Die Tage der fahrenden Bibliothek sind gezählt

Schon allein aus technischen Gründen ist absehbar, dass die rollende Bücherei nicht mehr lange fahren wird. Unsicher scheint zudem, ob es für Landgemeinden eine Alternative dazu gibt.

Hainichen.

Leseratten im ländlichen Raum rund um Hainichen und in angrenzenden Regionen müssen wohl ab Mitte nächsten Jahres auf die als Bücherbus bekannte mobile Ausleihe der Kreis- und Fahrbibliothek verzichten. Deren Leiterin Gabriele Hohmann reagierte zuletzt nur mit einem unsicheren "Jein" auf die Frage, ob das Angebot in Zukunft erhalten bleibt. Auch für die Bürgermeister der Kommunen, die der Bus ansteuert, bleiben derzeit viele Fragen offen. Einig sind sie sich jedoch darin, dass sie den Bücherbus behalten wollen.

Anlass der Verunsicherung ist eine Entscheidung des mittelsächsischen Kreistags. Der hatte einen Beschluss zur Zentralisierung der Kreisergänzungsbibliothek gefasst, zu der der Bücherbus gehört. Das sorgt bei Bürgermeistern für Verunsicherung. Unklar bleibt die Verwaltung in den Aussagen, welche Folgen der Beschluss konkret hat. Ziel sei laut Hohmann eine Gleichbehandlung der Kommunen innerhalb des Kreises. "Einige Gemeinden haben eigene Bibliotheken, andere nutzen den Bücherbus, und zwar relativ kostengünstig." Nachfragen der "Freien Presse" an die Kreisverwaltung zu den Folgen des Beschlusses blieben noch unbeantwortet. Die zuständigen Mitarbeiter seien derzeit nicht verfügbar.

Bisher übernahmen fünf Städte in Mittelsachsen die Aufgabe des Landkreises, also eine flächendeckende Versorgung durch ihre Bücherei. Sogenannte Kreisergänzungsbibliotheken in Freiberg, Brand-Erbisdorf, Flöha, Rochlitz und Döbeln sind Verteiler für kleinere Bibliotheken im Umkreis. Im Unterschied dazu steuert der Kreis-Bücherbus ländliche Gemeinden von Hainichen aus an.

Die entsprechenden Vereinbarungen werden laut André Kaiser, Pressesprecher des Kreisbehörde nun modifiziert. Neuer Vertragspartner ist dann die landkreiseigene Kultur gGmbH, zu der schon jetzt die Fahrbibliothek mit Sitz in Hainichen gehört. "Ziel ist die Schaffung einer langfristig tragfähigen und für alle Kommunen weitestgehend gerechten Lösung", erklärt dazu Andreas Müller, der zuständige Leiter Zentrales Controlling im Landratsamt. Was das bedeutet, bleibt dennoch unklar. Deutlicher sind die Aussagen zum technischen Zustand des Bücherbusses. Bis Mitte 2018 wird er wohl noch weiterfahren. Aber nach 25 Dienstjahren soll es keine größeren Reparaturen mehr an dem Fahrzeug geben. Mit den Worten "bis dass der TÜV uns scheidet" hatte Kreiskämmerer Müller das Ende für den rosafarbenen Bus im Juni dieses Jahres bereits angekündigt.

Die Bürgermeister der Kommunen, die bislang den Service des Bücherbusses nutzen, befürchten nun Nachteile für den ländlichen Raum im Vergleich zu den Städten. "Für uns ist es nicht nachvollziehbar, dass es den Bus nicht mehr geben soll", sagt Rossaus Bürgermeister Dietmar Gottwald (ptl.). "Unsere Bürger nehmen das Angebot doch gut an. Als Alternative wurde uns die Gründung kleinerer Bibliotheken angetragen. Dafür bräuchte ich in meiner Gemeinde mindestens drei Standorte. Das ist logistisch und finanziell nicht zu machen."

Ähnlich sieht es der Erlauer Bürgermeister Peter Ahnert (ptl.): "Eine Bibliothek lässt sich in unserer Gemeinde nicht installieren, es fehlt an Räumlichkeiten und Personal. Der Bus kann überall ranfahren, bei uns vorrangig an Schulen und Kindergärten. Die Fahrbibliothek erreicht die Leute." Er glaube nicht, dass viele Bürger längere Strecken fahren, um ein Buch auszuleihen. Sein Striegistaler Amtskollege hat in Pappendorf in der Grundschule zwar eine kleine, kommunale Bibliothek, setzt aber auch auf den Bücherbus: "Wir sind eine Flächengemeinde, das kann man gar nicht anders lösen", erklärt Bernd Wagner (ptl.).

Nun soll es laut Hohmann Gespräche der Kreisverwaltung mit betroffenen Gemeinden geben. Hainichen soll als Standort für Verwaltung und Lagerung der Medien des Bücherbusses erhalten bleiben. Eine Option sei ein neuer, aber deutlich kleinerer Bus. "Allerdings auch nicht mehr zu den niedrigen Gebühren", so Hohmann, für die eine abgespeckte Variante des Busses keine Utopie wäre.


Rollende Bibliothek hat schon mehr als 200.000 Kilometer auf der Uhr

Seit 25 Jahren rollt der Bücherbus der Kreis- und Fahrbibliothek Hainichen auch in die entlegenen Winkel des Altkreises Mittweida. Mittlerweile hat der zur Bibliothek umgebaute Bus deutlich mehr als 220.000 Kilometer zurückgelegt. Dennoch ist sein Angebot an Medien nicht allein auf Bücher beschränkt. Über eine Onlineplattform werden nun auch E-Books und E-Audios angeboten. Der Bücherbus bringt etwa 4500 Medien, darunter auch Hörbücher, regelmäßig in kleine Orte. Die Fahrbibliothek hatte im vorigen Jahr rund 700 Nutzer und mehr als 7500 Besucher.

Auf dem Tourenplan des Bücherbusses stehen Landgemeinden wie Striegistal, Rossau, Claußnitz, Königshain-Wiederau, Erlau, Kriebstein sowie Ortsteile der Städte Hainichen und Frankenberg. Es gibt 52 Haltepunkte, die alle vier Wochen angesteuert werden. (jl/fa)

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