Männerhochzeit auf Schloss Augustusburg

Seit das Gesetz zur Ehe für alle in Kraft ist, haben sich nur wenige Paare in der Region zur Trauung angemeldet. Zwei Herren sagen aber: Wir heiraten einander - schon zum zweiten Mal.

Augustusburg/Berlin.

Jens Adam war 30, als er seine große Liebe traf. Oder besser: treffen wollte, denn Michael kam nicht. Der Feigling!, dachte Jens. Online kennengelernt hatten sich beide schon. Jens' Profilname auf der Plattform war eine Anlehnung an einen Song der Deutschpop-Musikerin Ulla Meinecke: "Die Tänzerin". Er fand sich in dem Lied wieder, sagt Jens, Sohn einer Oederanerin. "Du bist die Tänzerin im Sturm", heißt es darin, "du bist ein Kind auf dünnem Eis".

Michael Adam, elf Jahre älter als Jens, war dessen Profil sofort aufgefallen. "Ich fand Ulla Meinecke schon immer gut", sagt der heute 53-Jährige. "Es war toll, jemanden zu finden, der das genauso sieht." Michael, der tatsächlich verhindert war, schlug einen neuen Termin für ein Treffen vor: einen Tag Ende Mai. Diesmal klappte es mit dem Kennenlernen am Treptower Hafen in Berlin. Das war 2005. "Am Ende haben wir unter einem Rhododen-dronstrauch geknutscht", erinnert sich Jens.

Dass die beiden einmal eine Lebenspartnerschaft eintragen lassen würden, ahnten sie damals noch nicht. Doch ihre Beziehung gedieh. Elf Jahre zu Konzerten gehen, reisen, zusammen einschlafen und aufwachen. Ein Leben teilen eben. Ihr Leben führt die beiden auch immer wieder nach Sachsen, wo sie Jens' Verwandte in Dresden, Augustusburg und Oederan besuchen.

Bei einer solchen Gelegenheit übernachtete das Paar in der Jugendherberge auf Schloss Augustusburg. "Da waren wir vorher schon einmal", sagt Jens. "Es hat uns sehr gut gefallen." Weil beim Aufenthalt zuvor nicht alles hundertprozentig geklappt hatte, überraschte die Jugendherberge das Paar: Statt eines normalen Zimmers bekamen sie das Hochzeitszimmer.

"Ich hatte das Thema Heiraten ohnehin schon einmal angeschnitten", sagt Jens. "Jetzt fühlte ich mich natürlich besonders animiert. Also habe ich Micha vorgeschlagen, eine Lebenspartnerschaft eintragen zu lassen." Michael war erschrocken. Seine letzte Beziehung vor Jens hatte das verflixte siebte Jahr nicht überlebt. Sich jetzt so offiziell zu Jens zu bekennen, mit gemeinsamer Steuererklärung und gleichem Nachnamen, machte den Mann, der sonst immer weiß, was er will, nervös.

Andererseits: "Wir hatten als Paar auch schon schlimme Zeiten durchgestanden", sagt Michael. Krankheiten etwa. Michael hatte in seinem Job als Logistiker einmal einen schweren Unfall, lag wochenlang im Krankenhaus. Jens hatte Krebs, durchlief eine Chemotherapie. Die Beziehung sei dadurch noch intensiver geworden.

"Du wirfst mit Liebe nur so um dich", heißt es in Ulla Meineckes Lied "Die Tänzerin". Michael sagte Ja zur Lebenspartnerschaft mit Jens. Also Ja zur Hochzeit. "Für uns war die Eintragung der Lebenspartnerschaft eigentlich unsere richtige Hochzeit", sagt Michael. Ob eine Eheschließung für homosexuelle Paare, die jener für Heterosexuelle in nichts nachsteht, in Deutschland wirklich kommen würde, war schließlich nicht klar. Und mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft wäre endlich ein für allemal der Notfall geklärt. Dass sie im Krankenhaus Auskunft übereinander erhalten etwa und dass ihnen Witwenrente zusteht.

Die Hochzeit begingen die Männer auf Schloss Augustusburg im ganz kleinen Kreis - am Jahrestag ihres Kennenlernens. Nur die Mütter und zwei Trauzeugen waren dabei, die beiden besten Freunde des Paars. "Auf den Nachnamen haben wir uns erst am Tag der Heirat geeinigt", sagt Michael. Jens hatte für ganz besondere Musik für die Zeremonie bei der Standesbeamtin An-drea Franke gesorgt: "Es musste ein ruhiges Instrumentalstück sein. Also habe ich bei Ulla Meineckes Keyboarder Reinmar Henschke angefragt", sagt Jens Adam. "Er hat den Song passend zur Gelegenheit neu arrangiert und uns die CD geschenkt." Zu Hause in Berlin wurde dann im kleinen Kreis mit etwa 30Gästen nachgefeiert.

Im Lied der beiden geht der Text noch weiter: "Du wirfst mit Liebe nur so um dich/Und immer triffst du mich." Als im Sommer das Gesetz zur Ehe für alle beschlossen wurde, war für das Paar klar: Wir heiraten noch einmal. Natürlich an ihrem Kennenlerntag. Der formelle Akt - jetzt also eine offiziell anerkannte und auch so bezeichnete Hochzeit - soll 2018 stattfinden, wieder auf Schloss Augustusburg.

Mit ihrem Entschluss sind die Adams eines von bislang nur wenigen Paaren, die in Mittelsachsen den offiziellen Bund der Ehe eingehen. In Augustusburg hat sich laut Standesbeamtin Christine Heinrich noch mindestens ein weiteres Paar einen Hochzeitstermin gesichert. In Flöha sind es der Beamtin Martina Hartwig zufolge vier. Andernorts im Landkreis gibt es bislang weniger oder gar keine Anfragen gleichgeschlechtlicher Paare. Auf dem Land werde eben doch viel geredet, sagt Hartwig. Für rund zehn gleichgeschlechtliche Paare hat sie seit 2005 die Lebenspartnerschaft eingetragen. "Möglich war das zwar bereits seit 2001 beim Regierungspräsidium, aber erst seit 2005 auf dem Standesamt", so Hartwig. Zur Ehe für alle sagen sämtliche homosexuellen Paare, die sie kennt: Wir sind schon verheiratet. Dennoch werden sie erst durch den Schritt in die seit Oktober auch für sie mögliche offizielle Ehe heterosexuellen Paaren juristisch endgültig gleichgestellt, etwa in Sachen Adoption.

Jens und Michael Adam wollen nicht adoptieren. Für sie ist etwas anderes entscheidend: "Das Bewusstsein, dass Paare wie wir wirklich eine Ehe führen, war in der Gesellschaft bis jetzt eher nicht vorhanden", so Michael Adam. Und auch für die beiden fühle sich die Lebenspartnerschaft noch nicht immer hundertprozentig wie eine echte Ehe an, ergänzt Jens. "Das wird sich mit unserer zweiten Hochzeit endlich ändern", sagt er.

Ein Video zu Ulla Meineckes Lied "Die Tänzerin" 

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3Kommentare
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  • 4
    2
    typewriter
    08.11.2017

    Solche Typen wie Sie verschrecken mich.

  • 2
    6
    SimpleMan
    08.11.2017

    @mathausmike Dann sparen Sie sich doch Ihren Beitrag.

  • 4
    4
    mathausmike
    08.11.2017

    Solche Beiträge in der Freien Presse verschrecken Leser und schaden dem Ansehen dieser Zeitung.Mike Mathäus



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