Lichtenberger Medizintechnik expandiert nach Weißenborn

In Medizin und Pharmazie ist das Züchten von Zellen ein großes Thema. Dafür hat das erzgebirgische Unternehmen Einmal- Bioreaktoren entwickelt. Um die herzustellen, braucht die Firma mehr Platz.

Lichtenberg.

Manufaktur statt automatisierte Massenproduktion: In den Reinräumen der Medizintechnik Hegewald in Lichtenberg wird nahezu jedes Produkt einzeln per Hand bearbeitet. Komplett ausgestattet mit Schutzanzug, -brille, -maske und -handschuhen, steckt eine Mitarbeiterin zum Beispiel dünne Schläuche an Infusionsbeutel. Oberstes Gebot: steriles Arbeiten und regelmäßiges Desinfizieren. Schließlich sollen über die Beutel Patienten versorgt werden. Rund 100 Mitarbeiter, zum Großteil Frauen arbeiten in Lichtenberg.

"Allerdings stoßen wir an Kapazitätsgrenzen", sagt Geschäftsführer Robert Hegewald. Die Geschäftsentwicklungskurve zeigt steil nach oben. 6,5 Millionen Euro Umsatz macht die Produktionsfirma eigenen Angaben zufolge pro Jahr; davon 21 Prozent im Ausland. "Jetzt müssen wir sehen, dass wir mit der Produktion hinterherkommen", meint der Diplom-Bauingenieur, der das Unternehmen 1999 von seinen Eltern übernommen hat und seitdem führt.

Nun will er die Produktion erweitern, und zwar in Weißenborn. Das Firmengelände des ehemaligen Möbelhauses Lohse fiel ihm schon 2013 ins Auge. Dann erwarb er es. Wenn die Baugenehmigung vorliegt, soll das alte Möbelhaus zum Teil abgerissen und ein neues Gebäude aufgebaut werden. Mittelfristig könnten dort 15 bis 20 neue, moderne Arbeitsplätze entstehen.

In dem künftig dritten Reinraum will Hegewald Einmal-Bioreaktoren aus Folie produzieren lassen. "Dieser Geschäftsbereich wächst stark, unsere Bioreaktoren sind gefragt", sagt der Unternehmer. In Bioreaktoren können unter bestimmten Bedingungen Zellen gezüchtet werden, beispielsweise für Pharmazie und Medizin. Weil es jedoch sehr umständlich ist, einen Bioreaktor zu säubern und zu sterilisieren, erklärt Hegewald, hat die Firma einen Einmal-Folienbeutel entwickelt, mit dem ein Edelstahl-Bioreaktor innen ausgekleidet wird. Darin werden dann die Zellen gezüchtet. Am Ende wird nur die Folie entfernt und der Bioreaktor mit einer neuen Folie bestückt.

Die erste Anfrage dazu kam von der Firma Nestlé, die in einem sterilen Gewächshaus Kaffeesorten züchtet, erzählt der 44-Jährige. Daraufhin habe das Unternehmen die Einmal-Bioreaktoren entwickelt. "Wir liefern schon nach Frankreich und Mexiko, in die Niederlande und die Schweiz, Anfragen haben wir aus Vietnam", so der Geschäftsführer.

Dass die Firma vom Land so boomt, hat verschiedene Gründe. Zum einen bedient das Unternehmen eine spezielle, aber sehr gefragte Nische. Zum anderen entwickelt das Unternehmen einen Teil seiner Anlagen in der eigenen Werkstatt selbst. So hat das Unternehmen vor sechs Jahren eine Anlage entwickelt, um Flüssigkeiten in Infusionsbeutel fließen zu lassen. Mit diesem sogenannten Compounder sei das Lichtenberger Familienunternehmen sehr erfolgreich und deutschlandweit unter den großen Herstellern sogar Marktführer, sagt Hegewald.

Dennoch räumt er ein: "Es wird definitiv schwerer, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Es gehört immer etwas Glück dazu", meint er. Sechs Azubis hat das Unternehmen ausgebildet, fünf davon arbeiten noch im Unternehmen; eine Ausbildungsstelle ist derzeit unbesetzt. Um Mitarbeiter zu gewinnen, schaltet Hegewald Stellenanzeigen online und in Printmedien; außerdem sucht er über Zeitarbeitsfirmen. Sehr gute Erfahrungen mache er mit tschechischen Mitarbeitern. Acht Tschechinnen hat er derzeit unter Vertrag. Um Mitarbeiter langfristig zu halten, stellt er Zeitarbeiter fest ein; bietet Schulungen wie Englischunterricht oder auch Deutschunterricht für fremdsprachige Mitarbeiter an.

Trotz aller Anstrengungen ist ihm bewusst: "Junge Leute wollen meist in die Zentren. Wenn wir hier nicht mehr fündig werden, müssen wir künftig dort Außenstellen eröffnen." Denkbar wären Chemnitz, Dresden oder Leipzig. So müsse beispielsweise die Software für eigene Geräte nicht zwangsläufig in Lichtenberg entwickelt werden.

Neben fähigem Personal ist für Unternehmen schnelles Internet unerlässlich. Mit einer VDSL 50Mbit-Leitung in Lichtenberg und einer Telekom-Standleitung in Weißenborn komme das mittelständische Unternehmen zurecht. Doch Hegewald betont: "Ohne vernünftige Internetanbindung haben Unternehmensstandorte keine Zukunft. Der weitere Ausbau der Infrastruktur ist dringend notwendig, sonst wird die Region noch weiter abgehängt." Daran arbeitet die Telekom mit Hochdruck. Im Frühjahr starten die Bauarbeiten, um bis Ende 2019 den Großteil der Mittelsachsen mit schnellem Internet zu versorgen, sagte jüngst Telekom-Regionalmanager Hendrik König.


Von Lichtenberg in die Welt

Im Jahr 1992 gründetendie Lichtenberger Eheleute Jürgen und Almut Hegewald ein Einzelunternehmen namens "Almut Hegewald". Ganz zu Beginn fertigten sie noch in einer umfunktionierten Garage medizinische Beutel.

In den neunziger Jahren vergrößerte sich das Unternehmen mit der Herstellung von Spezialbeuteln für die Human- und Veterinärmedizin stetig.

Mit Sohn Robert Hegewald und drei weiteren Gesellschaftern gründete das Paar 1999 die Medizinprodukte GmbH. Robert Hegewald wurde Geschäftsführer und investierte in Gebäude und Anlagen am Standort Lichtenberg. Heute ist die Firma wieder ein reines Familienunternehmen.

2011 gründete Robert Hegewald eine zweite Firma, die Hemedis GmbH. Die Firma mit heutigem Sitz in Weißenborn hat sich auf den Vertrieb von medizinischem Zubehör wie Infusions- und Mehrkammerbeutel sowie Schlauchsysteme zur Herstellung von klinischer Ernährung spezialisiert. Während die Medizintechnik zunächst ausschließlich für andere Unternehmen produzierte, stellen die Lichtenberger mittlerweile eigene Produkte her und vertreiben diese.

Beide Firmen bedienen heute Kunden weltweit, darunter Universitätskliniken und Krankenhäuser, Apotheken, Pharmakonzerne, aber beispielsweise auch den Nahrungsmittelkonzern Nestlé, das Gesundheitsunternehmen Fresenius Kabi, die Leipziger Nabelschnurbank Vita 34 oder den Enzymhersteller Optiferm. (cor)

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