Forscher machen Müll zum Rohstoff

Forscher der Bergakademie haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich aus Müll Kunststoff gewinnen lässt. Es würde einen Teil des globalen Müllproblems lösen.

Freiberg.

Eine Robbe liegt am Strand. Tot. Verschlungen in Resten von grünem Netz. Ein Foto des toten Tiers prangt auf einem Sack, der bis oben hin voll ist mit Müll aus der Nordsee: Seilreste, Plastikfetzen, Gummistiefel. Der Sack steht auf dem Gelände der Reichen Zeche in Freiberg. Dort, wo Menschen über Jahrhunderte Silber aus der Erde geholt haben, entwickeln Forscher der TU Bergakademie Freiberg einen Weg, wie man aus Kohle und Müll neuen Kunststoff gewinnen kann. Das Verfahren würde nicht nur Robben helfen, sondern auch einen Teil des globalen Müllproblems lösen.

Auch Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) hat sich gestern angeschaut, wie die Freiberger Müll zu Rohstoff machen wollen. Finanziert wurde die Forschung auch mit Geld vom Freistaat.

Die Bilder der Meerestiere, die sich in Plastikschlaufen stranguliert haben, machen auch die Ministerin betroffen. Doch Betroffenheit ändert am Handeln wenig. "Das sind starke Bilder, aber sie sind weit weg vom Alltag der Leute." Das sagt Roh Pin Lee vom Institut für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen, kurz IEC. "Sie wissen nicht, wo sie ansetzen sollen." Und kaufen trotzdem in Plastik verpackte Tomaten im Supermarkt.

Doch passieren muss etwas. Auf den Weltmeeren schwimmt der Müll in Inseln, die teilweise zwei mal so groß sind wie Deutschland. Zwischen 100 und 142 Millionen Tonnen, schätzt das Umweltbundesamt. Das meiste davon ist aus Plastik. Es stammt nicht von Strandurlaubern, sondern vom Festland: Wind und Flüsse tragen Kunststoff, der sich kaum zersetzt, über lange Zeit und weite Strecken, bis zum Meer. Mittlerweile fischen mehrere Initiativen Müll aus dem Meer - einen winzigen Teil davon zumindest. Der Sack Nordseemüll in Freiberg kommt vom Naturschutzbund Deutschland.

"Aber was wird damit", fragt Lees Kollege Alexander Laugwitz, und meint allen anfallenden Müll. Das Hochwertigere unter den Plastikteilen könne relativ problemlos wiederverwertet werden. Doch der große Rest, rund 70 Prozent, landet bisher auf der Deponie, oder wird verbrannt. Beides ist problematisch, erklären die Forscher. Wir ersticken buchstäblich in unserem Müll.

Hier setzt das Verfahren der Forscher vom IEC an. Unter Leitung von Professor Bernd Meyer hat das Institut eine Anlage entwickelt, die aus Müll und Kohle Synthesegas presst. Noch arbeiten die Forscher am Feinschliff der Pilotanlage, die so hoch ist wie ein dreistöckiges Haus. Wenn alles nach Plan läuft, kann in zwei Jahren im Industriemaßstab gebaut werden: etwa zehn mal so groß. Interessant sei die Anlage etwa für Kommunen, die anfallenden Müll damit zu Synthesegas pressen und das dann verkaufen könnten. Die Kosten liegen Laugwitz zufolge im zweistelligen Millionenbereich. Das Synthesegas ist flüssig, besteht aus Kohlenstoff und Wasserstoff - die Grundlage für Kunststoff. Er ist qualitativ hochwertig wie das Ausgangsprodukt - auch das ist neu. Bernd Meyer beschreibt den bisherigen Recycling-Kreislauf eher als Abwärtsspirale, in dem die Stoffe an Qualität verlieren, und irgendwann herausfallen.

Aus einer Tonne Müll wird eine halbe Tonne Kunststoff, erklärt Institutschef Meyer. Übrig blieben Schlacke, die als Baustoff genutzt werden kann, und Wärme. Es sei die weltweit effizienteste Technologie zur Gewinnung von Kunststoff. Es entstehe deutlich weniger Kohlendioxid als beim Verbrennen von Müll und Braunkohle. Eine saubere Möglichkeit also, die als schmutzig verschrieene Braunkohle zu verwerten. Zum Verbrennen sei sie zu schade, sagt auch Ministerin Stange. Doch auf absehbare Zeit werde sie in Sachsen nun mal weiter gefördert.

"Braunkohle ist nicht sauber oder schmutzig", sagt Roh Pin Lee, die Dinge gern von zwei Seiten betrachtet. "Die Art der Nutzung ist entscheidend." So ist es auch mit dem Kohlenstoff: lebenswichtig als Bestandteil des menschlichen Körpers, lebensbedrohlich als Plastiktüte im Meer. Und auch wenn es schön wäre, Plastikmüll ganz zu vermeiden, lasse sich das auf absehbare Zeit nicht erreichen. Für Lee und ihre Kollegen am IEC ist Müll deshalb Rohstoff.

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