Gastbeitrag: Die Probleme waren vorhersehbar

Wenn man nun sagt, dass die Stundentafeln in Sachsen reduziert werden sollen, weil die sächsischen Schüler zu stark belastet sind, ist das nicht ehrlich. Fakt ist: Wir haben zu wenige Lehrer.

Sachsen findet nicht genügend Lehrer. Was soll man dazu sagen? Ausgerechnet im Freistaat Sachsen, der sich redlich bemühte, zum Musterschüler in der Bildungspolitik zu reifen, gibt es nicht genügend Lehrer? Dabei sind wir doch immer vorangeprescht, wenn es darum ging, den anderen Bundesländern zu zeigen, dass man Erfolge in der Bildung erreichen und sogar noch einsparen kann.

Als wir aufgrund des Rückgangs der Schülerzahlen noch ausreichend viele Lehrer hatten, waren die Überlegungen hauptsächlich darauf gerichtet, Einsparpotenziale auszuloten. Lehrer aller Schularten drängte man zur Teilzeit. Rechtzeitig vorher hatte man die Anzahl der Pflichtstunden für die Lehrkräfte um über 10 Prozent erhöht, ohne für die Mehrarbeit Gehalt zahlen zu müssen. Die Lehrerausbildung fuhr man kräftig herunter. Im Bereich Chemnitz wurde das Seminar für die Ausbildung der Lehramtsanwärter nicht weitergeführt. In Sachsen brauchte man auch keine verbeamteten Lehrer. Das Risiko, dass angestellte Lehrkräfte auch streiken dürfen, nahm man in Kauf. Lehrer konnten schließlich froh sein, dass sie jeden Monat ihr Gehalt pünktlich überwiesen bekamen, warum sollten sie streiken.

Ich könnte hier noch viele Fakten, subjektive Erlebnisse und Erfahrungen anführen, die zu den Problemen, vor denen wir jetzt stehen, maßgeblich beigetragen haben. Es sind auch nicht nur Politiker oder die Schulaufsicht, die für die Probleme verantwortlich sind. Falsche Prioritäten und Entscheidungen werden in der täglichen Arbeit aller Beteiligten getroffen. Man muss sie aber ehrlich zugeben. Nur so findet man Wege, wieder erfolgreicher zu werden.

Wenn man nun sagt, dass die Stundentafeln in Sachsen reduziert werden sollen, weil die sächsischen Schüler zu stark belastet sind, ist das nicht ehrlich. Es wäre doch zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, würde man sich an die Fakten halten:

Wir haben zu wenige Lehrer. Wir müssen damit leben, dass der Unterricht zum Teil und für eine begrenzte Zeit von nicht pädagogisch ausgebildeten Seiteneinsteigern erteilt werden muss. Es gibt in einigen Fächern kaum noch ausreichend viele Lehrkräfte, die den Unterricht nach den gültigen Stundentafeln erteilen können. Sachsen hat das besondere Problem, dass junge Kolleginnen und Kollegen wegen geringerer Vergütung und schlechteren Bedingungen lieber in anderen Bundesländern arbeiten. Das muss geändert werden, und zwar sofort. Machtspielchen und Missverständnisse zwischen den Regierungsparteien führen immer weiter ins Dilemma. Bildungspolitik ist Ländersache. Wenn man diese wichtige Kompetenz behalten möchte, muss man sich intensiv darum kümmern. Das bekommt man nicht zum Nulltarif. Was ist die "Schwarze Null" wert, wenn wir unsere Kinder schlecht ausgebildet ins Berufsleben schicken? Der Sachse hat dann zwar im Durchschnitt weniger Schulden, aber auch durchschnittlich weniger Chancen.

Kritik an den Plänen des Kultusministeriums Sachsen zur Reduzierung des Schulunterrichts kommt seit Bekanntwerden von vielen Seiten.

Welche Meinung vertreten Sie? Kann man die Schüler durch die Kürzung der Stundenzahlen entlasten? Weniger Sport, Musik und Kunst - ist das die Lösung? Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften, die Sie bitte per E-Mail an red.floeha@freiepresse.de senden.

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