Leben in Windrad-Nähe: Ein Betroffener zieht Bilanz

Bürgerinitiativen wollen neue Windräder im Freistaat verhindern. In Pausa-Ebersgrün sind die Anlagen seit vier Jahren in Betrieb. Mancher kann die Aufregung nicht verstehen.

Pausa.

In den Morgenstunden werfen die Rotorblätter Schatten an die Wohnzimmerwand von Hans Rudolf Bauer. "Wenn ich die Zeitung lesen will, dann gehe ich lieber runter in den Keller", sagt der pensionierte Elektriker. Hell und dunkel im Wechsel, daran können sich seine Augen nicht gewöhnen: "Das ist aber nur morgens so, wenn die Sonne scheint." Schlagschatten sind das eine. Je nach dem, wie der Wind steht, kann Bauer das Rauschen hören, das entsteht, wenn die Rotorblätter am Mast der Anlage vorbei wischen.

Gerade 750 Meter offenes Feld liegen zwischen den vier Windanlagen und dem Haus der Bauers in Pausa-Ebersgrün. "An den Anblick, die Geräusche und an die Schatten habe ich mich inzwischen gewöhnt", sagt der 62-Jährige, "meine Frau ist weniger begeistert. Sie kann nicht einschlafen, wenn wir das Fenster im Sommer offen lassen". Weil die Anlagen im Tal stehen, sieht Bauer von seinem Haus aus nur, wie die Propeller hinter der Kuppe des Hügels in der Luft kreisen. Die grundsätzlich offene Haltung Hans Rudolf Bauers gegenüber der Windenergie ist keine Selbstverständlichkeit.

In ganz Sachsen haben sich Bürgerinitiativen gegründet, um den Bau neuer Räder in Siedlungsnähe zu verhindern. Manche dringen darauf, den Abstand eines Windrads zum nächsten Wohnhaus auf mindestens das Zehnfache seiner Höhe festzuschreiben. Auch Hans Rudolf Bauer sagt: "Je weiter die Anlagen vom Haus weg stehen, desto besser." Zu den Windkraftgegnern zählt sich Bauer deswegen nicht.

Bürgerinitiativen wie "Sachsen-Gegenwind" verweisen auf Studien, nach denen der nicht hörbare Infraschall im Umkreis der Räder gesundheitsschädlich sein soll. Allerdings sind diese Untersuchungen umstritten. Ein echtes Hindernis für Betreiber der Anlagen ist im Vogtland der Schwarzstorch: Laut ornithologischen Gutachten kommen ihm in der Nähe solcher Anlagen natürliche Brutstätten abhanden. Hans Rudolf Bauer ist aufgefallen, dass auf der Stromtrasse, die über das Feld führt, inzwischen keine Zugvögel mehr rasten: "Früher saßen hier Tausende auf der Leitung, die quer über das Feld verläuft. Heute sind davon keine mehr zu sehen." Dennoch ist Bauer überzeugt, dass die Energiewende eben nicht ohne Kompromisse gelingen kann. Die Windräder nimmt er lieber in Kauf, als die Risiken der Atomenergie oder die Umweltverschmutzung durch Kohlekraftwerke - auch wenn die Räder nach seiner Auffassung einen Eingriff in die Landschaft und in natürliche Lebensräume darstellen.

Hans Rudolf Bauer vermutet auch, dass der Wert der Häuser in Sichtweite der Windräder in den Keller geht. Als ein Nachbar sein Haus in Pausa verkaufen wollte, habe er lange keinen Käufer gefunden. Aus den Sitzungsprotokollen der Regionalplanungsverbands in Chemnitz geht zwar hervor, dass sich viele Bürger auch an der Beeinträchtigung des Landschaftsbildes stören. Laut Pausas Bürgermeister Jonny Ansorge (CDU) "greift dieses Argument im Baurecht nicht mehr".

Meist aber gibt es keine konkreten Maßnahmen, betroffene Bürger für Wertverluste durch nahegelegene Windräder zu entschädigen. Ohnehin kommen die meisten nicht in den Genuss der Vorzüge durch die Windräder. Beispiel Pausa: Die Pacht für die Flächennutzung bekommen die vier Grundstückseigentümer, die Verträge mit dem Energieversorger geschlossen haben. Die Eigentümer von Grund und Boden seien den Rädern oft weniger abgeneigt, wie Ansorge sagt. Angst hätten sie aber davor, ihre Nachbarn gegen sich aufzubringen. Wer für die Räder ist, und wer dagegen, das entscheide sich meist daran, auf wessen Feld die Anlagen gebaut werden. Laut Ansorge können Windräder Gemeinden spalten: "In Betroffene und Profiteure."

Immerhin soll die Gemeinde irgendwann einen Vorteil schöpfen: "Wenn die Kosten für die Windräder für den Energieversorger sich amortisiert haben, bekommt Pausa Gewerbesteuer", sagt Ansorge. Bislang sei das aber noch nicht der Fall.

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