Das Handy auf der Kirchturmspitze

Das Großwaltersdorfer Gotteshaus hat sein Kreuz wieder. Und auch die Turmkugel, in der ein besonderes Zeitzeugnis hinterlassen wurde: ein Mobiltelefon. Das kam per Eilpaket aus Bayern.

Großwaltersdorf/München.

Hätte Pfarrer Karl-Heinz Baier diese Geschichte noch miterleben dürfen, er wäre wohl mit Lachen nie wieder fertig geworden. 1981, als seine Kirche in Großwaltersdorf saniert wurde, hatte Baier großen Mut bewiesen. Er verstaute für die Nachwelt eine Ausgabe der Zeitung "Neues Deutschland" in der Turmkugel und versah sie handschriftlich mit dem Zusatz, dass das Wahlergebnis von fast 100Prozent für die Regierungspartei nicht stimmen kann. Wäre die Kugel vor 1990 geöffnet worden - Baier wäre im Gefängnis gelandet.

Gestern, 36 Jahre später, wurde die Turmkugel erneut mit Zeugnissen der heutigen Zeit gefüllt. Denn für die Sanierung des Dachbleches wurde sie abgenommen, geöffnet (dabei wurde die geheime Botschaft auf der Zeitung entdeckt) und erneuert.

Unter den Beigaben, die mit einem kleinen Fest samt Blasmusik in die Turmkugel gefüllt wurden, war auch ein ganz besonderes Symbol für die heutige Zeit: ein Mobiltelefon. Und für Pfarrer Baier - der im vergangenen Jahr verstarb - wäre es wohl eine Genugtuung gewesen, zu sehen, wie das gute Stück nach Großwaltersdorf gekommen ist.

Denn das Handy kam aus München in den Osten Deutschlands. Aus einer Stadt also, die 1981 noch im "verfeindeten" Ausland lag. Mittlerweile darf man dorthin nicht nur reisen, sondern sogar dorthin umziehen. So, wie es Sven Leifer vor einigen Jahren tat. Der 43-Jährige ist in Großwaltersdorf aufgewachsen, wohnt jetzt in München. Und er hat über das Internet von der Suche nach einem Handy für den Kirchturm in seinem Heimatort erfahren.

Der jetzige Pfarrer Tom Seidel hatte eine Idee für die neue Befüllung der Turmkugel. "Neben aktuellen Zeitungen und Münzen wäre ein Smartphone eigentlich das beste Zeugnis der heutigen Zeit", sagte er. Da er kein ausgedientes zur Hand hatte, startete die "Freie Presse" einen Aufruf. Und es meldete sich Sven Leifer aus München, der sein altes Handy per Eilpaket in die Heimat schickte. "Das Geld dafür gebe ich für diese Aktion gern aus", sagte er augenzwinkernd. Gestern nun kam das alte Mobiltelefon bei Pfarrer Seidel an, am Nachmittag wurde es während der Zeremonie in der Kugel verstaut. "Natürlich ohne Akku, damit keine Säure auslaufen kann", sagte der Pfarrer.

Ob Sven Leifer sein altes Telefon jemals wiedersehen wird, steht in den Sternen. "Ich hoffe es aber", sagt er. "Sollte der Kirchturm in den nächsten 50 Jahren noch einmal saniert werden, bin ich dabei. So lange halte ich durch." Er wolle unbedingt erleben, wie die zukünftige Generation darüber lache, wie man 2017 kommuniziert hat. "Wenn ich dann noch in München lebe, kann ich mich ja vielleicht schon nach Großwaltersdorf beamen."


Dritte Sanierung seit dem Wiederaufbau

Die Kirche in Großwaltersdorf wurde 1829 bis 1831 errichtet und bei einem Großbrand im August 1837 zerstört. Von 1838 bis 1839 wurde sie wieder aufgebaut.

Bei Sanierungsarbeiten im Jahr 1934 wurde die Turmkugel mit Zeitdokumenten (Zeitungen, Münzen) befüllt, diese sind noch immer sehr gut erhalten und kamen nach der aktuellen Sanierung wieder in die Kugel.

Auch 1981 gab es eine Sanierung der Kirche, dabei wurden Kreuz und Kugel erneut abgenommen, in der Kugel wurden Zeitdokumente ergänzt.

Die aktuelle Sanierung des Kirchturms mit Reparatur des Turmbleches, der Kugel, des Kreuzes und der Ziffernblätter (Foto) sowie einer Fassadenerneuerung kostet insgesamt 370.000 Euro, davon trägt die Kirchgemeinde 35.000 Euro selbst. (tre)

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1Kommentare
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  • 2
    0
    DrWernerSchmidt
    06.07.2017

    Hoffentlich hat Herr Pfarrer daran gedacht, den Akku aus dem Handy zu entfernen. Lithium-Ionen-Akkus sollte man nicht über Jahre irgendwo einmauern. Schließlich sind die Dinger nicht ganz ungefährlich. Im Übrigen ist es auch keine gute Idee, die vielen Bauelemente, wie Elkos einfach so dem Lauf der Zeit anzuvertrauen. Besser wäre es, ein Dummy zu verwenden, denn den Inhalt kann in zig Jahren eh keiner mehr lesen.



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