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Schon das Etikett ist eine Rarität. Eine ungeöffnete Flasche würde wohl Höchstpreise erzielen.

Foto: sammlung hommelBild 1 / 6

Als Mylau noch Bock hatte

Dort, wo seit kurzem der neue Aldi steht, florierten einst Produktion und Handel mit Bier. Die Mylauer Brauerei war die Nummer eins der Gasthäuser. Daran kann sich einer genau erinnern, der in der Brauerei auch Eis geholt hat.

Von Gerd Möckel
erschienen am 13.01.2018

Mylau. Wie's geschmeckt hat? "Sehr gut, sehr geschmackvoll", sagt Wolfgang Hommel. Vor allem das Bock war nicht von schlechten Eltern. Heute hat Mylau kein eigenes Bockbier mehr. Dafür einen wie den 74-jährigen Mylauer, der die Geschichte der vor zehn Jahren abgerissenen Brauerei nicht in Vergessenheit geraten lassen will. Schließlich sollen die neuen Biertrinker-Generationen wissen, warum es in Mylau eine Braustraße gibt. Dort, wo einst gemaischt, geläutert, gekocht, geseiht und gekühlt wurde, steht der im Dezember eröffnete Aldi.

Als Halbwüchsiger war Wolfgang Hommel im Vorgängerbau gelegentlich ein- und ausgegangen. "Ich habe für meinen Großvater mit dem Tafelwagen Eis und Bierkästen geholt", erzählt der Rentner von einem Stück Mylauer Alltag, in dem das Bier fässerweise mit dem Pferdefuhrwerk ausgefahren wurde. Immerhin noch bis Mitte der 50er-Jahre. Dann wurde der Fuhrpark motorisiert. Bis in die 80er-Jahre hinein gab es die Biere des später unter "Milaner Bräu" firmierenden Unternehmens in vielen Gasthäusern der Region. Zum Beispiel in der legendären Tonhalle von Reichenbach zu Tanzmusik. Dann schlossen sich die Werktore für immer.

"Warum genau, das weiß ich nicht." Genau weiß Wolfgang Hommel, was sein Großvater mit den Bierkästen angestellt hat. Erich Hommel betrieb am Kino in der Mühlgasse ein Geschäft, in dem er Pils, Helles und Bockbier verkaufte. Das vom Enkel angekarrte Eis wurde für den mit Butter gefüllten Eisschrank des Ladens gebraucht. "Elektrischer Kühlschrank? Den hatten damals die wenigsten", erzählt Wolfgang Hommel von einem weiteren Geschäftsfeld der Brauerei: Für Kühlzwecke wurde im Winter nicht nur für den Eigenbedarf und den der Wirte das Eis aus den Teichen gestochen. Auch private Kunden kauften das Brauerei-Eis. Wolfgang Hommel holte es in Zweimeter-Stangen ab. Der Großvater zerschlug das Eis in Stücke. "Dann bekamen die Kinder auch was zum Lutschen ab." 1957 gab Erich Hommel seinen Laden auf, bis 1967 betrieb die HO dort ein Fischgeschäft. Zu dieser Zeit arbeiteten in der Brauerei nicht viel mehr Leute als der Braumeister und ein paar Gesellen.

Gestartet war die Mylauer Brauerei als Einmannbetrieb. Der Selfmademan hieß Franz Ludwig Helbig und hatte sein Brot zunächst wie so viele als Weber verdient. In einer eigenen kleinen Wollwarenfabrikation. Auf den Geschmack des Unternehmertums gekommen, übernahm er später noch ein Materialwarengeschäft. 1860 schließlich sattelte er um auf flüssiges Brot. Helbig sicherte sich von der Braukommune alle Braurechte und errichtete die Brauerei. 1870 wurde der Schlussstein gesetzt. Brauerei-Chronist Wolfgang Hommel hat auch dieses Brauerei-Motiv mit seiner Kamera für die Nachwelt bewahrt. Der Stein, der über der ersten, an der Ecke Braustraße/Obermylauer Berg gelegenen Zufahrt angebracht war, zeigt eine Darstellung von Gambrinus - ein König oder eine Gottheit, die als Schutzpatron der Brauer galt.

Als Franz Ludwig Helbig mit der Produktion im großen Stil begann, war Georg Biedermann zehn Jahre jung. Unmittelbar vor oder kurz nach Beginn des letzten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts übernahm Biedermann die Brauerei und erweiterte sie schrittweise. In einer Zeitungsanzeige von 1925 empfiehlt der neue Besitzer "wohlschmeckende und allgemein gut bekömmliche helle und dunkle Biere". Auf den Briefköpfen und Etiketten von damals und auch nach der vermutlich 1972 erfolgten Verstaatlichung der Firma findet sich stets die Burg als symbolträchtiger Herkunftsnachweis. Mit der von Biedermann betriebenen Erweiterung der Brauerei (auf etwa 11.000 Quadratmeter) rückte die Einfahrt zum Betriebsgelände an die Braustraße - in etwa identisch mit der Aldi-Einfahrt.

In den neuen Einkaufstempel geht auch Wolfgang Hommel einkaufen. Hin und wieder landet dann auch ein Bier in seinem Einkaufswagen. Büchsenbier aus Belgien. "Ich muss sagen, das schmeckt auch nicht schlecht."

 
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