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Zu Gerald Frankes Meisterbrief aus dem Jahr 1968 kommt bald ein Goldener dazu. Den vergeben die Handwerkskammern nach 50 Jahren. Den Betrieb führt mittlerweile sein Sohn Hartmut Franke (rechts im Bild).

Foto: Hendrik Jattke

Von einem fast verlorenen Meisterbrief

Heute auf den Tag genau vor 50 Jahren erhielt der Maler und Lackierer Gerald Franke aus Flöha seinen Meisterbrief. Der Weg dorthin war in der DDR nicht leicht.

Von Nina Monecke
erschienen am 10.02.2018

Flöha. An seine praktische Meisterprüfung vor 50 Jahren in Chemnitz erinnert sich der Maler und Lackierer Gerald Franke noch genau. Zwei Lackplatten habe er für den erfolgreichen Abschluss fertigen müssen. "Schwarz waren die, und darauf habe ich als Motiv eine Vogelbeere aufgetragen", sagt der 80-Jährige.

Zeigen kann er die Abschlussarbeit aber leider nicht. Während der Jahrhundertflut 2002 standen die Büroräume im Keller des Malerbetriebs Franke in der Straße Zum Rosenheim komplett unter Wasser. An die Höhe des Wasserstandes erinnert im Treppenhaus eine kleine Tafel. Viele Dokumente seien durch die Überschwemmung verloren gegangen oder zerstört worden, sagt Frankes Tochter Sylvia Schmidt. Sie kümmert sich seit Ende der Neunziger um die Buchhaltung im Betrieb. Fast hätte die Flut sogar den Meisterbrief von Gerald Franke zerstört. "Der war völlig durchnässt. Wir mussten ihn vorsichtig trocknen und wieder glatt bügeln", so Schmidt. Heute hängt er eingerahmt an der Wand - ausgestellt auf den 10. Februar 1968, exakt heute vor 50 Jahren.

Im Kammerbezirk Chemnitz feiern jedes Jahr um die 120 Handwerker das 50. Jubiläum ihres Meisterbriefs, sagt Robert Schimke, Sprecher der Handwerkskammer in Chemnitz. "Wir freuen uns über jeden einzelnen Goldenen Meister. Wer seinem Gewerk so lange treu bleibt, verdient Hochachtung", sagt er. Wie viele Jubilare es in diesem Jahr sind, stehe noch nicht fest. Die Daten würden erst im Oktober zusammengetragen. 2017 hat die Kammer jedoch 116 Handwerker geehrt. "Die Zahlen sind in etwa konstant."

Gerald Franke ist in Flöha geboren und aufgewachsen. Seine Kindheit und Jugend waren musisch geprägt. Mehrere Jahre habe er Klavierunterricht genommen, jedoch nie einen Flügel besessen. Dafür wäre in der kleinen Wohnung der Familie gar kein Platz gewesen. Mit zwei Freunden spielte er in der Gruppe Akkordeon. Ab und an seien sie aufgetreten. "Mein Vater wollte eigentlich einen Musiker aus mir machen", erinnert er sich. Aber in der DDR hätten eine Berufsausbildung und Abzeichen auf der Brust mehr gezählt, als eine Künstlerkarriere, so der Malermeister.

Bis zur achten Klasse ging er in die Schule, anschließend in die Lehre beim örtlichen Malermeister. Dieser habe sich gegenüber den Behörden für ihn eingesetzt, um ihn vor dem Militärdienst zu bewahren. Ohne ihn hätte der Meister den Betrieb wohl nicht am Laufen halten können, so Franke. "Es waren ja nur wir beide und zwei weitere Gesellen." Letztlich habe Franke nur für drei Monate als Reservist nach Schneeberg gemusst. Als er später selbst ausbildete, hätten einige seiner Lehrlinge weniger Glück gehabt. "Die waren dann erst einmal für anderthalb Jahre weg, mein erster Lehrling ist sogar während seines Einsatzes verstorben", sagt Franke.

Den Betrieb seines Ausbilders übernahm Gerald Franke Mitte der 1950er-Jahre. Die Werkstatt lag fortan in Flöha-Plaue in einem Kellergeschoss, in der Nähe des heutigen Haltepunktes. Die Meisterprüfung legte er trotz Vollzeit nebenher ab. "Das waren anstrengende zwei Jahre", sagt Franke.

Überhaupt sei es als Selbstständiger in der DDR nicht leicht gewesen. Es fehlten die einfachsten Materialien. "Wir hatten nicht einmal einen Rechenschieber." Seine Stiefmutter habe versucht, einen Taschenrechner aus dem Westen in die DDR zu schmuggeln. Doch das Gerät wurde ihr bei der Grenzkontrolle abgenommen. Auch ein Auto oder einen Transporter habe er damals nicht besessen, sagt Franke. "Auf einen Trabbi mussten wir ja 15 Jahre warten."

Stattdessen seien er und seine Kollegen zu den Arbeitseinsätzen mit Moped und Anhänger gefahren. "Das war hart, vor allem im Winter bei Minusgraden", sagt Franke. "Da konnte ich froh sein, wenn das Ding ansprang." Und die Fahrtwege waren lang. Bis Limbach-Oberfrohna reichte die Kundschaft des Malers. "Wir mussten nehmen, was wir kriegen konnten. Viele Aufträge brachen weg, als die PGH kam." Die PGH, die Produktionsgenossenschaft des Handwerks, wurde 1952 als sozialistische Genossenschaft gegründet. Offiziell sollte der Zusammenschluss der Handwerksbetriebe die Produktion effizienter machen. Die SED-Führung drängte jedoch viele private Handwerker in die Vereinigung. Franke wehrte sich erfolgreich gegen den Eintritt - mit Auftragseinbußen.

Noch vor der Wende begann Frankes Sohn Hartmut seine Ausbildung zum Maler und Lackierer im väterlichen Betrieb. 1992 legte er seine Meisterprüfung ab. Der Brief hängt in den Büroräumen gleich neben dem seines Vaters.

Hartmut Franke hat den Betrieb im Jahr 2000 übernommen. Derzeit beschäftigt er zwei Mitarbeiter. Das reiche. Ausbilden würde er auch, doch die Bewerberzahl sei dünn, wie heute nahezu überall im Handwerk. Damit hat Gerald Franke nichts mehr zu tun. Der 80-Jährige hat sich aus dem Betrieb komplett zurückgezogen, schaut auch nicht zwischendurch mal nach dem Rechten.

Kontakt zu seinen Mitstreitern bei den Meisterlehrgängen hat er nicht mehr. Doch vielleicht erkennt er ja das ein oder andere Gesicht am 20. November wieder. Dann findet in der Stadthalle in Limbach-Oberfrohna die nächste Feierstunde der Handwerkskammer Chemnitz für die diesjährigen Goldenen Meister statt.

 
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