Richter: Eine Frau muss sich von niemandem anfassen lassen

Ein Vorarbeiter soll seine Kollegin unsittlich berührt haben. Daraufhin zeigte sie ihn wegen sexueller Belästigung an. Doch der vermutet einen Racheakt.

Marienberg.

Kaum eine Debatte ist derzeit so stark emotional aufgeladen wie jene um das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. In Hollywood fing es an, seitdem wird darüber gestritten, was sexuelle Belästigung ist und wo Spaß seine Grenzen hat. Eine dieser Grenzen soll der Mann überschritten haben, der gestern im Marienberger Amtsgericht auf der Anklagebank saß.

Es geht um einen Vorfall im Lager einer erzgebirgischen Firma Anfang vergangenen Jahres zwischen ihm und einer Mitarbeiterin, die ihn daraufhin wegen sexueller Belästigung angezeigt hat. Sie stand an einem Regal und hat Notizen gemacht. Er kam auf seiner morgendlichen Runde in der Funktion als Vorarbeiter vorbei, um zu grüßen. Dabei gab es eine Berührung - soweit sind sich beide einig.

"Ich habe sie lediglich an der Jacke gezupft", sagt er. "Er hat seine Hand auf meine Hüfte gelegt", sagt sie. Und hier beginnt die unterschiedliche Wahrnehmung. Hat er nur an der Jacke gezupft, um sie darauf hinzuweisen, dass sie eine Warnweste tragen müsse? Das behauptet der großgewachsene Mann zumindest: "Ich habe dem Vorfall keine Bedeutung beigemessen." Er wirkt genervt. Die Frau, zur Zeit des Vorfalls über eine Zeitarbeitsfirma in dem Unternehmen angestellt, sagt, es sei anders gewesen. Der Beschuldigte habe ihr die Handfläche auf die rechte Hüfte nahe dem Schambereich gelegt.

Ob die Berührung eine sexuelle Komponente hatte, will Richter Toralf Kliemt von der Klägerin wissen. Sicher ist sie nicht. Sie sagt aber, dass es eine Steigerung nach vorhergehenden Anzüglichkeiten war, die sie hingenommen habe. "Mäusle" habe der Angeklagte sie genannt und dabei manchmal mit der Zunge über seine Lippen geleckt. Nach der Hüftberührung habe es ihr dann gereicht. Da hakt der Richter nach: Hat die Hand nur auf der Hüfte gelegen oder den Schambereich berührt? "Es sind schwerwiegende Vorwürfe", macht Kliemt der Klägerin klar. "Es geht hier um Nuancen, sagen Sie es also genau", fordert er - zumal keiner der Kollegen, die während des Vorfalls in der Lagerhalle waren, die Berührung beobachtet hat.

Brisant an dem Fall ist noch etwas anderes, wie sich im Laufe der Verhandlung herausstellt: Das Arbeitsverhältnis der Klägerin wurde am Tag nach dem Vorfall beendet. Daraufhin habe sie beschlossen zu klagen. Der Angeklagte sieht in der Belästigungsanzeige einen Racheakt, weil er die Frau wegen der schwachen Auftragslage seiner Abteilung habe freistellen müssen.

Mutmaßungen. Wer sich hier an wem gerächt hat, lässt sich nicht klar sagen. Für Richter Kliemt geht es darum, die Berührung zu beurteilen. Klar ist für ihn, dass eine Frau sich von niemandem anfassen lassen muss. "Wenn es so ist, wie die Klägerin sagt, handelt es sich um eine Grenzüberschreitung - allerdings im geringstmöglichen Bereich", sagt der Richter schließlich zum Angeklagten. Er fügt hinzu, dass einige ihrer Aussagen für die Glaubwürdigkeit der Klägerin spreche und bietet an, das Verfahren gegen eine Zahlung von 200 Euro an den Elternverein krebskranker Kinder einzustellen.

Erst verneint sein Anwalt, doch schließlich willigt der Angeklagte ein. Richter Kliemt zufolge der passende Weg: "So können Sie eine weiße Weste behalten." Auf einen Präzedenzfall müsse hier nicht gedrängt werden - es werde noch genug Fälle und Grundsatzentscheidungen zum neuen Sexualstrafrecht geben.

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