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Naturschutzhelfer Michael Thoß im Hofaupark. Der Auerbacher arbeitet ehrenamtlich im Natur- und Umweltzentrum Oberlauterbach. Bei Bauvorhaben in der Region engagiert er sich hartnäckig dafür, dass auch die Belange der Tier- und Pflanzenwelt nicht unter die Räder kommen.

Foto: Joachim Thoß

Insektenschwund: Naturschützer wirbt für Schmetterlingswiesen

Naturschutzhelfer berichtet von unterernährten Fledermäusen und orientierungslosen Bienen

erschienen am 21.07.2017

Um bis zu 80 Prozent hat sich der Insektenbestand in Deutschland seit 1982 verringert - dies hat das Bundesumweltministerium soeben auf eine Anfrage der Grünen mitgeteilt. Wie sieht es diesbezüglich im Vogtland aus, was gibt es für Auswirkungen auf die Tierwelt? Bernd Appel sprach dazu mit Naturschutzhelfer Michael Thoß (68) aus Auerbach, der ehrenamtlich im Natur- und Umweltzentrum Oberlauterbach aktiv ist.

Freie Presse: Herr Thoß, die Zahlen zum Insekten-Rückgang in Deutschland sind erschreckend. Gibt es dazu spezielle Erhebungen für das Vogtland?

Michael Thoß: Nein. Aber anhand eigener Beobachtungen gehe ich davon aus, dass der Rückgang auch bei uns sehr groß ist.

Woran machen Sie das fest?

Besonders aufgefallen ist es mir in den letzten Jahren bei den Fledermausbeobachtungen am Mühlteich in Oberlauterbach. Früher flogen massenhaft Falter in den Lichtkegel des Suchscheinwerfers, das war direkt störend. Doch das ist längst nicht mehr der Fall, da flattert kaum noch etwas. Und parallel dazu ist die Zahl der Fledermäuse stark gesunken: Waren es vor einigen Jahren immer zehn bis fünfzehn Stück, so muss ich heute zufrieden sein, wenn noch vier oder fünf unterwegs sind.

Merken das auch andere Naturschützer im Vogtland?

Die Tier-Auffangstation in Bad Elster gibt gefundene Fledermäuse weiter an Experten in Hessen. Von dort kam jetzt die Information, dass die abgegebenen vogtländischen Fledermäuse alle unterernährt sind. Dazu muss man wissen, dass eine Fledermaus bis zu 4000 Insekten in einer Nacht frisst.

Wie sieht es bei den Vögeln aus?

Bei den Schwalbennestern in Ställen haben wir festgestellt, dass die Zahl der aufgezogenen Jungen gesunken ist. Früher waren es oft fünf bis sechs, jetzt nur noch drei bis vier. Insektenmangel könnte eine Ursache sein. Denn für die Aufzucht der Jungvögel brauchen alle Vogelarten für acht bis zehn Tage Insekten, auch die Körnerfresser.

Was ist die Ursache für den Insekten-Schwund?

Hauptursache ist wohl die Chemisierung der Landwirtschaft, der Einsatz von Pestiziden im allgemeinen. Dazu kommen die Neonicotinoide, die wie Nervengift auf die Bienen wirken. Sie verlieren die Orientierung. Wir hatten auch bei unseren Imkern im Raum Falkenstein schon Fälle, wo die Bienenstöcke plötzlich leer waren. Die Tiere hatten den Weg zurück nicht mehr gefunden. Für die Bienen ist das schlimmer als die Varroa-Milbe, die ist im Gegensatz dazu beherrschbar.

Was muss geschehen?

In der Landwirtschaft muss es ein Umdenken geben. Aus meiner Sicht sind Lebensmittel zu billig, es wird zu viel weggeschmissen. Wenn das anders wäre, müsste nicht so viel produziert werden, eine geringere Intensität würde genügen. Zum Beispiel wird das Wintergetreide so extrem dicht gesät, um hohe Erträge zu erzielen, dass es eigentlich faulen würde. Das wird dann durch den Einsatz von Fungiziden verhindert. Besser wäre, man würde weniger dicht säen und auf Fungizide verzichten.

Gibt es schon Ansätze für eine ökologische Landwirtschaft im Vogtland?

Wir als Natur- und Umweltzentrum arbeiten mit der Agrofarm 2000 in Eichigt zusammen. Dort wird zum Beispiel versucht, das Unkraut nur noch maschinell zu bekämpfen. Einfach ist das alles aber nicht, es sind viele Wechselwirkungen zu bedenken. Wenn die Maschinen dann die Nester der Feldlerche zerstören, nützt es der Vogelwelt auch nichts.

Auch die Kommunen haben ja große Grünflächen . . .

An alle vogtländischen Kommunen möchte ich appellieren, beim ersten Mähen Inseln stehen zu lassen, aus denen dann kleine Schmetterlingswiesen werden können. Auerbach hat dies jetzt schon am Schützenplatz getan. Es wäre schön, wenn alle Kommunen ihre Flächen auf diese Möglichkeit hin betrachten.

Was kann der Normalbürger tun, um Insekten und damit auch Vögel und Fledermäuse zu unterstützen?

Jeder Garten mit Blühpflanzen ist gut, gern angeflogen werden etwa Salbei, Lavendel, Oregano, Sonnenhut, Sommer- und Herbstaster. Und man sollte beim Mähen ruhig mal eine Ecke verschonen, in der Wildblumen ungestört blühen können. Der Rasen muss doch nicht überall auf drei Zentimeter gestutzt werden. Außerdem sollte man natürlich möglichst auf Gifte im eigenen Garten verzichten, man muss nicht hinter jeder Blattlaus mit der chemischen Keule her sein. Blattläuse werden von Vögeln sehr gern gefressen.

Was raten Sie in Sachen Vogelfütterung?

Eine Ganzjahres-Fütterung ist gut. Früher wurde da ja abgeraten, aber heutzutage finden die Vögel sonst oft nicht genug Nahrung. Die Futterhäuser sind im Sommer oft besser besucht als im Winter. Wenn die Altvögel sich selbst dort mit Körnern eindecken, können sie die gefangenen Insekten dann komplett an ihre Jungvögel abgeben, das schafft Ersatz.

 
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