben, unsere Kunden glücklich machen und mehr Tätowierte sehen", sagt Nitzsche.


"Qualität erkennt man an langen Wartezeiten"

Michael Frey ist Tätowierer in Esslingen und Pressesprecher des Verbandes Deutsche Organisierte Tätowierer. Mit dem 62-Jährigen sprach Laura Kaiser.

Freie Presse: Wie viele Tätowierte und Studios gibt es bundesweit?

Michael Frey: Dazu gibt es keine belastbaren Zahlen. Was die Studios angeht, halten wir 6000 bis 7000 für realistisch. Der Zulauf zum Handwerk ist groß und ich bin gespannt, wann die Blase platzt.

Warum reicht ein Gewerbeschein, um Tätowierer zu werden?

Das hat vermutlich historische Gründe. Ich war damals Nummer 18 in Deutschland. Keine Behörde wusste etwas mit Tätowieren anzufangen. So ist es wie Piercen und Lasern zur Tattooentfernung ein Beruf ohne "Einlasskontrolle" geblieben. Als Verband wollen wir jedoch Minimalbedingungen durchsetzen, etwa ein Hygieneseminar und einen Gesundheitscheck. Wir stehen in Kontakt mit den Behörden, aber die Mühlen mahlen langsam. Wir haben auch eine DIN-Norm zur Hygiene entwickelt, die 2018 fertig wird und eine Empfehlung darstellt. Gleichzeitig ist Tätowieren aber auch keine OP am offenen Herzen.

Wie erkennt man ein gutes Studio?

Ein professioneller Tätowierer verwendet professionelle Farben. Die sind hautverträglich und lange brillant. Es gibt etliche Hersteller, die auf einer sicheren Liste stehen. Es ist absurd, wie wenige Kunden sich informieren, bevor sie ein Tattoo auf Lebenszeit bekommen. Man kann in Foren nach Empfehlungen fragen. Der Preis ist nicht ausschlaggebend. Mundpropaganda ist wichtig. Außerdem erkennt man Qualität an langen Wartezeiten. Vorgespräche und Anzahlungen sind üblich. War es vor 30 Jahren noch gefragt, leicht abdeckbare Stellen zu tätowieren, erfolgt das heute in sichtbaren Bereichen. Aber ein Normalkunde sollte sich das vorab gut überlegen, denn er ist schließlich kein Popstar.

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