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Kunsthandwerker Siegfried Werner aus Seiffen hat den Mythos vom ersten Silberfund in Freiberg in einem Diorama anschaulich gemacht. Das Modell steht im Foyer des Freiberger Rathauses. Was aber ist dran an der Geschichte?
 

In den Fußstapfen von Sherlock Holmes

Vor 850 Jahren wurde auf dem Gebiet des heutigen Freiberg das Silber entdeckt. Darum ranken sich viele Legenden. Welche sind wirklich wahr? Das herauszufinden gleicht einer Detektivgeschichte.

Von Frank Hommel (Text und Foto)
erschienen am 11.06.2018

Freiberg. Siegfried Werner, Kunsthandwerker aus Seiffen, hat die Szene in einem Diorama nachgestellt. Das steht im Foyer des Freiberger Rathauses. Es ist die Szene, wie Salzfuhrleute auf dem Weg ins Böhmische bei der Querung einer Furt nahe des eben erst gegründeten Christiansdorf einen glänzenden Brocken Erz finden. Auf dieser Legende beruht der Mythos der Stadt. Sie besagt, dass die Fuhrleute den Brocken mit nach Goslar nahmen, wo kundige Hüttenleute angesichts des Silbergehalts des gefundenen Erzes erst vor Aufregung in Ohnmacht fielen. Und dann in Scharen in jenen Weiler am Rande des dunklen Waldes ein. Selbst den genauen Ort, wo das Silber in der Wagenspur gefunkelt haben soll, kennt die Legende: Der Schüppchenberg in der Altstadt. Georgius Agricola schrieb die Legende 400 Jahre später nieder. Und heute nimmt der Festakt zum ersten Silberfund 1168 in Freiberg Bezug genau darauf. Dabei gibt von jenem ersten Fund keine schriftliche Quelle. Nur eine Reihe von Indizien und Hinweisen, die helfen bei der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wie war das eigentlich, als erst das Erzgebirge besiedelt und kurz darauf - als gäbe es einen Lottogewinn mit Supersuperzahl - das Silber gefunden wurde?

Historiker, die aus knappen Daten Geschichte rekonstruieren, müssen kombinieren können wie Sherlock Holmes. Sie brauchen eine detektivische Spürnase. Eine Spürnase wie die von Uwe Richter. In seinem Büro bei der Denkmalschutzbehörde Freiberg hängen historische Karten der Altstadt. Uwe Richter forscht seit Jahrzehnten über die Stadtgeschichte. Er nutzt dafür historische Zeugnisse, archäologische Funde - und die Logik. "Das ist, als ob man ein Puzzle zusammensetzt", sagt er. "Das ist aber auch gut so. Es würde keinen Spaß machen, wenn es einfach wäre und man nur alles abschreiben brauchte."

2012 hat Richter mit Yves Hoffmann seine Doktorarbeit verfasst. Titel: "Entstehung und Blüte der Stadt Freiberg". Die Antwort auf die Frage, wann die ersten Siedler den Wald bei Christiansdorf, dem Vorläufer Freibergs, gerodet haben, fand sich etwas weiter östlich. Im Tharandter Wald. Wo heute Vögel zwitschern, Insekten summen, im Frühjahr liebeskranke Hirschbullen auf den Lichtungen brüllen und ab und zu der Harvester vorbeikommt und die Stämme im Sekundentakt zersägt, gab es einst ein Dorf namens Warnsdorf. In den 1980er-Jahren gruben Archäologen, für Historiker so etwas wie die Abteilung Spurensicherung für die Polizei, dessen Reste wieder aus. Sie fanden Hausstellen, womöglich den Standort einer Kirche, hölzerne Brunnen. Dank der Analyse von Jahresringen der Konstruktionshölzer ließ sich feststellen, wann die Bäume gefällt worden waren: nämlich 1162.

Nun ist die Gegend um Tharandt vom Freiberger Raum aus urbar gemacht worden. Gab es dort 1162 Siedlungstätigkeit - dann musste die in Christiansdorf bereits vorher eingesetzt haben. Markgraf Otto, auf den die Besiedlung zurückgeht, hatte die Herrschaft über die Markgrafschaft Meißen 1156 von seinem Vater übernommen. Richter: "Also steht fest, dass der westlich davon liegende Freiberger Bereich kurz zuvor besiedelt worden ist." Der Meisterdetektiv hätte das nicht besser hingekriegt. Zwischen 1156 und 1162 also fiel auf dem Gebiet des heutigen Freibergs der Miriquidi-Dunkelwald den Äxten und Sägen der Siedler zum Opfer. Woher aber weiß man, dass es 1168 war, als das Silber gefunden wurde?

Die Spurensuche geht weiter im Stadt- und Bergbau-Museum am Untermarkt. Der spätgotische Bau ist selbst ein Ausstellungsstück. Ulrich Thiel hat das Haus viele Jahre geleitet, er kennt die Bestände wie kein zweiter. Zahlreich sind die Zeugnisse nicht, die Auskunft geben über diese ersten Jahre, berichtet der ehemalige Museumschef. "Aus den ersten Jahrzehnten existieren so gut wie keine schriftlichen Quellen." Aber die, die es gibt, die kennt er. Eine Wendeltreppe führt hinauf ins Dachgeschoss des Museums. Dort lagert die Bibliothek. In einem Nebenraum: Die Urkundenbücher der Stadt Freiberg. Eine Auflistung nahezu aller besiegelten und beglaubigten Dokumente bis um 1500, die irgendwie mit Freiberg zu tun haben. Die Bücher sind Teil des Codex diplomaticus Saxoniae, in dem alle Quellen zur mittelalterlichen Geschichte des Freistaats zusammengetragen werden. Das Projekt begann vor mehr als 100 Jahren - abgeschlossen ist es noch lange nicht.

Die älteste Freiberg betreffende Urkunde, die die Archivare ausgegraben haben, stammt von 1183. Ein Bischof Martin von Meißen erwähnt darin auch Christiansdorf. Das zweite Dokument bezeugt, wie sich Markgraf Otto, später der Reiche genannt, dieses eben dem Kloster Altzella gestiftete Christiansdorf im Tausch wieder einverleibte - weil dort Silberadern gefunden worden waren. Davon wollte der Markgraf lieber selbst profitieren. Jahreszahl der Urkunde: 1185. Also erst 17 Jahre nach dem ominösen 1168.

Zum detektivischen Spürsinn gehört, die Fallstricke rechtzeitig zu erkennen, bevor man sich darin verheddert. Den in der Urkunde festgehaltenen Vertrag bezeugt laut dem Dokument ein Bischof. Der aber, das wissen die Historiker, war bereits Anfang 1170 vor seinen Schöpfer getreten. Den Silberfund und die Rückübertragung der Dörfer muss der Bischof vor seinem Tod bezeugt haben. Die Jahreszahl 1185 heißt für die Historiker also nur, dass die Urkunde zu diesem Zeitpunkt niedergeschrieben wurde. Wovon sie berichtet, muss vor 1170 gewesen sein. Auch der Silberfund. 1162 aber hatte Markgraf Otto Christiansdorf erst dem Kloster gestiftet. Damals kann der Silberfund kaum bereits bekannt gewesen sein. Und so grenzten die Historiker den Zeitpunkt des Silberfunds mehr und mehr ein. Und sind sich heute ziemlich sicher, dass es 1168 gewesen sein muss.

Gar nicht sicher ist sich Uwe Richter aber bei der Agricola-Legende vom Schüppchenberg. "Die Existenz einer Straße in der ehemals sumpfigen Aue des Münzbachtals erscheint wenig wahrscheinlich", urteilt der Denkmalschützer. "Den genauen Fundort wird man nicht mehr feststellen können." Ebenso wenig, ob der Finder nun Fuhrmann war, Bauer, Waschfrau, Schmied, Ritter oder Ziegenhirte.

Gleichwohl freut es die Literaten, dass sich kein Sherlock Holmes unter den Historikern fand, der es geschafft hätte, die schöne Geschichte der Fuhrleute mit ihrer Ladung Salz für immer zu widerlegen und ins Reich der Fabeln zu verweisen. Denn ausschließen lässt sich die Legende keinesfalls. Was macht es schon, dass der böhmische Steig, auf dem das Salz nach Prag ging, den Überlieferungen zufolge an Oederan vorbei in Richtung Erzgebirgskamm führte? Dass also eine Straße von überregionaler Wichtigkeit schwerlich das kleine, abseits gelegene, eben gegründete Christiansdorf gestreift haben kann? Dass es erst 1318 war, als der Markgraf die Salz-Fuhrwerke verpflichtete, auf ihrem Weg nach Böhmen durch Freiberg zu fahren? Denn wer wollte ausschließen, dass sich nicht auch ein Fuhrmann im Mittelalter einfach mal im Dunkelwald verfahren haben kann? Solange die Legende nicht als Fakt verkauft wird, können Historiker gut damit leben, dass sie weiterlebt. Verhindern können sie das eh nicht.

Der Artikel ist eine gekürzte und bearbeitete Version eines Buchkapitels über die Montanregion Erzgebirge, das im Chemnitzer Verlag erscheinen soll. Das Jubiläumsjahr zu 850 Jahren Silberfund in Freiberg erlebt heute in mehreren Veranstaltungen seinen Höhepunkt.

 
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