Das Bad-Mosaik

Seit 200 Jahren lockt Bad Elster mit seinen Bädern. Aber es gibt viel mehr über den Ort zu schreiben: Unserem Autor kommen Erinnerungen, in denen auch Sofi und Eichhörnchen eine Rolle spielen.

Suchen und finden - so funktioniert Bad Elster. Man muss es nur besuchen. Alles andere findet sich. In diesem Jahr können zwei Jubiläen Anlass sein.

Bad Elster feiert zum einen seine 200-jährige Gesundheitstradition: 1818 wurden die ersten warmen Mineralwasserbäder verabreicht - damals noch in einem einfachen Holzschuppen. Und 1848 - also vor 170 Jahren - wurde Bad Elster von König Friedrich August II. zum Sächsischen Staatsbad erhoben, am 25. Juni eröffnete Robert Flechsig als Bade- und Brunnenarzt die erste offizielle Badesaison. So entwickelte sich der Ort vom Weberdorf zum Moor- und Mineralheilbad. Bis heute locken Bäder, Konzerträume, Parklandschaften. Es sind Bühnen auch für Begebenheiten, die großen und die kleinen. Wie an jenem Mittwoch, dem 11. August 1999. Ringsum stockt das vormittägliche Getriebe. Auch mitten in Bad Elster. Mitteleuropa verharrt im Banne eines Jahrhundertereignisses: Totale Sonnenfinsternis. Seit Wochen pulsiert mediale Aufgeregtheit.

Über den Badeplatz streuseln allerhand Menschen. Quirliger als sonst. Hälse recken und strecken sich himmelwärts. Jetzt müsste diese Sofi über ihrer aller Häuptern erscheinen. Ein himmlisches Ereignis, das nicht jedem Menschen im Leben vergönnt wird. Dabei schiebt sich der Mond zwischen Sonne und Erde. Niemand möchte das Schauspiel verpassen. Aber genau das passiert dem neugierigen Volk. Alle verpassen alles. Die himmlische Inszenierung als totale Pleite! Nichts zu sehen. Zumindest nichts astronomisch Außergewöhnliches. Reichlich Wolken versperren wie ein Vorhang den freien Blick nach oben. Die Eichhörnchen haben es wohl geahnt. Sie bleiben drunten auf Parkwegen, anstatt ihre privilegierten - weil hoch gelegenen - Beobachtungsposten auf den Bäumen zu beziehen. Die Menschen scherten sich mal weniger um die possierlichen Tierchen.

Scharenweise versammelte Zugucker des erhofften Spektakels machen auf dem Absatz kehrt. "Let's go!", gibt eine Dame das Kommando vor. In den zwei harten Worten klingt Enttäuschung. Auf Deutsch hätte sich das wohl nur mit einem Fluch drastisch genug formulieren lassen. Es hatte damals die Zeit begonnen, als sich immer mehr Anglizismen in der deutschen Umgangssprache mausig machten. Okay! Englisch grassierte noch nicht hemmungslos, aber es keimte. Täglicher Trostspender made in Bad Elster: Musik! Sie ist und bleibt international verständlich. Eines Tages spazierten Müller und Meier durchs paradiesische Revier. Plötzlich mit gespitzten Ohren. Musikfetzen lockten aus der Ferne.

Die Herren schneiten in eine Konzertprobe. Mitten im Sommer. "Das klingt wie Vivaldi", meinte Müller. Meier entrüstet: "Das klingt nicht nur wie Vivaldi, das ist Vivaldi!" Die Musikliebhaber brechen einen Streit vom Zaun. Obwohl gar kein solcher in der Nähe steht. "Du hast Vivaldi angezweifelt." "Nein, ich habe es nur anders gesagt." Jetzt schickt der Dirigent den Störenfrieden einen strengen Blick. Und ein mahnendes Wort: "Piano!" Die Streithanseln schwiegen betreten. Vivaldi übernahm wieder. Üben, üben, üben! Nur so schafft es der Künstler auf die Bühne. Der Besucher schafft es zu Fuß gemütlich bis vor jede Bühne.

Herbeispaziert! Bitte Platz nehmen! Veranstalter von Kultur freuen sich über Publikumsandrang. Meist mit den Worten: "Das Haus, der Saal, die Halle ist bis auf den letzten Platz ausverkauft." Bis auf den letzten Platz. Steht auch oft so in der Zeitung. Prima - wie schön für mich! Letzte Chance: Einer geht noch, einer geht noch rein. Die Macher können nichts dagegen machen. Erst neulich wieder so ein rappelvoller Musentempel. Bis auf diesen ominösen letzten Platz eben. Der wurde tatsächlich auch noch verklingelt. Ich weiß es genau, hockte ich doch drauf.

Elsteraner Szenenwechsel samt Zeitsprung rückwärts. Ein Mann wandelte über die Bühne des Lebens mit nicht alltäglichen Bettgeschichten huckepack. Hans-Jürgen Buchwald, Baujahr 1938, aus Görlitz stammend, schlummerte als Urlauber in 26 aufeinanderfolgenden Jahren in 26 verschiedenen Pensionen und Ferienwohnungen Bad Elsters. Ob er mit seiner Marotte zum Herbergen-Rekordhalter aufstieg? Das lässt sich zwar vermuten, offiziell aber weder bestätigen noch widerlegen. Gut und gerne taugte der Würdenträger von Rucksack, Hut und Wanderstock als Wanderführer. Dank solider Kenntnisse von Land und Leuten. Querbeet kannte er jedes Bett in den Herbergen. Bloß das naheliegende Flussbett der Weißen Elster mied der Mann. Aus gutem, weil feuchtem Grund. Diesen treuen Bumerang-Touristen zog es aus der östlichsten in die südlichste Stadt Sachsens. Die noblen Hotels waren nicht seine Preis-Liga. Ebenso wenig kickt der FSV Medizin Bad Elster in der Fußball-Elite-Liga gegen Bayern München.

Hintersinnig gefragt: Wer sind wohl die besseren Flügelspieler? Chopin & Liszt oder Robben & Ribery? Egal, die Balltreter zehn Klassen unter der 1. Bundesliga müssen beim Training tüchtig ran. Auch an schwere Medizinbälle. Selbst wenn die Sommersonne unbarmherzig vom Himmel knallt und gleich neben dem idyllisch gelegenen Stadion ein schmuckes Natur-Freibad lockt. So viel zur Kulisse. Als die Kicker im Stadion schwitzten, griff eine besorgte Urlauberin mit vitalem Mutterinstinkt ein und den braven Trainer an. "Müssen Sie die armen Kerle so schinden?", attackiert sie den verdutzten Übungsleiter. Die Jungs grinsen breit. Mal ganz was anderes. Ein Intermezzo furioso-kurioso. Wieselflink sollen die Burschen werden. Zwecks Aufstieg in höhere Gefilde. Die Eichhörnchen machen's doch auf Schritt und Tritt immerzu vor.

Schöne Geschichte. Es kommt noch schöner. Und ebenso wahr. Aber theatralisch trauriger. Eine der renommierten Kliniken Bad Elsters wirbt im Hausprospekt: "Wir versorgen Patienten mit Tumorerkrankungen, mit Beeinträchtigungen des Haltungs- und Bewegungsapparates sowie mit gynäkologischen Krankheiten." Na, allerbesten Dank, liebe Weißkittel! Das reicht dicke! Der Chefarzt versteht nicht, was es am Text zu nörgeln gibt. Bisher habe noch jeder Patient begriffen, was mit diesen Worten gemeint sei. Als Arzt habe er ohnehin Wichtigeres zu tun, als über Spitzfindigkeiten eines Zeitungsseitenvollschreibers zu palavern!

Schockschwerenot! Ein Dirigent achtet darauf, dass Musiker korrekt nach vorgegebenen Noten spielen. Was den Gebrauch der deutschen Sprache betrifft, herrscht zumeist Chaos. Kein Dirigent im weiten Rund! Von Duden und Blasen keine Ahnung. Väter und Mütter sind Eltern. Die müssten es beim Nachwuchs wohl richten! Viele hören auf die Nachnamen Müller und Meier. Auch Fischers gibt's hierzu(vogt)lande fast wie Sand am Meer. Schon mit Fischer-Promis wäre ein Angelkahn auf dem Louisa-See, dem Gondelteich in Bad Elster, voll. Multi-Musikant Günther, Komödiant Ottfried, die Sängerinnen Veronika und Silke gehören auf Bad Elsters Bühnen beinahe zum Inventar. Wie Fischers Fritze ins Publikum.

Fehlt nur noch die aktuelle Krönung aus dem Fernsehen, Atemlos-Goldkehlchen Helene Fischer. Sie hätte sogar vor ein paar Jahren mit aufkreuzen dürfen, als Hotelier Uwe Albert in seinem "Parkhotel Helene" alle Frauenzimmer namens Helene zum Adventskränzchen lud. Wozu der Trientiner Bergsteigerchor ein Ständchen intonierte. "La Montanara" plus Zugabe zu Stollen und Kaffee. Die Herren logierten in der "Helene" und konzertierten abends vor großem Publikum. Die Promi-Helene war nicht dabei. Die hörte damals noch auf ihren Geburtsnamen Jelena Petrowna.

Plankenwechsel vom Angelkahn ins Kirchenschiff. Zur Sommerzeit steht die Kirchentür zur Trinitatis-Kirche Besuchern offen. Sogar neugierigen Eichhörnchen. Besucher flüchten vor allem an heißen Tagen gern ins kühle Kirchenschiff. Kirche macht auch Sinn ganz ohne geistliches Wort und Orgelklang. Absolute Stille ist wie Wolkenschauen mit den Ohren. Während andächtig-reglosen Sitzens kommt das Gedankenkarussell zum Stillstand. Äußere und innere Stille. Was freilich gehörig dauern kann. Irgendwann ein feines Knirscheln im Gestühl. Das Holz arbeitet. Die Seele lauscht. Abenteuerlich und beglückend. Allein im Haus Gottes. Psst! Das Holz spricht.

Draußen vor der Kirchentür spricht wieder der Alltag: Sparkasse, Schule, Rathaus - kleinstädtische Anmutung. Ein Unbekannter kommt des Wegs. Sonst weit und breit keine Menschenseele. "Guten Tag!", grüßt er freundlich. Ich stutze. Das Gedächtnis rotiert. Müsste ich diesen Mann kennen? Fehlanzeige. Um sicher zu gehen, frage ich zurück: "Tschuldigung, woher kennen wir uns?" Jetzt stutzt er kurz, bevor er mich verblüfft: "Wir kennen uns nicht. Aber 'Guten Tag' darf man doch jedem Menschen wünschen. Oder?" Ich habe diese Lektion eine Nacht überschlafen. Der Fremde hat recht. Wieder was gelernt. Taugt zum Nachmachen. "Guten Tag" überall und für alle mitein- ander!

Über kurz oder lang läuft uns in Bad Elster wieder ein EvD über den Weg. EvD wie Eichhörnchen vom Dienst. Die possierlichen Wuselpelze kreuzen zuverlässig sichtbar auf. Im Unterschied zu dieser dummen Sonnenfinsternis.

Vom außerirdischen Schauspiel damals keine Spur. Das irdisch-musische Geschehen in Bad Elster indes ging auch an diesem wolkenverhangenen Tag zuverlässig inszeniert über die Bühne: Nachmittagskonzert mit dem "Wiener Ensemble" auf dem Badeplatz. Abends im Kongresszentrum der Vogtland-Klinik fantastische Dias: "Faszination Vogtland". Wozu zwingend Bad Elster gehört. Samt seiner Eichhörnchen. Die knabbern am liebsten Nüsse. Und tanzen alle Jahre wieder klassisch Ballett, natürlich zur "Nussknacker-Suite." Sieht aber - wie einst die Sofi - auch kein Mensch. www.badelster.de

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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