Handy Alltagshelfer Nummer 1

Cornelia Seidel ist blind. Im Alltag nutzt sie Hilfsmittel, um Dinge allein zu meistern. Die "Freie Presse"-Aktion "Leser helfen" sammelt Spenden, um das kleine Badezimmer im Haus erweitern und blindengerecht gestalten zu können.

Milkau.

"Midnzdviurf", tönt es aus dem Handy von Cornelia Seidel. "Das ist die Zeitansage", erklärt sie und stellt die Sprachgeschwindigkeit von 95 auf 60 Prozent zurück. Nun hört man, immer noch ziemlich hastig gesprochen, aber verständlich: "Mittwoch, 13. Dezember, 14.15 Uhr." Cornelia Seidel würde das in dieser Geschwindigkeit zu lange dauern. "Man will doch so oft wissen, wie spät es ist", sagt die blinde Frau.

Die 37-Jährige ist tagtäglich auf Hilfsmittel angewiesen. Am meisten, so sagt sie, nützt ihr das Handy. "Durch den Sprachassistenten kann ich viel abfragen, das Wetter oder meine Termine. Eng wird es, wenn ich die Auskunft bekomme ,Conny, wir haben ein Problem'. Dann ist die Internetverbindung schlecht", erzählt sie. Eine spezielle Anwendung ist der KNFB-Reader. Mit ihm kann sie Dokumente fotografieren und sich vorlesen lassen.

Auch der Computer sei unverzichtbar. So kann sie, die vor ihrer Erblindung das Zehnfingersystem zum Maschineschreiben gelernt hat, etwa E-Mails verschicken. "Die werden mir über eine Sprachfunktion vorgelesen. Das Problem ist, dass ich so aber keine Fehler zum Beispiel bei Groß- und Kleinschreibung erkenne." Dafür hat sie ein Zusatzgerät mit einer Braillezeile. Auf der kann sie mit Fingern ertasten, was auf dem Bildschirm steht, und Fehler korrigieren.

Die Punktschrift hat sie in zwei Kursen erlernt, zuerst die Vollschrift, bei der jeder Buchstabe ein Zeichen bildet, dann eine Art Steno-Schrift, bei der zum Beispiel Endungen oder Vorsilben zusammengefasst werden. "Wäre alles in Vollschrift gedruckt, würde das viel zu viel Platz in Anspruch nehmen." Auch Hörbücher und Filme könne sie nutzen. Dabei gebe es für Letztere immer häufiger zum Beispiel bei Fernsehfilmen die sogenannte Audiodeskription. "Eine Stimme erklärt mir die Handlung. Es heißt also zum Beispiel ,Eine blonde Frau mit einem blauen Pullover kommt ins Zimmer und küsst einen Mann mit Dreitagebart'", erläutert Cornelia Seidel. Ihr mache es Spaß, so auch TV-Sendungen verfolgen zu können. "Es sind aber andauernd Stimmen zu hören. Für Sehende ist das sicher nervig."

Ein wichtiges Hilfsmittel sei außerdem ein Farberkennungsgerät, eine kleine Box, die man zum Beispiel an ein Kleidungsstück hält. "Hellgau-braun", informiert das Gerät über Cornelia Seidels Shirt, obwohl ein Sehender es vermutlich eher als altrosa bezeichnen würde. Blau-schwarz meint das Gerät zum dunkelblauen Jeansrock.

"Da muss man Erfahrungen sammeln. Ich weiß mittlerweile gut, wie ich das deuten muss", sagt die junge Frau. Das Gerät sei ihr sehr wichtig. "Es kommt gleich nach dem Handy. Ich möchte, dass das, was ich anziehe, zueinander passt, dass ich gut aussehe. Ich brauche das Gerät auch, um die Wäsche, die bei drei Kindern und meinem Mann anfällt, zu trennen, damit ich nicht Farbiges mit Weißem wasche."

Ist sie draußen unterwegs, dann mit einem weißen Langstock für Blinde. "Im Ort finde ich mich gut zurecht. Busfahren und in einer anderen Stadt unterwegs zu sein, traue ich mir nicht zu. Das muss ich trainieren, denn mein großes Ziel ist es, selbstsicherer zu werden", sagt Cornelia Seidel. Hat sie ein Wunsch-Hilfsmittel? "Einen Mini-Camcorder, zum Beispiel an einer Brille befestigt, der in Echtzeit alles um mich herum aufzeichnet und mir über Ohrstöpsel sagt, was geschieht." Also das Sehen erzählt bekommen? "Ja, das wäre schön."

Leser helfen Wenn auch Sie für die Aktion "Leser helfen" spenden möchten, können Sie auf folgendes Konto überweisen - Kontoinhaber: Verein Leser helfen e. V.; IBAN: DE47 8709 6214 0224 4224 40; BIC: GENODEF1CH1. Bitte als Stichwort "Hilfe für Cornelia Seidel" angeben. Das Spendenformular und weitere Infos im Internet.

 

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