Ex-Stadtrat: Schettler-Namenszug an Sporthalle muss verschwinden

"Verantwortungslos" nennt der Linke Rolf Steiniger die Tatsache, dass in Falkenstein öffentlich einem strammen Nazi gehuldigt wird. Bürgermeister Marco Siegemund sieht keinen Handlungsbedarf.

Falkenstein.

Eine Turnhalle sei ein guter Ort, einen Menschen zu ehren. Daran zweifelt Rolf Steiniger nicht. "Aber bitte keinen Nazi", postuliert der Vorsitzende des Göltzschtal-Verbandes der Linken in einem Schreiben an die "Freie Presse". Hintergrund: Bei der Entscheidung, die neue Turnhalle am Falkensteiner Jahnplatz dem Mediziner Gotthard Schettler zu widmen, ist offensichtlich bewusst unterschlagen worden, dass der Professor mit Weltruhm während des Dritten Reiches ein überzeugter Nazi war und diese Ideologie auch nach 1945 nicht abgelegt hatte. Das hatten Recherchen der "Freien Presse", gestützt auf die Forschungsergebnisse des renommierten Medizinhistorikers Christian Pross ergeben.

Der frühere Stadtrat und Vizebürgermeister Rolf Steiniger fordert deshalb, dass der Bürgermeister, aber auch die CDU-Bundestags- und Landtagsabgeordneten Yvonne Magwas und Sören Voigt Stellung nehmen. Magwas und Voigt hatten für eine zeitgleich mit der Sporthallennamensgebung erschienene Hommage an Schettler ein Grußwort geschrieben. Anlass für die doppelte Würdigung: Schettlers 100. Geburtstag am 13. April 2017.

Den Anstoß für Beides lieferte offenbar Rainer Döhling vom Verein falkart, der für die Umsetzung der Hommage in Buchform auch Geld von der Stadt erhalten hatte. Das Brisante: Döhling hatte - was Schettlers Nazivergangenheit betrifft - gegenüber der "Freien Presse" zuerst von "Lügen" gesprochen, später aber eingeräumt, davon gewusst zu haben. Weil es seinem Anliegen, einen großen Sohn der Stadt zu ehren, nicht dienlich war, habe er es bewusst unerwähnt gelassen, sagte er.

Das könnte dem Bürgermeister auf die Füße fallen. Denn inzwischen muss sich nach Aussagen des Linken-Stadtrates Jens Uhlmann die Kommunalaufsicht mit der Schettler-Sporthalle beschäftigen. Für deren Namensweihe war ein Stadtratsbeschluss notwendig gewesen, der im Juni 2016 einstimmig erfolgte. Uhlmann fühlt sich vom Bürgermeister getäuscht und lässt nun prüfen, ob die Verwaltung ihre gesetzliche Informationspflicht gegenüber dem Stadtrat verletzt hat. Uhlmann ist sich sicher, dass die Sporthalle heute nicht Schettler heißen würde, wenn das Gremium umfänglich über ihn informiert gewesen wäre.

1942 promoviert, gehörte Gotthard Schettler schon unter Hitler der gesellschaftlichen Elite an. Er war Mitglied der NSDAP und als Gaustudentenführer in einer Führungsposition. Nach dem Krieg schwang er sich zu einem der einflussreichsten Männer der deutschen Medizin auf. Dieser Einfluss ermächtigte ihn, als maßgebender Fachmann in der Bundesrepublik die Wiedergutmachungsansprüche von NS-Verfolgten auf seinem Gebiet systematisch abzuschmettern. Unter anderem, in dem er Gesundheitsschäden als nicht verfolgungs-, sondern rassebedingt einstufte. Noch 1978 wird Schettler in einem Gerichtsurteil mit den Worten "Die jüdische Rasse scheint zu Gicht, Diabetes mellitus und familiärer Hypercholesterinämie ... zu neigen" zitiert. Betroffenes Opfer: der Berliner Holocaustüberlebende Horst Selbiger, der noch heute als Zeitzeuge auftritt.

Für Bürgermeister Marco Siegemund (CDU) kein Grund, am Status quo etwas zu ändern oder zumindest wie von Rolf Steiniger gefordert Stellung zu beziehen. Er könne die Aufregung nicht verstehen, "Schettler hat ja niemanden umgebracht", erklärt er und beruft sich dabei auf die zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen, die der 1996 in Heidelberg verstorbene Mediziner im Laufe seines Lebens erhalten hat.

Rolf Steiniger hält das nicht nur für "peinlich", wie der Falkensteiner Klaus Schäfer in einem Leserbrief schon festgestellt hatte, sondern vor allem für "verantwortungslos." Für den 60-Jährigen ist klar, der Namenszug an der Turnhalle, die primär von Kindern genutzt wird, muss verschwinden. "Das darf nicht einfach so durchgehen."

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