Ein Dorf entdeckt das Wir-Gefühl

Im Jahr 1418 wurde Mehltheuer das erste Mal in einer Urkunde erwähnt. Am kommenden Wochenende feiert der Ort den 600. Jahrestag dieses Ereignisses. Ein Glücksfall in der Ortsgeschichte sorgte dafür, dass sich dazu jetzt mehr als eine Handvoll Leute treffen. Ohne diesen Glücksfall würden sich in Mehltheuer heute fast nur Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Die Organisatoren hatten ins Feuerwehrhaus eingeladen und 40 Mehl-theurer sind gekommen. Alle haben angeboten bei der 600-Jahr-Feier mitzuhelfen, die am kommenden Wochenende in dem Ort ansteht. "Da haben wir uns wirklich sehr gefreut", sagt Jens Eckstein. Selbstverständlich war das nämlich nicht. Dies liege aber weniger an den Leuten, sondern eher an der Geschichte des Dorfs. Mehltheuer ist trotz der Urkunde von 1418 eigentlich erst im 19. Jahrhundert im Windschatten des damals neu errichteten Bahnhofs entstanden. Ein über Jahrhunderte gewachsenes Gemeinschaftsgefühl wie in anderen Orten der Region konnte deshalb nicht entstehen.

Aber nun ist das Wir-Gefühl plötzlich da. Zur großen 600-Jahr-Sause ist das ganze Dorf mit Wimpelketten geschmückt. Mit viel Liebe zum Detail gefertigte Puppen grüßen aus Vorgärten und vom Straßenrand. Die Organisatoren des Feuerwehr- und Heimatvereins sowie der Feuerwehr können sich über viele helfende Hände freuen. Und die werden auch gebraucht: für den Ausschank, das Absichern des Festgeländes, das Kuchenbacken ... "Der Sportverein macht mit, der Dorfclub Syrau und viele Einwohner, einschließlich der Jugend", sagt Mitorganisator Lothar Göhring. Ein Grund mehr für ihn und seine Mitstreiter, diesem Wochenende entgegenzufiebern.

Das Festgelände befindet sich neben dem Spielplatz, gegenüber des Feuerwehrhauses. "Viel Platz ist da nicht", räumt Lothar Göhring schmunzelnd ein. Vor allem, weil allein das Festzelt 10 mal 30 Meter misst. Aber sein Verein veranstaltet dort regelmäßig Sommerfeste. Man kennt die Gegebenheiten dort also aus dem Effeff. "Einer der Höhepunkte wird am Sonntag der Auftritt der Thierbacher Schalmeienkapelle sein", schätzt Göhring ein. "Die Musiker ziehen immer ganz besonders viel Publikum an."

Ein heißer Tipp ist aus seiner Sicht außerdem der Händlermarkt. Honig und Kerzen aus Rodau, Spielwaren aus Bernsgrün, Marmelade aus Mühltroff - da dürfte für jeden etwas dabei sein. Liebhaber altehrwürdigen Blechs kommen bei der Motorrad-Oldtimer-Ausstellung auf ihre Kosten. "Auch ein echter Russenjeep wird dabei sein."

Parallel zur großen Sause in Mehltheuer findet in Plauen das noch größere Spitzenfest statt. Befürchten die Organisationen der 600-Jahr-Feier keine Konkurrenz? "Eigentlich nicht wirklich", sagt Lothar Göhring. "Ich denke, die werden uns keine Besucher wegnehmen und umgekehrt auch nicht."


Mehltheuer kurz und knapp

Einwohnerzahl: Die Zahl der Mehltheurer ist laut Auskunft des Einwohnermeldeamts in den vergangenen Jahre recht stabil geblieben. Mitte letzer Woche lag sie bei 651 Einwohner. Davon waren 342 weiblich und 310 männlich. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen liegt bei 93 Personen. In diesen Zahlen sind nur die Einwohner des eigentlichen Ortsteils Mehltheuer enthalten, nicht die der ehemaligen Gemeinde Mehltheuer. Diese umfasste noch Drochaus, Fasendorf, Oberpirk, Schönberg und Unterpirk.

"Unechte" Mehltheurer: Viele der Einwohner von Mehltheuer müsste man streng genommen eigentlich als Fasendorfer und Oberpirker bezeichnen. Denn ihre Häuser liegen innerhalb der Gemarkungen von Fasendorf und Oberpirk. Die Ursache: Das Gemeindegebiet dieser beiden Ortschaften war flächenmäßig ursprünglich deutlich größer als das von Mehltheuer. Häuser, die an den Außengrenzen von Fasendorfer und Oberpirker Flur gebaut wurden, stießen aber direkt an Mehlteuer und wurden deshalb als Bestandteil dieses Orts wahrgenommen. Im Grundbuch ist diese Unterscheidung nach wie vor vorhanden. Konkrete Auswirkungen für die Menschen hat das aber keine.

Name: Woher der Name Mehltheuer kommt, ist umstritten. Eine Deutung bezieht sich darauf, dass dort der Boden schlecht für die Landwirtschaft gewesen sei. Deshalb wäre dort das Mehl teuer. Andere halten dies für fragwürdig und verweisen stattdessen auf slawische Sprachwurzeln. In der Tat gibt es bei Bautzen ebenfalls einen sorbischen Ort mit Namen Mehltheuer.

Museum: Überregional bekannt geworden ist Mehltheuer durch das Musikinstrumentenmuseum von Karl-Heinz Teuschler, das als weltweit kleinstes seiner Art gilt. Zumindest wurde es mit diesem Superlativ 2001 im Guinnessbuch der Rekorde verewigt. Teuschlers Sammlung beherbergt über 350 historische Instrumente. Das älteste ist ein Jagdhorn aus dem Jahre 1662. Unter den vielen Besonderheiten der Ausstellung befindet sich auch ein Original Edison-Phonograph, ein Vorläufer des Grammophons.

KZ: Nur eine kleine Gedenktafel erinnert daran, dass sich in der ehemaligen Tüllfabrik von Anfang Dezember 1944 bis zum 16. April 1945 ein Außenlager des KZ Flossenbürg befand. Rund 350 jüdische Frauen aus Osteuropa stellten dort für die Vogtländische Maschinenfabrik (Vomag) Munition und Flugzeugteile her. Das Leben für die Frauen war hart. Doch es gibt Berichte, dass ein Mehltheurer ihnen heimlich Brot brachte.


Programm des Festwochenendes

Freitag

18 Uhr: Begrüßung und Fassanstich durch einen ehemaligen Bürgermeister

19 Uhr: Präsentation der Chronik

21Uhr: Diskothek "Sunshine"

Samstag

13Uhr: Festbetrieb mit Händlermarkt

14Uhr: Feuerwehrwettkampf Löschangriff

14.30Uhr: Unterhaltung im Festzelt mit der Grundschule Rosenbach, der Musikschule Fröhlich, den Tanzminis Syrau, einer Zauberschau

20 Uhr: Tanz mit Partyband A9-Live

Sonntag

10Uhr: Festgottesdienst

11Uhr: Musikalischer Frühschoppen mit MGV Harmonie Syrau 1902

15 Uhr: Thierbacher Schalmeienkapelle

Dazu kommt: Kinderflohmarkt, Torwandschießen, Kinderschminken, Hüpfburg, Dosenwerfen und noch einiges mehr

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