Warum Oberschulen auf dem Land so beliebt sind

Viele Viertklässler in Mittelsachsen entscheiden sich für diese Schulform - trotz Empfehlung fürs Gymnasium.

Freiberg.

Für Viertklässler ist es eine folgenreiche Entscheidung: Oberschule oder Gymnasium? In der vergangenen Woche gingen die Aufnahmebescheide der weiterführenden Schulen raus. Die neun öffentlichen Gymnasien im Landkreis Mittelsachsen nehmen im kommenden Schuljahr 848 Schüler auf. Das teilt das Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) in Chemnitz auf Anfrage mit. An den 25 Oberschulen in öffentlicher Trägerschaft, sind es 1404 Schüler - das entspricht 62 Prozent. Eine solide Mehrheit. Das liegt womöglich auch an den Besonderheiten auf dem Land.

Die Wahl der weiterführenden Schulen in Sachsen entfacht regelmäßig Diskussionen. Die Unterschiede zwischen den Landkreisen sind erheblich. So wurden sachsenweit knapp 56 Prozent der Viertklässler an einer Oberschule angemeldet; in der Stadt Leipzig waren es 41,2, im Erzgebirgskreis 67 Prozent. Vom Trend zum Gymnasium sprach jüngst die Landtagsfraktion der Grünen. Oberschulen dürften nicht zu Verlierern des sächsischen Bildungssystems werden. Bildungsminister Christian Piwarz (CDU) hingegen beklagte deren zu Unrecht schlechtes Image.

Die Bildungsempfehlung ist seit 2017 nicht mehr bindend. Die Eltern entscheiden selbst. Die Oberschulen in Mittelsachsen fürchteten deshalb Einbrüche bei den Anmeldezahlen, sagt Michael Jung vom sächsischen Lehrerverband. "Die sind ausgeblieben, zum Glück." Denn wer auf Druck der Eltern aufs Gymnasium geht und scheitert, sei nach vielen Misserfolgen ausgebrannt.

Das Schulwahlverhalten im Kreis ist seit Jahren stabil, bestätigt Lasub-Sprecher Lutz Steinert. Insgesamt besuchen 79 Schüler ab Herbst ein Gymnasium, obwohl sie eine Empfehlung für die Oberschule haben. Der umgekehrte Fall, also Oberschüler mit Empfehlung fürs Gymnasium, werde nicht erfasst, so Steinert. Doch es sind nicht wenige: allein an der Oberschule in Brand-Erbisdorf acht von 78 neu angemeldeten Fünftklässlern, sagt Schulleiterin Martina Kilian.

Woran liegt das? Zum einen wohl an den längeren Wegen, die Eltern ihren Kindern ersparen wollen, sagt Jung. Die meisten haben kein Gymnasium im Wohnort. Das kann man kritisieren, wie die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Petra Zais. Sie spricht von einem massiv ausgedünnten Schulnetz auf dem Land. Doch in Mittelsachsen scheint der Vorwurf nicht gerechtfertigt: In den vergangenen zehn Jahren wurden vier von 29 Oberschulen geschlossen, aber kein Gymnasium.

Jung nennt weitere Gründe für die Beliebtheit der Oberschule: Die Klassen sind kleiner als in den Gymnasien. Das Klima ist familiär. Auch Lasub-Sprecher Steinert stellt fest, dass die vielen Oberschulen im ländlichen Bereich einen guten Ruf haben. Als oft einzige weiterführende Schule im Ort sind sie gut ausgestattet - und auch kultureller Mittelpunkt. Schulleiterin Kilian geht noch weiter: Wer in der Heimat eine berufliche Perspektive hat, bleibt und bewahrt sie vorm Aussterben. Die Unternehmen in der Region haben das erkannt und bieten verstärkt Berufsorientierung an den Schulen, bestätigt die Industrie- und Handelskammer (IHK). Beschäftigungschancen und Gehälter haben sich deutlich verbessert, ergänzt die Chemnitzer Handwerkskammer.

Das bedeutet nicht, dass aus allen Oberschülern Handwerker werden, betont die IHK. Viele machen Fachabitur, studieren mit Meisterbrief. Die Erkenntnis, dass man auch mit Realschulabschluss Karriere machen kann, sei bei den Eltern zum Glück angekommen, sagt Peter Lorenz, Sprecher der Kreiselternräte in Sachsen. Er hat lange dafür gekämpft. Lorenz hofft: Das nimmt Druck von der Entscheidung, die für Viertklässler wichtig ist.

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