Jeder zehnte Erstklässler im Vogtland zu dick

Kinder für gesundes Essen zu begeistern, sei nicht schwer, sagt Kristina Werner (29). Doch wenn es darum geht, die Begeisterung in Alltagsgewohnheiten umzuformen, stünden oft die Eltern im Weg. Darüber und über eine gewichtige Zahl hat Susanne Kiwitter mit der Ernährungsberaterin bei der Verbraucherzentrale in Auerbach gesprochen.

Auerbach.

"Freie Presse": Frau Werner, 92 Sattelschlepper voll mit Schokolade: So groß sei der Hunger auf Süßes im Vogtlandkreis pro Jahr, verkündete jetzt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Insgesamt 2200 Tonnen und 9,5 Kilo pro Kopf seien das. Was sagen diese Zahlen über die Essgewohnheiten der Vogtländer aus?

Kristina Werner: Nicht viel. Ich habe das runtergerechnet: Das sind 26 Gramm Schokolade pro Tag, also ein Viertel einer normalen Tafel. Ich selbst esse sehr gerne Schokolade und halte das für vertretbar. Allerdings verzichte ich sonst möglichst auf zusätzlichen freien Zucker. Deshalb ist es schwierig, diese Zahl losgelöst von den sonstigen Ernährungsgewohnheiten zu betrachten.

Die Amtsärztin des Vogtlandkreises hat festgestellt, dass von 1914 Einschülern im vergangenen Sommer 76 Kinder adipös und 112 Kinder übergewichtig waren. Das entspricht vier und sechs Prozent. Damit liegt der Vogtlandkreis leicht über dem sachsenweiten Durchschnitt, der - beide Gruppen zusammengefasst - 9,2 Prozent beträgt. Mit steigendem Schulalter erhöht sich der Anteil der Schüler mit Übergewicht. Zu viel Zucker ist ja vor allem bei Kindern ein Problem ...

Jüngeren Kindern gelingt es relativ gut, durch viel Bewegung erhöhten Zuckerkonsum oder eine generell ungesunde Ernährung zu kompensieren. Das stelle ich immer wieder fest bei meinen Besuchen in den Schulen des Vogtlandes.

Sie arbeiten präventiv an Kitas und Schulen. Projekte wie gesundes Frühstück oder subventioniertes Pausenobst gehören mittlerweile zum Alltag in diesen Einrichtungen: Wie nachhaltig sind solche Aktionen?

Die Kinder sind in der Regel mit Freude dabei und nehmen die Angebote gern an - auch solche, von denen es man nicht erwartet, weil sie sonst beispielsweise nur Süßes und Weißbrot in der Brotbüchse haben. Das Problem ist: Wir erreichen die Eltern nicht - beziehungsweise ist das ganz schwierig. Zu Ernährungsvorträgen bei Elternabenden erscheinen meist nur diejenigen, denen die gesunde Ernährung ihrer Kinder ohnehin schon wichtig ist.

Dass handelsüblicher Frucht-Joghurt, Säfte, Cornflakes, Cola und Co. Unmengen Zucker enthalten, müsste doch mittlerweile bekannt sein, oder?

Die WHO empfiehlt, dass Vier- bis Sechsjährige nicht mehr als 30 Gramm freien Zucker pro Tag verzehren sollen. Ein 150-Gramm-Becher Almighurt enthält allein 20 Gramm. Das wissen viele Eltern nicht. Viele sehen darin nur das Milchprodukt. Oder: Ein Glas Apfelsaft, also 200 Milliliter, enthalten 20 Gramm Zucker. Zwei Gläser - und ich bin schon über der Tagesdosis.

Das Problem liegt also bei den Erwachsenen - wie hoch ist da der Anteil der Übergewichtigen im Vogtland?

Ich habe nur bundesweite Zahlen. Nach denen sind die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer übergewichtig.

Sie beraten dazu in der Verbraucherzentrale. Was erleben Sie in den Gesprächen?

Vielen fällt es schwer, eine gesunde Ernährung in den Alltag zu integrieren. Ob Fernfahrer, Handwerker auf Montage oder berufstätige Eltern: Die Zeit fehlt.

Und der Wille?

Das ist das Wichtigste. Erst wenn der- oder diejenige im Kopf bereit ist, etwas an den Essgewohnheiten zu ändern, kann eine Ernährungsberatung greifen. Sobald die Ratsuchenden begreifen, dass sie selbst etwas tun müssen, wird es schwierig. Das erlebe ich oft. Ich möchte aber jeden ermutigen, der etwas ändern möchte, das Angebot anzunehmen.

Beratung unter: 0180 5 791352

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