Ralf, der Rathaus-Märchenonkel

Es war einmal eine bittere Tatsache: Politiker erzählen Märchen. Der Plauener OB hat gestern das vom "tapferen Schneiderlein" vorgelesen. Ein netter Geschichtenerzähler .

Plauen.

Die Lesebrille sitzt auf der Nasenspitze, und manchmal reißt ihn die Leidenschaft aus dem Stuhl. Wenn er brummt wie der Riese zum Beispiel, dem das Schneiderlein Steine auf den Bauch schmeißt: "Was sooll daaas?" Das ist die erste offizielle Märchenstunde im Rathaus.

Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) hat einen Stuhl auf der Ratssaal-Bühne stehen, und vor ihm sitzen knapp 180 Karl-Marx-Grundschüler. Am Ende dieser Märchenstunde wird der OB Autogramme auf Kinder-Shirts schreiben.

"Politiker erzählen Märchen", so heißt die Veranstaltung, die das Deutsche Zentrum für Märchenkultur in diesen Tagen in mehreren sächsischen Städten durchführt. Es gehe dabei um Sinnliches, sagt Märchenland-Geschäftsführerin Monika Panse. Um Integration, um ethische Werte, um Bildung. Viele Bundesminister haben schon gelesen in dieser Reihe, die sich nun ins Bundestagswahljahr einfügt.

Jetzt lesen die Bürgermeister. Bei Oberdorfer geht's ein bisschen auch darum, seine Tochter Helena vor ihrer Klasse nicht zu enttäuschen. Die ist in der Zweiten und sitzt mit im Ratssaal. Während sie gelegentlich im OB-Büro Apfelsaft trinkt, hören viele ihrer Mitschüler zum ersten Mal den Stadt-Chef erzählen.

Die Leute von der Presse machen Fotos von den Kindern und dem OB. Was selten ist im Ratssaal. Selten sind Veranstaltungen darin so süß anzusehen, dass sie von den Medien fotografiert werden. Als der OB fertig ist mit Märchenerzählen, dürfen ihm die Kinder Fragen stellen:

Fabienne: Ist es manchmal langweilig auf Arbeit?

Nee. Hier ist jeden Tag viel los.

Tom, 4b: Wolltest du schon als Kind Bürgermeister werden?

Nein, Seefahrer. Das mit dem Bürgermeister kam erst viel später.

Ella, 4d: Ich tanze im Tanzstudio Plauen. Warum kürzen Sie dort die Beiträge?

Ich weiß nicht, ob wir dort irgend etwas kürzen. Woher weißt du das?

Ella: Meine Mutti sagt das.

Dann soll deine Mutti mit deiner Tanzlehrerin zu mir kommen. Sagst du ihr das?

Constantin, 2a: Wird man als Bürgermeister reich?

Was ist reich? Wenn man jeden Tag Freude hat und einmal am Tag lachen kann. Geld ist ein wenig nebensächlich. Aber Geld hat der Bürgermeister auch genug. Schlecht geht es dem nicht.

Luzie, 3 b: Wie alt warst du, als du Bürgermeister wurdest?

Luzie, schätze mal, wie alt ich bin.

Luzie: 40?

Mit 40 wurde ich Bürgermeister. 57 bin ich jetzt.

Fabienne 2b: Warum gibt es in Plauen keinen Zoo?

Du hast recht, ein Zoo wäre schön. Ich gehe mit meiner Helena manchmal nach Falkenstein, da braucht man 20 Minuten mit dem Auto. Jede Stadt muss nicht alles haben. Im Vogtland gibt es zwei Tierparks. Das ist ganz ordentlich.

Arwed, 2a: Ist deine Arbeit hart?

Es gibt schon eine ganze Menge Ärger. Wenn man Ärger nicht mag, ist die Arbeit hart.

Josephine, 4c: Was ist dein Lieblingstier?

Ich habe eigentlich zwei. Das erste ist mein Hund zu Hause. Seine Rasse stammt aus Südafrika, und deshalb heißt er Bashira. Auf dem zweiten Lieblingstier kann man sitzen. Das ist ein Pferd. Sammy.

Fabienne: Waren Sie auf dem Schönheitswettbewerb der Kühe?

Nein, da war ich nicht. Aber ich war auf dem Spitzenfest, wo wir die neue Spitzenprinzessin gewählt haben. Hättest du die auch gewählt?

Fabienne: Nee.

Das Ende vom Lied ist, dass man vom "tapferen Schneiderlein" lernen kann. Es zeigt, man kann alles werden, wenn man klug ist. "Alles, was ihr euch wünscht, könnt ihr in eurem Leben werden", sagt Oberdorfer. Dafür gibt es Spontan-Applaus von den Acht- bis Zehnjährigen. Die Mädchen und Jungen aus der Vierten tragen weiße Shirts mit Klassenfoto auf der Brust. Die sollen sie an die Grundschulzeit erinnern. Nun stehen sie Schlange, damit der OB auf den Shirts unterschreibt.

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