Wer ist hier töricht - und wer klug?

Darf ein Gotteshaus nackte Frauen zeigen? Über die Ausstellung der Künstlerin Małgorzata Chodakowska mit zehn weiblichen Figuren in der Freiberger Petrikirche wird heftig diskutiert.

Freiberg. Eine offene Kirche - das will die evangelisch-lutherische Kirchgemeinde Petri-Nikolai zu Freiberg sein. Doch wie freizügig darf ein Gotteshaus sein? Über diese Frage ist eine Debatte entbrannt.

Anlass ist die Ausstellung "5 törichte und 5 kluge Jungfrauen" mit Arbeiten der polnischen Künstlerin Malgorzata Chodakowska in der Petrikirche. Die Schau zeigt zehn Bronze- und Holz-Skulpturen nackter Frauen. Der Ausstellungsraum ist vom Kirchenschiff durch eine Glaswand getrennt. Gottesdienstbesucher sehen die Plastiken also.
Zu den Kritikern der Jungfrauen-Ausstellung gehört die Pfarrerin im Ruhestand, Ilse von Schönberg. Die Eigentümerin von Schloss Reichstädt bei Dippoldiswalde sagt: "Kirche und Nacktheit - das ist anstößig." Zu Ostern hat von Schönberg in der Stadtkirche St. Petri 14 Flüchtlinge aus dem Iran und aus Afghanistan getauft - gemeinsam mit Michael Tetzner, Pfarrer der Schwestergemeinden Petri-Nikolai und St. Johannis. "In den Reihen saßen einige Frauen mit Kopftuch. Für sie ist der Anblick der nackten Frauen geradezu ein Schock", sagt die Pfarrerin im Ruhestand. Denn figürliche Darstellungen werden im Islam abgelehnt, ganz zu schweigen von Darstellungen nackter Körper. Ilse von Schönberg: "Ich finde die Ausstellung rücksichtslos - gerade im Hinblick auf die am christlichen Glauben interessieren Muslime, die es abstößt."

Pfarrer Tetzner sieht das anders: "Wenn Muslime sich in unsere Kirche begeben, sollen sie sich auch mit dieser bewusst gewählten Offenheit auseinandersetzen", sagt er. Aus den Reihen der persischen christlichen Gemeinde, die sich samstags in der Petrikirche trifft, habe es bislang keine negativen Reaktionen gegeben.
Im Gottesdienst am Sonntag will Pfarrer Tetzner über das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Matthäus 25,1-13) predigen. "Die Skulpturen sind verstörende Frauenbilder, haben eine besondere erotische Ausstrahlung. Das Verhüllen wirkt wie Entkleiden. Es ist ein Spiel von Andeuten und Versprechen, von Verführung und Entsagung, von Form und Farbe. Kluge und törichte Jungfrauen! Aber wer gehört zu welcher Gruppe? Augenscheinlich: Jede Figur zu beiden", so Tetzner.

 

Im Gästebuch äußern sich 48 Besucher positiv über die Ausstellung ("Wundervoll wie immer!") - und einer kritisch ("Passt nicht so in eine Kirche"). Freiberger reagieren begeistert und amüsiert auf die Jungfrauen-Debatte. Volker Benedix (76) sagt: "Ich finde es gut, wenn über Kunst und über Kirche diskutiert wird. Seit Jahren geht ja der Trend zur offenen Kirche. Ein paar nackte Frauen tun der Kirche gut."

Der Architekt und bildende Künstler ergänzt: "Es sind hervorragende Arbeiten. Und es ist eine völlig unsexuelle Darstellung des weiblichen Körpers. Was schadet das der Kirche? Auch im Paradies waren Adam und Eva unbekleidet. Der Bezug zur Bibel ist also gegeben." Er erinnerte an die Einführungsrede von Harald Marx, einstiger Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister: Marx hatte Chodakowskas Arbeiten mit den (bekleideten) klugen und törichten Jungfrauen im Freiberger Dom verglichen. Eva Kämmerer sagt, dass die Plastiken "auch in einer Kirche gut ankommen". Die Medizinerin ergänzt, dass sie die abstrakte Jesus-Figur "gewöhnungsbedürftiger" findet. Ausstellungsorganisatorin Sabine Lohmann sagt: "Solange die Leute darüber reden, ist es gut." Prinzipiell finde sie es großartig, dass die Kirchgemeinde in diesem Raum Kunstwerke ausstellt.

Zweifel, ob die Ausstellung in die Kirche gehört, hegt hingegen Kirchenrat Professor Karl-Hermann Kandler. "Die Figuren sind formvollendet schön und ästhetisch gestaltet im Stile klassischer griechischer Skulpturen. Aber ich sehe keinen Bezug auf das biblische Gleichnis von den fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen." Seiner Ansicht nach sei der Jungfrauen-Zyklus erst im Nachhinein kreiert worden, sagt er mit Verweis auf Titel wie "Pythagoras' Geliebte" oder "Tanzträume".
Künstlerin Malgorzata Chodakowska zeigt sich begeistert. "Wenn Kunst provoziert, ist das gut", sagt sie am Telefon und lacht herzlich.
Die Ausstellung in der Petrikirche ist bis zum 19. Juni zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Weltweit bekannte Künstlerin

Małgorzata Chodakowska wurde 1961 im polnischen Łódz geboren. Ab 1985 studierte sie Bildende Kunst, erst an der Akademie der Bildenden Künste in Warschau und ab 1988 in Wien. 1991 erhielt sie das Diplom und ist seitdem als freischaffende Künstlerin in Dresden tätig. Sie stellt ihre Werke weltweit aus. Gemeinsam mit ihrem Mann Klaus Zimmerling bewirtschaftet sie ein Weingut in Pillnitz. (hh)

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