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In diesem Haus in Mehltheuer schufteten zur NS-Zeit jüdische Frauen aus verschiedenen Ländern.

Foto: Oliver OrgsBild 1 / 3

KZ-Frauen vor dem Hungertod gerettet

Der 27. Januar ist Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Heute vor 73 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Was kaum noch einer weiß: Auch in Mehltheuer gab es ein Konzentrationslager.

Von Elsa Middeke und Gunter Niehus
erschienen am 27.01.2018

Mehltheuer. Die Wände im Flur sind frisch geweißt. Zwanzig Meter weiter entlädt ein Mann gemächlich seinen Laster. Nur einen Steinwurf entfernt liegt das blaurote Gebäude der Grundschule. Ein Konzentrationslager? Hier? Auch wenn man die Geschichte des Hauses Friedensstraße 2 in Mehltheuer kennt, will einem das nicht in den Kopf. Zu sehr klaffen Wissen und äußerer Eindruck auseinander.

Nur eine Gedenktafel - deutlich kleiner als das Parkschild daneben - erinnert daran, dass sich in der ehemaligen Tüllfabrik von Anfang Dezember 1944 bis zum 16. April 1945 ein Außenlager des KZ Flossenbürg (Oberpfalz) befand. Rund 350 jüdische Frauen aus Osteuropa stellten dort für die Vogtländische Maschinenfabrik (Vomag) Munition und Flugzeugteile her. Sie hausten im obersten Stockwerk sowie in einer Baracke hinter der Fabrik, die allerdings nicht mehr existiert. Zwölf Stunden dauerte ihre Schicht. Für die Frauen, die sich schon zuvor im Räderwerk des NS-Apparats befanden - durch Unterernährung und Zwangsarbeit ausgezehrt - war dies eine Qual. "Die Arbeit in der Küche war für mich sehr schwer und erschöpfend, zumal ich noch ziemlich schwach gewesen bin", berichtete die Gefangene Cypora B. Ihre Aussage festgehalten hat der in Chemnitz geborene Historiker Pascal Cziborra in seinem Buch "KZ Mehltheuer - Lippenstift statt Lebensmittel".

Den Titel wählte Cziborra nach einem grotesken Detail der Lagergeschichte: Kurz vor der Befreiung herrschte eine Hungersnot im KZ. Da brachte Lagerkommandant Fischer den Frauen statt Essen Lippenstift und Rouge. Die erbosten Häftlinge streikten. Selbst einige Wächter waren auf ihrer Seite. Wie die Aufseherinnen reagierten, schreibt Cziborra nicht. Doch offenbar gab es menschlich große Unterschiede. Die meisten werden als fair bezeichnet. Bis auf zwei: die gehbehinderte Marianne, die zutiefst bösartig gewesen sein soll, und jene mit dem Spitznamen "Cwiklinska", die ihr an Sadismus in nichts nachstand. "Schön wie ein Engel, aber schlecht wie ein Teufel", erinnert sich Ester M.

Doch es gab im KZ auch Momente der Barmherzigkeit. So hatte ein Herr Lehmann für die Frauen des Öfteren Butterbrote versteckt. Auch einer der Industriemeister - vermutlich ein Mann aus Mehltheuer - brachte Brot mit. Er sabotierte zwischendurch sogar Maschinen, damit sich Häftlinge ausruhen konnten. Der Dorfbäcker, ein Mann namens Gäbler, mischte wohl heimlich immer mal mehr Mehl ins Brot für die Insassinnen als erlaubt. Letzteres ist in einer Ausgabe des Geschichtsmagazins "Historikus Vogtland" zu lesen, das Andreas Krone herausgibt.

Mit dem Hungern war es erst vorbei, als amerikanische Truppen ins Vogtland einmarschierten und die Frauen befreiten. Ein neuer Kommandant hatte sich zuvor geweigert, die Häftlinge auf einen Todesmarsch zu schicken. Auch Erschießen lassen wollte er sie nicht. Tragischerweise starben kurz nach der Befreiung einige Frauen - vermutlich an Tuberkulose, Hunger oder Erschöpfung. Sara Jatkowska erlebte die Befreiung nicht mehr. Sie liegt auf dem Leubnitzer Friedhof begraben, wie 2014 Josepha Glück, damals Schülerin am Plauener Diesterweg-Gymnasium, aufbereitet hat. Ihre Arbeit wird in der Gedenkstätte Flossenbürg aufbewahrt. An Jatkowska und drei Männer, Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime, erinnert auf dem Friedhof ein Gedenkstein.

Außer diesem Stein und der kleinen Platte an der Hauswand der früheren Tüllfabrik weist kaum noch etwas auf dieses Kapitel der Ortsgeschichte hin. Die Tafel wurde 2010 im Rahmen des sogenannten Liberty Convoys angebracht. Diese Gedenkfahrt auf der Marschlinie der amerikanischen Truppen durchs Vogtland hatten der Plauener Heimathistoriker Rolf Ballhause und Andreas Bräuer aus Pausa organisiert. "Ich war unzufrieden mit der Geschichtsaufarbeitung in unserem Gebiet", sagt Ballhause. "Außenlager und Befreiung haben keine richtige Würdigung gefunden."

Am Liberty Convoy nahmen auch fünf frühere US-Soldaten teil, die damals bei der Befreiung des Lagers dabei waren, wie der Plauener erzählt. Doch sie seien mittlerweile alle verstorben. Zeitzeugen zu finden, die übers KZ berichten können, ist heute schwierig. Der Mehltheuerer Ortschronist Günter Zeidler - er befasst sich seit Jahren mit der Geschichte des Lagers - hat einige befragt. Die Heimatforscherin Waltraud Schmidt aus Rößnitz erinnert sich an eine Jüdin, die einen Mann aus Falkenstein geheiratet hat und mit ihm nach Israel emigriert ist. Auch diese Frau lebt nicht mehr.

Doch selbst wenn die Suche nach Zeitzeugen immer schwieriger wird, lassen einige Forscher nicht locker. Am Plauener Diesterweg-Gymnasium untersuchen Schüler die Lebensbedingungen in den Außenlagern des KZ Flossenbürg. Heimathistoriker Ballhause würde gern noch weiter gehen und einen Geschichtslehrpfad durchs Vogtland - der auch ans KZ Mehltheuer erinnert - ins Leben rufen. Ballhause: "Dazu habe ich konkrete Ideen."

 
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