Purple Schulz: Die Welt ist aus dem Lot

Purple Schulz gastiert in Reichenbach - Im Interview sagt der Sänger auch, warum Aufgeben nicht in Frage kommt

Mit Hits wie "Sehnsucht", "Verliebte Jungs" und "Bis ans Ende der Welt" hatte Purple Schulz in den 80er- und 90er-Jahren große Hits. Im September tritt der Kölner mit seinem literarisch-musikalischen Programm "Sehnsucht bleibt" im Reichenbacher Neuberinhaus auf. "Sehnsucht bleibt", so heißt auch sein jüngst veröffentlichtes Buch, das er zum Signieren im Gepäck haben wird. Gerd Möckel hatte den 59-Jährigen am Telefon.

Freie Presse: Herr Schulz, waren Sie schon mal in Reichenbach?

Purple Schulz: Ja, ich kann mich gut erinnern. In den 90er-Jahren bei einem Konzert mit der Vogtland Philharmonie, auf einem Sportplatz. Die Musiker kamen gerade aus dem Urlaub. Ich kann mich auch noch gut an den Mann erinnern, der dort meine Lieder für das Orchester arrangiert hat - Jens Pfretzschner.

Unglaublich, stimmt. Diesmal wird Ihr Auftritt ein anderer sein. Auch mit Hits von damals?

Ja, klar. Ich habe mein Keyboard und den einen oder anderen Hit mit. Sonst würde ich wohl gesteinigt werden. Anders als bei einem Konzert gibt es aber bei meiner musikalischen Lesung nicht nur Geschichten in Liedern verpackt. Ich erzähle, und das macht das Buch auch, die Geschichten hinter den Geschichten. Das war für mich auch die Herausforderung, als ich mich ans Schreiben des Buches gesetzt habe.

Und das Ergebnis?

Mir sagen viele, dass es super geschrieben ist. Es ist ja auch nicht nur eine Musikerbiografie. Ich erzähle über die Zeit und das Land und was Zeit und Land aus mir gemacht haben; und was ich vielleicht auch ein bisschen mit dem Land gemacht habe. Es ist eine Zeitreise und eine durchaus kritische Bestandsaufnahme, die offenbar den Zeitnerv trifft. Viele sagen, beim Lesen sind sie sofort wieder mittendrin in der Zeit.

Da fällt mir als Ossi gleich "Sehnsucht" ein, diese berühmte Zeile mit dem "Ich will raus", das haben in der DDR viele anders verstanden, als Sie es vielleicht gemeint haben.

Das habe ich wirklich erst verstanden, als ich 1989 auf der Rockpoeten-Tour in der DDR war. Plötzlich wusste ich, die Leute wollen raus und verständigen sich auch über solche Codes. Es ist aber eine Stärke dieses Liedes, immer einen Bezug zu jeder Zeit zu entwickeln. Als ich das Lied geschrieben habe, mochte ich das Wort "Sehnsucht" nicht sonderlich, weil ich es immer mit dem Nachkriegsschlager in Verbindung brachte, mir fiel nur kein anderes Wort für dieses Gefühl ein. Heute weiß ich ein bisschen mehr. Deswegen ist das eines der Lieder von damals, die auch heut noch zu meinen Lieblingsliedern zählen. Ein Oldie ist es also nicht.

Und "Verliebte Jungs"?

Das war ein Hit, schön. Die Menschen wollen ihn heute noch hören, ich spiele ihn. Auch sehr schön.

Das Irre ist ja, Sie konnten "Sehnsucht" damals im Palast der Republik ohne weiteres spielen, auch diese provokante Zeile.

Das wundert mich auch. BAP war es ja anders ergangen. Aber wir dürfen nicht vergessen, es war 1989, wir spürten, wie etwas in Gang kam. Ich danke Gott heute noch, Teil des Ganzen gewesen zu sein, das erlebt haben zu dürfen. Auch die Stimmung im Palast. Das war eine unglaubliche Atmosphäre mit einer Luft, die man hätte zersägen können. Kurioserweise war es dann nicht diese Liedzeile, mit der die Stasi aus dem Konzept gebracht wurde. Wir haben auch "Arsch hoch und tanzen" gespielt, und ich hab dabei ein Mädel auf die Bühne geholt. Ruckzuck waren es 40, 50 Leute. Und das brachte die Saalordner aus dem Konzept.

Irre Zeiten. Apropos: Sie treten heute auch in psychiatrischen Einrichtungen auf, wie das?

Gegenfrage: Warum nicht? Ich habe mich ja als Mensch und Musiker weiterentwickelt, die thematische Bandbreite ist groß. Nur findet man sowas nicht in den Charts. Der Grat zwischen dem, was wir normal und dem, was wir irre nennen, ist ein ganz schmaler. Uns trennt nur eine sehr dünne Wand, und ganz schnell ist man im Drüben. Ich habe gerade in diesen Einrichtungen große Erfolge gefeiert, die Menschen dort sind sehr empfänglich für meine Musik. Und ich habe dort wirklich viele verrückte Leute kennengelernt (lacht).

Davon gibt's auch auf der anderen Seite genug.

Das ist ja das Irre, es kommt halt auf die Perspektive an. Wir haben heute mehr Angst in ein Einkaufszentrum zu gehen oder in den Flieger nach Thailand zu steigen, als über die Autobahn zu fahren, obwohl letzteres am gefährlichsten ist. Oder ein Typ wie Donald Trump. Der macht mir mehr Angst als ein Haufen durchgeknallter Islamisten. Überhaupt leben wir in einer Welt, die irgendwie aus dem Lot geraten ist. Und ich frage mich, was stimmt hier eigentlich noch, was ist wahr.

Da sind wir wieder beim Thema Sehnsucht. Sie werden zwei Wochen nach dem Konzert 60; also einfach aussteigen?

Nein, die Sehnsucht geht nie aus. Ich habe unbändige Sehnsucht nach Wahrheit. Ich will hinter die Kulissen schauen, wach bleiben. Und außerdem will ich wissen, was die Kinder machen. In den 80ern habe ich mir gesagt, ich setze keine Kinder in diese verrückte Welt. Heute habe ich drei erwachsene Kinder, werde zum vierten Mal Großvater. Ich bin seit über 30 Jahren mit meiner Frau zusammen, wir arbeiten gerade gemeinsam am neuen Album. Wenn man eine Arbeit hat, die einem Spaß macht, hat man keine mehr (lacht). Die einzige Möglichkeit, die Welt besser zu machen, ist die, bei sich selbst und seinen Kindern anzufangen. Wenn die Kinder ihrer selbst willen geliebt werden und nicht, weil sie gute Noten nach Hause bringen oder woanders gut dastehen, dann ist Hoffnung in der Welt.

Purple Schulz am 9. September, 20 Uhr im Neuberinhaus (Tickets gibt's in den "Freie Presse"-Shops). Ab 2. September ist der Sänger auf Deutschland-Tournee, 2017 erscheint ein neues Album.

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