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Nini und Jessy. Sie wurden von T. missbraucht. Jessy ist heute 15 und macht sich Vorwürfe: Sie war vor ihrer Schwester dran, und hätte sie nicht solchen Schiss gehabt, wäre Nini vielleicht gar nicht dran gewesen.

Foto: Ellen Liebner

Die Mädchen und das Monster

Nini und ihre Schwester sind sexuell missbraucht worden. Den Mann, der das mit ihnen gemacht hat, könnten sie in Plauen auf ihrer Straße treffen. Er ist verurteilt - und trotzdem frei.

Von Manuela Müller
erschienen am 09.10.2017

Plauen. Ein Jahr. Das Gericht setzte das Urteil aus zu drei Jahren auf Bewährung, weil er einen Job hat. Sie sperren ihn nicht ein, diesen jungen Kerl mit den blonden Strubbelhaaren. Als der Richter im August das Urteil verkündet, kocht Marija vor Wut. Und als er den Gerichtssaal verlässt, brüllt sie über den Flur. "Passt auf eure Kinder auf", schreit Marija H. und weint.

Der Mann, den sie Monster nennt, hat ihre beiden Töchter sexuell missbraucht. Er ist 23, wegen Diebstahls vorbestraft und hat eine Stelle als Hilfsarbeiter. Für die Sache mit Nini hat ihn das Landgericht Zwickau im August verurteilt. Zu dem, was mit Jessy passiert ist, laufen die Ermittlungen. Im Sommer hat Marija bei der Polizei ausgesagt. Dass er bei ihrer Tochter Jessy bis zum Äußersten ging. Dass Jessy keine Gefühle rauslässt und sich mit dem Messer ihre Unterarme blutig schneidet. Marija hofft, dass das Gericht das Monster wegsperrt.

Sie sitzt am Küchentisch ihrer Plauener Wohnung, und Nini sitzt auf ihrem Schoß. Marija ist allein- erziehend. Das hier ist nicht das beste Viertel der Stadt, in dem sie leben. In der Nachbarschaft steht ein Block, den sie das Drogenhaus nennen. Üble Gestalten verticken dort Rauschgift, heißt es. Marija hat ihren Töchtern verboten, in die Nähe des Hauses zu kommen. Prostituierte gibt es in ihrem Viertel, ab und zu Streifenwagen. Das ist die Welt, in der Nini und Jessy aufwachsen.

"Ich will, dass er den Mund aufmacht und sagt: Nini, es tut mir leid. Oder Nini?", sagt Marija. Ja, sagt das Mädchen. Zwölf ist es inzwischen. Als das passierte, war Nini neun. Im November war das, vor drei Jahren. Nini erzählt, sie habe mit T. in ihrem Kinderzimmer gesessen. T. war 20 und lebte ein paar Jahre bei Marija, weil seine Mutter anschaffen ging. An diesem Tag war Marija arbeiten. T. kam zu Besuch. Er sollte ihr das Kabel für die Stereoanlage über die Wohnzimmertür legen.

In den Gerichtsakten ist dieser Satz vermerkt: "Die sehr detaillierte Beschreibung des Tatgeschehens, insbesondere die Beschreibung, wie der Angeklagte die Hosen und Boxershorts heruntergezogen hat und wie sich die Haut an seinem Geschlechtsteil verändert hat, kann sich die Zeugin nicht ausgedacht haben." Nini biss ihm in die rechte Brust. So sehr, dass der Abdruck ihrer Zähne Wochen später noch zu sehen war. Davon existieren Fotos.

Draußen regnet es. Die Kinder hätten jetzt Boxtraining, aber ihr Spaß daran hält sich in Grenzen. An vielen Dingen stößt der Spaß an Grenzen, sagt Marija. Das Monster habe ihrer Nini das Lachen genommen. Bevor T. sie zwang, ihn anzufassen, sei sie ein fröhliches Kind gewesen. Die Mutter wäre damals nicht auf die Idee gekommen, sie beim Boxen anzumelden. Aber jetzt soll sie sich wehren können.

Marija will die Geschichte ihrer Mädchen erzählen. Sie glaubt, das hilft den Kindern. Wenn die Menschen um sie herum verstehen, was sexueller Missbrauch aus einem macht. "Das Kind ist im Arsch", sagt Marija. Wer einmal missbraucht wurde, höre niemals auf, daran zu denken. "Wenn du jemanden siehst, der so ähnlich aussieht wie dieses pädophile Arschloch, kommt der Geruch wieder hoch", sagt Yvonne, Marijas Schwester. Mit sechs sei sie selbst missbraucht worden. Der Täter sei ihr Onkel gewesen. "Das hat einen Clown aus mir gemacht." Ihr Lächeln sei seitdem eine Maske.

Ein Clown. Das treffe es, meint Cathrin Preuß. "Die Opfer schlüpfen in Rollen und tragen ihr Leid nicht nach außen", erklärt die Kinder- und Jugendpsychiaterin aus Plauen. Sie behandelt Nini. In ihrer Fachrichtung spricht man von einer hohen Dunkelziffer, wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Jedes fünfte bis siebte Kind sei betroffen, so die Annahme. Die Täter kämen vor allem aus der Familie. "Sie verkaufen den Kindern den Missbrauch als etwas Normales, das man so macht, wenn man seine Kinder lieb hat", sagt Cathrin Preuß. Es sei häufig eine Familiengeschichte, bei der es schon Opfer in älteren Generationen gab.

Nini nässt wieder ein. Eine Zeit lang war es, als sei sie auf der Flucht. Sie kam nach der Schule nicht nach Hause, sodass Marija sie von der Polizei suchen ließ. Manchmal saß sie an der Endhaltestelle der Straßenbahn. Sie ritzte sich. Da sagte Marija: "Willst du ihm noch mehr in die Hand geben? Du musst stärker sein als er." T. und Nini. "Wir waren wie Geschwister", sagt das Mädchen.

T. habe ihr damals verboten, petzen zu gehen. "Seine Freunde verprügeln mich sonst, hat er gesagt." Sechs Wochen nach der Tat vertraute sie sich ihrer Freundin an. In der watteweichen Weihnachtsstimmung war das, in der Kinder Plätzchen backen und Geschenke auspacken. Nini hielt diese Stimmung nicht aus. Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages erzählte sie ihrer älteren Schwester Jessy, warum T. die Familie nicht mehr besucht. "Sie hat es dann Mama erzählt. Ich habe mich nicht getraut."

Erst viel später öffnet sich auch Jessy. T. habe sie als Zwölfjährige in seiner Wohnung vergewaltigt. Nun sei sie bereit für einen Freund, habe er danach gesagt und gelächelt. Ist sie deshalb so geworden, wie sie ist? Marija fragt sich das. Jessy duschte nicht mehr und benutzte keine Schminke mehr. Statt der Kleider, die sie liebte, trug sie weite Shirts und lange Hosen. Wie ein Lump sah das Mädchen aus. Auch sie ritzte sich und traf am Elsterufer Leute, mit denen sie um die Wette soff. Mit einem Messer schnitt sie immer wieder seinen Namen in ihren Unterarm. "Aus Wut", sagt sie.

Jessy ist heute 15 und macht sich Vorwürfe: Sie war vor ihrer Schwester dran, und hätte sie nicht solchen Schiss gehabt, wäre Nini vielleicht gar nicht dran gewesen. Jessy rauchte heimlich damals. Damit habe T. sie erpresst. Würde sie ihrer Mutter etwas erzählen, würde er ihr von der Raucherei erzählen.

Im Kinderheim öffnete sich Jessy der Psychologin. Mit 14 brachte man sie ins Heim, es ging nicht mehr zu Hause. Die falschen Kreise, sagt Marija. Ihre Mädchen haben es schwer in der Schule, und bei Nini habe gar nichts mehr hingehauen. Seit diesem Schuljahr wird sie in eine andere Stadt zum Unterricht gebracht.

Für Psychiaterin Cathrin Preuß sind Schulprobleme und Selbstverletzungen bei traumatisierten Kindern keine Überraschung. "Das Hirn spielt ein Notfallprogramm ab." Die Wissenschaft habe nach Traumata massive Veränderungen in der Neurobiologie nachgewiesen. Die Opfer leiden unter Übererregung, Blitz-Erinnerungen und bilden zum Teil multiple Persönlichkeiten. "Das kann so weit gehen, dass man sich auf Bildern nicht erkennt", sagt Preuß. Typisch seien Aggressionen und Konzentrationsstörungen.

Diese Narben im Hirn bleiben auch in der Familie. Eltern geben die neurobiologischen Veränderungen über das Erbgut an ihre Kinder weiter, so Preuß: "Das ist der Fall, wenn es heißt: Der Vater war auch schon so." Die später geborenen Kinder kämen als Trauma-Opfer zur Welt, ohne dass sie selbst ein Trauma erlebten. Mit einer Traumatherapie, die über Jahre geht, lasse sich dieser transgenerationale Kreislauf durchbrechen. Allerdings gebe es zu wenige Therapeuten. "Wir können nicht allen traumatisierten Kindern helfen. Das ist leider so."

Marija hat Scheibengardinen an ihre Fenster geklemmt, damit niemand reinschaut zu ihnen. Aber nach draußen kann man blicken. Neulich lief T. mit einem Kinderwagen vorbei. Er sei Vater geworden, hat man ihr erzählt. Ab und zu besuche er seine Mutter, die immer noch in der Nachbarschaft wohne.

Wenn die Mädchen ihn sehen, müssen sie an das denken, was sie vergessen wollen. Das macht Marija wütend: "Er war so ein hilfsbereiter Kerl." Mit ihrer Schwester zusammen hat sie ihm dort aufgelauert, wo er arbeitet. Zwei gestandene Frauen, die einen Burschen ankeifen. So muss das ausgesehen haben für seine Kollegen.

Vor der Gerichtsverhandlung hat Nini ihn gedrückt. Sie hat ihn ja lieb, sagt Marija.

Die Namen der Mädchen und ihrer Mutter in diesem Beitrag sind anonymisiert.

 
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