Auf Spurensuche von Oederan bis Italien

Der berühmte Bildhauer Igor Mitoraj wurde als Sohn einer polnischen Zwangsarbeiterin in Oederan geboren. Die Autorin Elisabeth Melzer-Geissler hat seinen Lebensweg recherchiert.

Oederan.

Viele Umwege habe sie gehen müssen, um das Leben von Igor Mitoraj nachzuzeichnen, sagt Elisabeth Melzer-Geissler. Zwar sei bekannt, dass der spätere Bildhauer in Oederan geboren wurde, als Sohn einer polnischen Zwangsarbeiterin und eines französischen Kriegsgefangenen. Doch sein Name finde sich nicht im Melderegister der Stadt. Viele Texte über Mitorajs Lebensabschnitt in der sächsischen Kleinstadt endeten an diesem Punkt, so Melzer-Geissler. "Keiner ist den Spuren weiter nachgegangen."

Melzer-Geissler schon. Ihre Recherchen, die noch in diesem Jahr als Buch veröffentlicht werden sollen, wird sie im März in Oederan vorstellen. Mit Oederaner Biografien kennt sich Melzer-Geissler aus. Die Autorin ist in Oederan im Pfarrhaus aufgewachsen. Ende der Siebziger verließ sie mit ihrem Mann die DDR, studierte später in Baden-Württemberg und lebt heute nördlich von Hamburg. Den Kontakt nach Oederan hat sie nicht verloren.

Bis Anfang Januar lebte ihre Mutter noch in der Stadt, außerdem viele Freunde und Bekannte. Vor mehreren Jahren habe Erika Wünsch vom örtlichen Kulturamt sie bei einer Lesung angesprochen, Oederaner Stadtporträts zu schreiben. Melzer-Geissler sagte zu. Ein Sammelband über vier Persönlichkeiten der Stadt, zum Beispiel über den Kammersänger Helmut Klotz, erschien 2014.

Ihre Recherche zu Igor Mitoraj, dessen Werke unter anderem in Großbritannien und Italien zu sehen sind, begann in Frankfurt am Main. Dort stellte der Künstler 2012 auf dem Campus Westend der Goethe-Universität aus. Melzer-Geissler schrieb an die Uni und bekam den Kontakt zu Mitorajs deutschem Galeristen. Über ihn schickte sie einen Brief auf Französisch an den Bildhauer nach Paris. Igor Mitoraj lag im Herbst 2014 jedoch im Sterben. "Meinen Brief erhielt ich wenig später zurück", sagt Melzer-Geissler.

Das Projekt ruhte damit. Bis zu einer Begegnung Anfang 2016 in der Leipziger Oper. "In einem fünfminütigem Pausengespräch lernte ich eine Frau aus Italien kennen, die in der Nähe von Pietrasanta wohnt." Pietrasanta, eine Kleinstadt in der nördlichen Toskana, war ein wichtiger Ort für Mitoraj. Dort richtete er sich Anfang der Achtziger ein Kunstatelier ein, pendelte fortan zwischen Frankreich und Italien. Kurzentschlossen flog Elisabeth Melzer-Geissler Richtung Pisa, ohne Italienischkenntnisse. Vor Ort machte sie einen Intensivsprachkurs und fuhr zum ersten Mal nach Pietrasanta. Dort besuchte sie das Marmor- und Bronze-Atelier von Mitoraj und seine Grabstätte.

Entscheidend für ihre Recherche wurde ein Buch, das ihr ihre spätere Italienischlehrerin in Deutschland schenkte: Ein Band mit Interviews, die ein italienischer Journalist mit Igor Mitoraj führte. "Ich möchte in dem von mir geplanten Buch vor allem Mitoraj selbst zu Wort kommen lassen", so Melzer-Geissler. Ihr gehe es in erster Linie um den Menschen Igor Mitoraj. Sein Werk, große Plastiken menschlicher Körper, wolle sie nicht kunsthistorisch analysieren.

2017 reiste Melzer-Geissler nach Polen, traf dort ehemalige Kommilitonen und Angehörige, unter anderem die Schwester des Künstlers. "Aus Fremden sind Freunde geworden", so die Autorin. Mitoraj wuchs in dem Dorf Grojec, nahe Auschwitz, auf. Hierher war seine Mutter nach Ende des Zweiten Weltkriegs zurückgekehrt. An der Kunstakademie in Krakau studierte Mitoraj Malerei, 1968 emigrierte er nach Frankreich. Im polnischen Grojec liegen heute seine Mutter und sein Stiefvater begraben. So fand Melzer-Geissler auch heraus, warum Igor Mitoraj nicht im Oederaner Melderegister zu finden ist: "Mitoraj ist der Name seines Stiefvaters, der ihn adoptierte." Getauft wurde er in Oederan auf den Namen Georg.

Ein Gespräch mit Elisabeth Melzer-Geissler zum geplanten Buch findet am 14. März, 19 Uhr in der Stadtbibliothek Oederan statt.

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