40-Tonner bringt Hilfe in den Donbass

Die Ostukraine stöhnt seit Jahren unter den Auswirkungen militärischer Auseinandersetzungen, die vor der Zivilbevölkerung nicht Halt machen. Das Aktionsbündnis "Zukunft Donbass" versucht, deren Leiden zu lindern. Dieser Tage ging ein weiterer Transport mit Hilfsgütern auf die Reise.

Hermsdorf.

Dieses eine Paket muss ganz oben drauf. Raissa Steinigk überwacht das Beladen des Sattelzuges an diesem regnerischen und windigen Tag in Hermsdorf persönlich. "Ich habe Kaffee und eine Ladung Gummibärchen eingepackt", verrät die Initiatorin des Aktionsbündnisses "Zukunft Donbass" und schmunzelt. Sie sieht es vor sich, wie die Augen von Ärzten, Krankenschwestern und kleinen Patienten strahlen, wenn der 40-Tonner nach rund sechs Tagen und etwa 3000 Kilometern in der Ostukraine ankommt. Der Fahrer einer weißrussischen Spedition - deutsche bedienen diese Route nicht - wird einen Umweg von gut 700 Kilometern in Kauf nehmen müssen: über Minsk, Smolensk und Woronesh bis zur russisch-ukrainischen Grenze kurz hinter Lugansk. "Den direkten Weg über die Ukraine in den Donbass kann er nicht nehmen, will er nicht riskieren, dass die Hilfslieferung von ukrainischen Behörden beschlagnahmt wird", verdeutlicht Mitinitiatorin Iwana Steinigk.

Akribisch zusammengetragen wurden die Hilfsgüter, die den Betrieb zweier Krankenhäuser im ostukrainischen Lugansk und Pervomaisk aufrechterhalten sollen, vom Hermsdorfer Christian Rolof und seinen Helfern. Mutter Irmhilde hat allein über 200 Kartons gepackt. Die 76-Jährige wuselt an diesem ungemütlichen Montagvormittag ohne Pause zwischen Lagerhalle und Laster hin und her. Nichts darf vergessen werden, die Ladung muss mit den ellenlangen Zollpapieren exakt übereinstimmen.

Zwischendurch brandet lauter Jubel auf. Christian Rolof und Raissa Steinigk fallen sich überglücklich in die Arme: das Zollamt in Chemnitz signalisiert, dass sich der Transporter nicht noch einmal in Chemnitz bei der Behörde vorstellen muss. "Das spart Zeit und entkrampft die Lage erheblich", konstatiert Christian Rolof erleichtert. Ein Teil der Anspannung fällt von ihm ab. Der 57-Jährige setzte in den vergangenen Monaten alle Hebel in Bewegung, um etwa eine Hebebühne aufzutreiben, die in der Ostukraine dringend gebraucht wird, um Einsatzwagen für Notfälle zu reparieren. Bekleidung für Ärzte und Schwestern ist genauso an Bord wie ein Narkosegerät, Kinderbetten, dutzende Nachtschränkchen, WC- und Duschstühle, Rollatoren und Toilettenbecken. Der Hermsdorfer Malermeister Werner Wittke trieb 35 Kinderfahrräder auf.

Rolof packt überall da an, wo er gebraucht wird. In den wenigen Atempausen erzählt er, wie dieser inzwischen neunte Transport des Aktionsbündnisses zustande kam. "Ich hatte die Berichterstattung sehr genau verfolgt, und der Abbruch der Verhandlungen über das EU-Assoziierungsabkommen, das die Ukraine im November 2013 vorerst auf Eis gelegt hat, ließ mich nichts Gutes ahnen." Statt völkerrechtlicher Verträge sei es zu Kampfhandlungen gekommen, deren Ende bis dato offen sei. Der gebürtige Niedersteinbacher hielt sich über Nachrichtendienste auf dem Laufenden. Das Elend der Zivilbevölkerung trieb ihn um und ließ ihm keine Ruhe. "Im Mai dieses Jahres habe ich dann Verbindung zu Raissa und Iwana Steinigk aufgenommen. Ich wollte wissen, wie ich konkret helfen kann."

So brachte Rolof eine Spendenwelle ins Rollen. Anfangs hätten Privatpersonen und Firmen eher zurückhaltend reagiert. "Vielfach herrscht noch die Meinung vor, der Feind stehe im Osten", umreißt er das Denkschema. Dass jetzt trotzdem sechs Tonnen Ladung auf die Reise gehen, sei der Großzügigkeit vor allem von Menschen aus Geringswalde, Hermsdorf, Rochlitz und Zettlitz zu verdanken. "Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken", so Rolof.

Raissa Steinigk wirkt euphorisch und zugleich nachdenklich. "Meine Wurzeln liegen in der Westukraine, ich habe Angehörige und Freunde dort. Und als ich registrieren musste, was der Krieg in meiner Heimat anrichtet, stürzte mich das in tiefe Depressionen. Es gab hier im sicheren Deutschland keinen anderen Weg für mich, als aktiv etwas zu bewegen." Dienstagmittag hat der Sattelzug bereits das polnische Lodz hinter sich gelassen. Raissa Steinigk hofft nun, dass die Hilfsgüter auch auf dem Rest der Strecke nicht aufgehalten werden.


Benefizkonzert in der Kirche Seelitz

Das Aktionsbündnis "Zukunft Donbass" möchte Menschen im Donbass, die durch den Krieg in der Ostukraine leiden, helfen. Die Initiative setzt sich aus Privatpersonen, Firmen, Kirchen, Vereinen wie "Ourchild" des Kinderhilfswerks, der Deutsch-Russischen Gesellschaft Erfurt und der Maria-Pawlowna-Gesellschaft zusammen.

Eines der Projekte unterstützt gezielt zwei Krankenhäuser in Lugansk und Pervomaisk. Ins Leben gerufen wurde die Aktion von Dr. Raissa Steinigk. Die 67-Jährige stammt aus der Ukraine und lebt seit mehr als 40 Jahren in Thüringen.

Kontakt: Telefon: 036929 509437, E-Mail: rsteinigk@zukunftdonbass.org www.zukunftdonbass.org.

Die nächste Veranstaltung des Aktionsbündnisses ist für 4. November, 16 Uhr, in der Seelitzer Kirche innerhalb eines Benefizkonzertes mit Thomas Unger von der Band "De Randfichten" geplant. (grün)

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