Unheilbar krank - und doch gut leben

Die eine schwört auf ungarischen Joghurt, der andere strickt und bastelt. Seit 20 Jahren gibt die Selbsthilfegruppe Parkinson Betroffenen Halt und Hilfe.

Freiberg/Großvoigtsberg.

Knapp drei Jahre ist es her, dass Joachim Berndt ein seltsames Zittern seiner linken Hand bemerkte. Ein leerer Einkaufsbeutel genügte, und die Hand zitterte wie Espenlaub. Seine Tätigkeit als Hausmeister in der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Mittweida konnte er kaum noch ausführen.

Der heute 50-jährige Mittweidaer suchte mehrere Ärzte auf - bis schließlich seine Diabetologin in Chemnitz eine Überweisung zum Neurologen empfahl. Der Nervenarzt diagnostizierte die Parkinson-Krankheit. Daraufhin wurde Berndt medikamentös eingestellt. Inzwischen kann er wieder "ziemlich normal arbeiten", wie er sagt. 19Stunden geht er wöchentlich auf Arbeit. Der Mittweidaer stellt sich der bisher unheilbaren Krankheit. Auch deshalb schloss er sich der Freiberger Parkinson-Selbsthilfegruppe an, die am Montag ihr von vielen Mitgliedern vorbereitetes 20-jähriges Bestehen begeht.

Die 57 Mitglieder kommen auch aus Freiberg, dem Umland, zum Beispiel Großvoigtsberg, dem Erzgebirge und Bockendorf, sagt Joachim Wagner. Der 72-jährige Freiberger leitet die Selbsthilfegruppe gemeinsam mit seiner Frau Christine (71), die seit 18 Jahren unter Parkinson leidet. Sie sind Ansprechpartner für den Umgang mit der Krankheit - für Kranke oder Angehörige. "Durch die Selbsthilfegruppe lernt man andere Betroffene und seine Krankheit richtig kennen", sagt Christine Wagner. So könne man den Parkinson mit der Zeit besser verstehen.

Das sieht auch Joachim Berndt so. Zu den Treffs fährt er von Mittweida mit dem Zug nach Chemnitz und von dort weiter nach Freiberg. Die Bahnfahrt nimmt er gern in Kauf. Eigentlich ist er eher ein ruhiger Typ, der nicht viel Worte macht. Aber im Kreise der anderen Parkinson-Kranken taut er auf und schloss auch Freundschaften. "Betroffene können sich ganz anders reinversetzen. Anderen fällt das oft schwer", so Berndt. Ähnliche Erfahrungen hat Christine Wagner gemacht. Deshalb appelliert sie an Betroffene, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. "Für viele ist das aber ein sehr großer Schritt", weiß sie.

Dass die Treffen durchaus unterhaltsam sind, zeigt das Fotoalbum - gestaltet von Familie Rudolph, die auch zur Selbsthilfegruppe gehört. Da gibt es Bilder von einer Ausfahrt zum Sauensäger Andreas Martin in Mulda, vom Sommerfest in Herders Ruh, vom Besuch einer Kurklinik im böhmischen Teplice, vom Stammtisch in der Freiberger Gaststätte "Orgelpfeife" (jeden 3. Montag im Monat, 15 Uhr) und von den monatlichen Veranstaltungen mit Fachvorträgen. Diese werden beispielsweise von der Freiberger Neurologin Mareike Nöbel gehalten.

Oft drehen sich die Gespräche darum, wie der heimtückische Parkinson besser bewältigt werden kann. Joachim und Christine Wagner schwören augenzwinkernd auf bulgarischen Joghurt und Obstsalat, in dem auch nicht ganz reifes Obst drin ist. Und sie sind im Chor der Musikschule - zum einem macht ihnen das Singen Spaß, zum anderen ist es eine logopädische Übung. Joachim Berndt wiederum fertigt filigrane Stickarbeiten, um seine Feinmotorik zu verbessern. Ein Physiotherapeut hatte ihm einst den Tipp gegeben, immer mal einen Faden in eine Nadel einzufädeln. "Da kann ich doch auch gleich sticken", sagte sich Berndt. Mittlerweile hat er so viele Grußkarten, Bilder, Läufer etc. angefertigt, dass er damit zur Tagung anlässlich der Geburtstagsfeier der Gruppe im "Brauhof" eine Ausstellung gestalten kann. Der Geschäftsführer der deutschen Parkinsonvereinigung, Karl-Friedrich Mehrhoff, und Chefarzt Dr. Peter Themann von der Klinik am Tharandter Wald in Hetzdorf halten Vorträge.

Die Sparkassenstiftung hat eine Projektions-Leinwand spendiert, damit alle Besucher die Präsentationen sehen können und der Begegnungsraum des VdK in der Schillerstraße besser genutzt werden kann. Zur Feier wird auch das Parkinson-Schichtwechsel-Lied erklingen, das Joachim Wagner zur Melodie des Steigerliedes gedichtet hat. Die letzte Strophe lautet: "Wir Parkis seins, seins kreuzbrave Leuts, denn wir müssen nicht verzagen, weil wir uns gemeinsam tragen. Glück auf! Glück auf!" www.parkinson-freiberg.de


Früherkennung ist wichtig

Die bisher unheilbare Nervenkrankheit Parkinson entsteht durch Dopaminmangel im Gehirn. Symptome sind Zittern, versteifte Muskeln, verlangsamte Bewegungen, Ängste, Depressionen, Schmerzen, Reduzierung des Geruchssinns. Frühzeitige Therapie kann die Lebensqualität deutlich steigern.Es gibt eine App zur Früherkennung. (hh)

www.i-prognosis.eu

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