Verblassender Glanz einer Stadt

Bevölkerungsrückgang und massenhafter Leerstand - in kaum einer anderen Kommune im oberen Vogtland sind die Veränderungen so sichtbar wie in Klingenthal.

Klingenthal.

Ein tschechischer Frisör, ein kleiner Lebensmittel- laden, ein Vermessungsbüro und Filmemacher Claus Dunsch sind die letzten Mieter im Gebäudekomplex Graslitzer Straße/Markneukirchner Straße. Ansonsten sind die Häuser leer. Die Jahreszahl 1905 ist an der Fassade zu lesen. Als sie gebaut wurden, war Klingenthal eine aufstrebende Industriegemeinde, die das Stadtrecht haben wollte. Historische Ansichten lassen es erahnen: Wer einst aus dem tschechischen Grenzort Markhausen kam, hatte in der Graslitzer Straße das Gefühl, in eine Stadt zu kommen - zumal wenn auf der Auerbacher Straße die Straßenbahn durch die enge Kurve quietschte. Das ist lange her.

Hartnäckig hält sich in der Stadt das Gerücht, dass auch diese Häuser auf der Abrissliste stehen würden. "Aus städtebaulicher Sicht wäre der Abriss der Gebäude eine Katastrophe, aus wirtschaftlicher Sicht dagegen ein Segen für die städtische Wohnungsgesellschaft", hatte dazu Bürgermeister Thomas Hennig (CDU) auf Nachfrage erklärt. Einen Beschluss des Aufsichtsrates der Wohnungsgesellschaft zum Abriss gibt es nach seinen Worten nicht - wohl aber habe es Gespräche mit zwei Interessenten gegeben.

Klingenthals Stadtbild hat sich in den vergangenen vier Jahren sichtbar verändert. Eine ganz Zahl markanter Gebäude wurde abgerissen, weil nach teilweise jahrzehntelangem Leerstand keine Nutzung möglich war. In Millionenhöhe war dazu Geld aus Dresden geflossen.

Zum 1. Januar diesen Jahres zählt Klingenthal nach Angaben des Freistaates 8783 Einwohner. Das ist noch knapp die Hälfte der Einwohner des Jahres 1960 - rund 15.500 waren es damals, noch ohne Mühlleithen und Zwota. 1999 war die Einwohnerzahl erstmals unter die Marke von 10.000 gesunken.

Am deutlichsten sichtbar sind die Veränderungen im Schulbereich. Neben dem Gymnasium für den Kreis Klingenthal gab es noch 1990 von Zwota bis zum Aschberg fünf Oberschulen. Geblieben sind eine Grundschule für eine ganze Stadt und ein Skigymnasium als Außenstelle des Julius-Mosen-Gymnasiums Oelsnitz.

Wie geschichtsträchtig die Häuser in der Graslitzer Straße sind, zeigt allein das Gebäude, in dem Claus Dunsch sein Domizil hat. Dort war im Oktober 1908 das erste Kino eröffnet worden. In Spitzen- zeiten gab es in Klingenthal vier Kinos - aber da war auch das Fern- sehen noch Zukunftsmusik.


Verschwundene Gebäude

2010: Schlossmeinel-Fabrik;

2011: Gaststätte Zum grünen Baum;

2012: Bahnhofsgebäude;

2014: Kosmos-Gaststätte;

2015: Hotel Zum braunen Hirsch;

2016: Wohnblock Walerie-Bykowsky-Straße 6 bis 12, ehemalige August- Bebel-Schule;

2017: Schlossstraße 5, Musikelektronik-Gebäude (privater Investor);

2018 (angekündigt): ehemalige Mundharmonikafabrik Seydel. (tm)

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