Lkw-Fahrer entdecken auf dem Weg zum Steinbruch die Leiche

Das Verbrechen vom 4. April 2017 erschütterte die Region. Am dritten Verhandlungstag wurden Tatortzeugen gehört. In einem Punkt herrschte große Einigkeit: zu den Reifenspuren auf dem Feld.

Breitenau.

Mike B. kommt an jenem kühlen Aprilmorgen aus Mildenau bei Annaberg-Buchholz. Der 48-jährige Berufskraftfahrer ist mit seinem Laster auf dem Weg zum Steinbruch in Breitenau. Kurz vor dem Ziel, als er gegen 6Uhr die schmale Zufahrtsstraße zu dem Werk passiert, sieht er trotz der Dunkelheit auf dem Acker neben sich etwas liegen. "Ich habe eine Vollbremsung gemacht, bin zehn Meter zurückgefahren und habe tatsächlich eine Person gesehen." Er sei ausgestiegen und hingelaufen. Ein Mann habe fünf bis acht Meter vom Straßenrand entfernt gelegen, mit dem Gesicht zur Seite, darunter Blut.

Er habe ihn mit dem Fuß am Ellenbogen berührt, aber keinen Widerstand gespürt. "Der war schon wie erstarrt. Die Kleidung war zerrissen. Ein Schuh lag neben der Leiche, der andere 20 oder 25 Meter weiter weg." Auch eine Umhänge- tasche habe er etwas entfernt bemerkt. Ferner Autoteile, die aussahen "wie der innere Plasteschutz eines Kotflügels". Es sei kurz nach 6Uhr gewesen, als er den Notruf 112 absetzte mit dem Zusatz: "Die Person ist knochenhart."Dass der Tote ein 38-jähriger Chemnitzer ist, der eigentlich am Vorabend mit einem Bekannten zu einem Autokauf verabredet gewesen sein soll, weiß der Lkw-Fahrer an diesem Morgen noch nicht. Auch nicht seine beiden Berufskollegen, die unmittelbar nach ihm auf der Straße zum Steinbruch mit ihren Brummis unterwegs waren und ebenfalls anhielten, nachdem B. sie über Sprechfunk von seiner Entdeckung informiert hatte. Von den Hintergründen des Geschehens erfahren die Männer erst später durch die Medien. Am Montag saßen die drei Zeugen im Landgericht Chemnitz jenem Angeklagten gegenüber, der des Totschlags beschuldigt ist, weil er den Mann auf dem Feld in jener Nacht absichtlich überrollt haben soll - mit seinem eigenen Auto.

Dass so etwas passiert sein musste, war auch für Mike B. schnell klar, sagte er am Montag. "Die Autospuren waren offensichtlich." Man habe die Abdrücke von den Reifen auf dem Feld genau verfolgen können, auch über die Leiche hinweg bis zurück zur Straße. "Die Spuren deuteten auf einen Pkw hin", ist er sich sicher.

Michael G., der dritte Lkw-Fahrer, kam an jenem Morgen von Eppendorf. "Ich stellte meinen Laster schräg hin und schaltete das Fernlicht ein, um die Stelle auszuleuchten, es war ja noch finster. Der Mann lag auf dem Bauch, mit dem Gesicht im Dreck. Er war blass und wirkte auf uns zunächst wie eine Puppe. Wir dachten erst, dass er auf dem Feld von einem Traktor übefahren worden ist. Aber da waren Autospuren." Den Angeklagten kenne er "als ruhigen unauffälligen Typen" aus dem Fitness-Studio in Oederan, berichtet der 35-Jährige. Mehr wisse er nicht über ihn. Er selbst fahre die Strecke zum Steinbruch fast jeden Tag.

Auch als gegen 6.20 Uhr der Notarzt am Tatort eintraf, war dem schnell klar: "Das konnte kein natürlicher Tod sein", sagte der 50-Jährige am Montag. Im Beckenbereich seien die Beine des Mannes ungewöhnlich abgewinkelt gewesen. "Man hatte den Anschein, dass die Leiche im Bereich einer Fahrspur lag. Ein Überrollen würde auch die Verletzungen erklären", so der Mediziner. Er habe an der Hand und den Fingern geprüft, ob die Leichenstarre bereits eingetreten sei. Da sich die Finger nur noch schwer strecken ließen, sei er grob von einem Todeszeitpunkt zwischen drei und sechs Uhr ausgegangen.

Auch die beiden Polizeibeamten, die als erste bei dem Toten eintrafen, betätigten: "Die Beine waren in die Erde eingedrückt." So jedenfalls am Montag die Aussage von Polizeihauptmeister Tilo L., der an jenem Tag zwölf Stunden den Tatort absichern musste. Ab 6.45 Uhr wären die Kollegen vom Kriminaldienst mit vor Ort gewesen. Die Feuerwehr sei dann gegen 7.50 Uhr gekommen und habe ein rotes Zelt aufgestellt, weil es zu regnen begonnen hatte. Polizeiobermeister Andreas B. berichtete von zwei Reifenspuren, die eindeutig zu dem Toten hingeführt hätten. "Man sah, wie das Fahrzeug da lang gefahren war, und das konnte noch nicht lange her sein. Es lagen auch Fahrzeugteile dort rum."

Genau das war auch dem Rettungssanitäter Tobias B. aufgefallen. Nachdem er bei dem Opfer ein EKG gemacht habe und klar war, dass dem Mann nicht mehr zu helfen war, habe er Teile eines Kotflügels entdeckt. "Daran war Blut." Er habe sich vor allem deshalb an der Unfallstelle genauer umgesehen, "weil ich mich fragte: Wie ist so etwas möglich?"

Eine Antwort bekamen die erneut zahlreich erschienenen Zuschauer auch am Montag nicht. Der Angeklagte hüllte sich weiter in Schweigen. Regungslos folgte er dem Prozess. Die Verhandlung wird am 5. März fortgesetzt. Dann soll auch seine Lebenspartnerin und Mutter seiner zwei Kinder als Zeugin erscheinen. Jene Frau, die laut Verteidigung von einem Unbekannten bedroht und so zum Schweigen aufgefordert worden sein soll. Bis Ende Juni sollen insgesamt 59 Zeugen und drei Sachverständige gehört werden. Nicht auszuschließen ist, dass das Gericht das Geschehen nach der Beweisaufnahme nicht nur als Totschlag, sondern als Mord wertet. Allerdings hatte einer der beiden Verteidiger bereits am zweiten Verhandlungstag verkündet, sein Mandant sei kein Totschläger.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...