Luai und sein Leben zwei Jahre nach der Ankunft in Clausnitz

Die Geschichte ihrer Ankunft 2016 ging um die Welt. Zwei Jahre später wohnen der libanesische Vater und seine zwei Söhne noch immer in dem Dorf. Was ist geblieben vom Traum des Lebens in Deutschland?

Clausnitz.

Eigentlich will Luai nicht zurück in den Libanon - zumindest nicht dauerhaft, wie der 16-Jährige in gutem Deutsch erzählt. Mit offenem Blick schaut er mich an, sitzt mir wie sein Vater Majdi K. und der 15-jährige Bruder (Name ist der Redaktion bekannt) im spärlich eingerichteten Zimmer der Clausnitzer Wohnung gegenüber. Ältere Schrankwand, unterschiedliche Sofas, Sessel, Tisch. "Also, klar möchte ich zurück, aber wiederkommen, wenn es zu Hause nicht gut ist", präzisiert Luai. Nicht gut heißt ...? "Na ja", meint der Junge schulterzuckend. Sein 15-jähriger Bruder beobachtet uns, sagt nichts. Ebenso der Vater Majdi - schwermütig sein Gesichtsausdruck.

Vor zwei Jahren gingen die Bilder aus Clausnitz um die Welt, als wütende Menschen sich einem Bus mit Flüchtlingen in den Weg stellten. Luai ist jener Junge, der sich panisch gegen Polizisten wehrte, die ihn aus dem Fahrzeug zerrten. Nach Stunden wurde die Blockade aufgelöst. Die Flüchtlingsfamilien zogen in Wohnungen am Ortsrand. "Fünf, sechs Tage lang habe ich Angst gehabt - nachts", sagt Luai. Immer habe er in der Parterrewohnung zum Fenster gesehen. Die Erinnerung sei da - die Angst nicht mehr. Auch deshalb, weil die libanesische Familie Hilfe erhielt, sagt Luai. Leute aus dem Ort nahmen sie zum Einkaufen mit, kamen zum Deutschunterricht. Jetzt aber sei das anders - und die Asylbewerber seien meist unter sich. Vater Majdi K. versteht etwas Deutsch, spricht aber die Sprache kaum. Luai lacht darüber, dass der Vater nach Deutschkursen trotzdem die Zertifikate erhielt.

"Es gibt keine Probleme - alles ist ruhig", meint der Rechenberg-Bienenmühler Bürgermeister Michael Funke. "Momentan leben 23 Asylbewerber und Flüchtlinge in Clausnitz", so ein Sprecher des Landkreises. Luai, sein Bruder und der Vater gehörten seit Februar 2016 dazu. Für je 75 Flüchtlinge gibt es einen Betreuer, wie Dieter Steinert, im Landkreis zuständig für Asylfragen, erklärt. Der sei regelmäßig vor Ort. Ist Clausnitz nicht zu weit weg für die Integration von Menschen aus fremden Kulturkreisen? Dass es ab vom Schuss liegt, räumt Steinert ein. Aber: "Dort leben auch Deutsche."

Vater Majdi zeigt ein Schreiben. Er wollte mit seinen Söhnen nach Freiberg umziehen. Der Landkreis gab dem statt: Das Asylbewerberheim Chemnitzer Straße in Freiberg könne sie aufnehmen. "Dort müssten wir zu dritt in einem Zimmer leben", sagt Luai. Das wollten sie nicht.

Aus dem libanesischen Tripolis, so gibt Vater Majdi an, flohen er und seine Söhne im November 2015 nach Deutschland und stellten Asylantrag. Der Vater sei Schiit, habe sich wegen der Konflikte zwischen Sunniten, Schiiten und Alawiten bedroht gefühlt und sei aus dem Wohnviertel vertrieben worden. Mit Frau und vier Kindern habe der 44-Jährige dann bei Verwandten gewohnt. Da es eng war und die ökonomischen Verhältnisse schlecht, habe er sich zur Flucht entschlossen - ohne Frau und zwei weitere Kinder. Luai erzählt, dass sie telefonisch Kontakt zur Mutter, zur zwölfjährigen Schwester und zum 14-jährigen Bruder hielten. Die Mutter arbeite als Putzfrau.

"Das Bundesamt hat den Asylantrag der Familie K. am 1. November 2016 abgelehnt", heißt es aus der Pressestelle der Behörde (BAMF). Sechs Tage später klagte Majdi K. dagegen, bestätigt das Verwaltungsgericht Chemnitz. Eine zweiseitige Erklärung liegt vor - in Deutsch, der Libanese sprach bei Gericht vor, einen Anwalt habe er nicht. Bis heute fand kein Prozess statt, sagt Gerichtssprecher Mark Artus. Majdi K. zeigt mir den vom Landkreis ausgestellten Ausweis: Er und seine Söhne haben eine Aufenthaltsgestattung "längstens gültig bis 9. August 2018". Eine Arbeit ist Majdi K. nur "mit Genehmigung der Ausländerbehörde gestattet", steht im Dokument. Im Libanon war der Vater nach eigenen Worten Kurier für Apotheken - nun bringt er Arztatteste. Wegen gesundheitlicher Probleme kann er nur bedingt arbeiten. Meist sei er zu Hause, sagt Luai.

Und die Jungs? Es ist in Clausnitz Dorfgespräch, dass beide kaum in der Schule sind. Die 7. Klasse in der Oberschule Rechenberg-Bienenmühle würde Wetten abschließen, ob der jüngere Bruder morgens erscheint. "Die Schulpflichtverletzungen melden wir alle zwei Monate dem Landkreis", sagt Schulleiter Andreas Schmieder. Erfasst würden unentschuldigte Tage - auch entschuldigte stünden zu Buche. Trotz mehrerer Gespräche - selbst mit dem Flüchtlingsbetreuer - ändere sich nichts. Dabei hätten die Mitschüler den einzigen Flüchtling offen aufgenommen, als er aus der Deutsch-als-Zweitsprachen-Klasse in Brand-Erbisdorf kam. "Die Schule in Rechenberg ist nicht gut", sagt der jüngere Bruder. Was macht er tagsüber? Er zuckt die Schultern, das Wort Busbahnhof fällt. Weiß der Vater davon?

Der 44-Jährige bringt Quittungen: 342 Euro hat er für die Schulschwänzerei seines Sohnes 2017 an den Landkreis bezahlt. Aktuell bekam er ein Schreiben der Behörde "über mögliche Erzwingungshaft", wenn nicht weitere 342 Euro gezahlt würden. Der Vater scheint hilflos. Jeden Morgen wecke er den Jüngeren und schicke ihn zum Schulbus. Und danach? Majdi K. zuckt ratlos die Schultern.

"Auch für ausländische Kinder gilt die Schulpflicht", heißt es auf Nachfrage aus der Landkreis-Pressestelle. Zu mehr will sich die Behörde im Einzelfall nicht äußern. Der Asylbeauftragte Steinert sagt, dass es bei Schulverweigerung Sanktionen gebe, wenn Hinweise kommen.

Auch Luai nimmt es wohl mit der Schulpflicht nicht so genau. Von den 105 Tagen des ersten Halbjahres fehlte er 54. Ähnlich soll es voriges Jahr gewesen sein. "Für alle Tage liegen Entschuldigungen oder Krankenscheine vor", sagt Martina Kilian. Die Leiterin der Oberschule Brand-Erbisdorf könne nichts machen. Dabei habe Luai selbst darum gebeten, nach der Vorbereitungsklasse in Brand-Erbisdorf zu bleiben und in der 9. Klasse gute Ansätze gezeigt. Er sei sprachlich begabt, habe jedoch riesige Lücken.

Luai erzählt vom langen Schulweg: Wegen zweieinhalb Stunden Fahrt mit Bus und Bahn gehe er 6.15 Uhr aus dem Haus und sei nach 17 Uhr zurück. Er denkt, dass er wegen der schlechten Leistungen nicht Polizist werden kann. "Ich gehe zum Sicherheitsdienst", sagt er.

Die zwei Schulleiter haben die Hoffnung für die Jungs nicht aufgegeben: Für das berufsvorbereitende Jahr würden beide angemeldet. Ziel: Hauptschulabschluss. Laut Lutz Steinert, Pressereferent im Landesamt für Bildung, Chemnitz, bleiben Flüchtlingskinder dem Unterricht häufiger fern als deutsche Schüler. "Besonders in der Etappe, in der sie noch nicht vollständig am regulären Unterricht teilnehmen", sagt er.

Wo die Probleme bei der Integration der Flüchtlinge in Clausnitz liegen, erklärt der Dresdner Marc Lalonde: "Man kann die Menschen nicht so weit weg von Schul- und Einkaufsmöglichkeiten unterbringen", kritisiert er. Lalonde unterstütze die Flüchtlinge regelmäßig, fahre sie zum Einkaufen - auch Familie K. "Majdi fühlt sich sehr einsam. Er wollte die restliche Familie nachholen, das wurde abgelehnt", sagt der Dresdner. "Ich denke, der jüngere Sohn hat wenig Hoffnung, in Deutschland bleiben zu können und ist demotiviert", so Lalonde. Luai dagegen wolle in Deutschland bleiben, nutze aber Ausreden, um den langen Schulweg zu meiden.

Noch diese Woche zieht Familie K. und eine weitere Familie aus Clausnitz in Wohnungen nach Brand-Erbisdorf. Luai geht derzeit wieder nicht zur Schule - er müsse dem Vater beim Packen helfen. "Ich habe die Ärztin angerufen, sie hat mich krankgeschrieben. Nur den Schein muss ich holen", sagt er mir am Montagabend in Clausnitz. Sein Bruder? Luai zuckt die Schultern, will aber selbst nach dem Umzug wieder zur Schule gehen. Dann ist der Weg kurz. Den Bruder möchte der Vater in Freiberg anmelden.

Anmerkung der Redaktion: Majdi K. hat der "Freien Presse" erlaubt, Einsicht in Unterlagen zu nehmen. Er kennt die Textpassagen über seine Söhne. Die Syrerin Ayda Nazaret dolmetschte für den Text.


2017: 3088 Asylklagen

In Mittelsachsen leben 9233 Ausländer, davon 973 Asylbewerber,

716 Geduldete, 688 anerkannte Flüchtlinge und 23 Asylberechtigte.

Beim Bundesamt für Migration wurden 2017 von Libanesen 1324 Asylanträge gestellt und 4459 Entscheidungen getroffen. "Die Schutzquote lag bei elf Prozent", so ein Sprecher.

2017 gingen beim Verwaltungsgericht Chemnitz 3088 Asylklagen und

730 Eilrechtsschutzanträge ein. 2018 schloss das Gericht 399 Klagen und 94 Eilverfahren zu Asyl ab. (ar)

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2Kommentare
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  • 2
    0
    Interessierte
    15.03.2018

    Was ist geblieben vom Traum des Lebens in Deutschland?

    Was ist denn den Ostdeutschen geblieben - vom Traum des Lebens in ´Westdeutschland`???

    Wir waren doch genau so die ´Flüchtlinge`, die in ein Auffanglager 1989 gekommen sind ...
    Das hatte doch der Alexander Kähler erst am Dienstag Abend in der Phönix-Runde in der letzten Sekunde gesagt - zum Thema Fachkräfteeinwanderungsgesetz und dem Artikel 8 , was man aber als Isolationshaft bezeichnen kann ...

    https://www.zdf.de/politik/phoenix-runde/phoenix-runde-vom-13032018-100.html

    Gestern Abend die Sendung war auch sehr interessant mit intelligenten Leuten wie einem Herrn Strunz und eine Frau Ferdos Foduros ( so ähnlich )

  • 5
    0
    vomdorf
    14.03.2018

    Der Vater spricht kein Deutsch, klagt aber....wie geht so etwas?



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