Vom Konzertsaal in den Eiskanal

Lavinia Pittschaft war ein Ausnahmetalent am Akkordeon. Jetzt ist sie rasant unterwegs. Vielleicht sogar Richtung Olympia.

Augustusburg.

"Mein Ziel ist Olympia", sagt Lavinia Pittschaft. "Natürlich macht mir Bobfahren Spaß. Es ist ein besonderer Sport, den nicht jedermann betreibt. Ein etwas ruppiger Sport, nicht gerade frauentypisch. Blaue Flecken an Knien und Ellbogen sind Standard." Die 19-Jährige lacht offen und herzlich. Sie lacht oft in diesem Gespräch, das auch deutlich macht: Die Augustusburgerin ist selbstbewusst, diszipliniert und zielstrebig.

Nachdem sie 2015 von der Leichtathletik in Chemnitz zum Wintersport an die Sportschule nach Altenberg gewechselt war, musste sie eine lange Durststrecke bewältigen. Die Bänder in den Füßen machten ihr mehrfach zu schaffen, der Rücken schmerzte, die Ärzte diagnostizierten schließlich einen Wirbelbruch. Sie weiß immer noch nicht, wie das passiert ist. "Ich musste monatelang ein Korsett tragen. Aber die Trainer haben mich nicht unter Druck gesetzt, haben mir die Zeit gegeben, wieder gesund zu werden, und haben mich immer wieder motiviert." Überhaupt schätzt sie das kooperative Klima im Team um die Trainer Andreas Zschocke und René Thierfelder. "Wenn man miteinander spricht, ist vieles möglich", meint Lavinia Pittschaft und spielt damit beispielsweise auf die mit bis zu fünf Trainingseinheiten und dem Unterricht prall gefüllten Tage am Sportgymnasium in Altenberg an.

Der Durchbruch kam für die Sportlerin des BSC Sachsen Oberbärenburg im Januar. Bei ihrer ersten Teilnahme an der Juniorenweltmeisterschaft in St. Moritz fuhr sie mit der Winterberger Pilotin Laura Nolte Silber ein und wurde gleichzeitig U-23-Weltmeisterin, da die erstplatzierte Rumänin bereits 24Jahre alt war. Zuvor war sie erst einmal mit Laura Nolte gestartet, beim Europacup in Igls, wo die beiden ebenfalls den zweiten Rang belegten. "Mit Laura und mir -das passt. Wir haben uns gleich gut verstanden und wollen versuchen, in diesem Sommer öfter gemeinsam zu trainieren." Es sind nicht allein die sportlichen Leistungsparameter, sondern es ist auch das Miteinander, das eine große Rolle spielt - gerade in einem Bobteam, bei dem es im Eiskanal auf das blinde gegenseitige Verstehen ankommt.

Zum Sport kam Lavinia Pittschaft, wie sie sagt, durch die typischen sportlichen Wettbewerbe in der Grundschule in Erdmannsdorf. Mitte der achten Klasse erhielt sie das Angebot zum Besuch des Sportgymnasiums in Chemnitz und wurde Sprinterin beim LV 90 Erzgebirge. Man mag es nicht glauben, dass die 1,75 große, schlanke Athletin als zu schwer für die Kurzstrecken befunden wurde. "Doch, das war so. Das Abnehmen funktionierte einfach nicht", bestätigt sie lachend. Heute bin ich dafür etwas zu leicht als Bob-Anschieberin." Pilotin an den Steuerseilen will sie übrigens nicht werden. "Ich möchte Tiermedizin studieren, und ich denke, das Studium lässt sich mit der Aufgabe als Anschieberin besser vereinbaren."

Für erste Schlagzeilen gesorgt hatte Lavinia Pittschaft aber auf einem ganz anderen Gebiet. Als Könnerin auf dem Akkordeon. Gemeinsam mit ihrer Schwester Laetitia gewann sie beispielsweise 2014 den sächsischen Regionalausscheid bei "Jugend musiziert" und vertrat Sachsen beim Bundeswettbewerb. Heute spielt das Musikmachen kaum noch eine Rolle, manchmal setzt sie sich noch ans Klavier im Zimmer ihrer Schwester.

In den vergangenen Wochen musste Lavinia viel lernen für all die Abi-Prüfungen, die sie mittlerweile mit Bravour bestanden hat. Wenn ihr Plan aufgeht, wird sie im Herbst ihr Studium in Leipzig aufnehmen. Und - nicht nebenbei, sondern mit genauso viel Ernsthaftigkeit - wird sie das Anschieben des Bobs üben. Wenn über die nächsten Jahre alles gutgeht, wird sie eines Tages bei den Olympischen Winterspielen am Start sein. In vier Jahren vielleicht schon, in Peking.

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