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Einblick in ein florierendes Unternehmen: Die Drehbankabteilung der Deutsch-Japanischen Werkzeugmaschinenfabrik in Tokio. In Spitzenzeiten beschäftigte Willy Rudolf Foerster dort 1400 Mitarbeiter.

Foto: privatBild 1 / 3

Fast vergessen: Reichenbacher rettete Juden in Japan das Leben

Ein jetzt erschienenes Buch rückt einen Mann ins Rampenlicht, den in seiner Heimatstadt fast niemand kennt: Willy Rudolf Foerster galt einst als reichster Ausländer Japans. Seine Geschichte liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch.

Von Gerd Möckel
erschienen am 23.01.2018

Reichenbach. Willy Rudolf Foerster stammte aus Reichenbach, ging dort aufs Gymnasium, war später Ingenieur, Rennfahrer, Pilot und begnadeter Unternehmer, der in Japan eine florierende Werkzeugmaschinenfabrik aus dem Boden gestampft hatte. Er galt als reichster und einflussreichster Ausländer - ein Mann von Format, der in der Zeit des Nationalsozialismus Juden vor der Deportation rettete, auch anderen Verfolgten in seinem Tokioter Unternehmen beschäftigte und der dafür einen hohen Preis zahlte. Jetzt, mehr als 50 Jahre nach Foersters Tod, erfährt dessen Leben ein späte Würdigung. Der Hamburger Autor Clemens Jochem war auf den Stoff gestoßen und hat unter anderem aus über 10.000 Seiten Aktenmaterial ein Leben rekonstruiert, das sich wie ein Drehbuch für Hollywood liest.

Dabei ist die zentrale Figur dieses Wirtschafts- und Politthrillers in Reichenbach selbst kaum bekannt. "Foerster, nein, das sagt mir nichts", sagt Heimatforscher Wolfgang Richter. Auch unter der Rubrik Persönlichkeiten auf der städtischen Homepage findet sich kein Hinweis. Den Recherchen des Autors zufolge war Willy Rudolf Foerster 1905 als Sohn eines Textilingenieurs und einer Bauerntochter zur Welt gekommen, hatte das Gymnasium besucht, wurde in der Peter-Paul-Kirche konfirmiert und heiratete 1929 in Reichenbach Martha Anna Oehler. Im Jahr zuvor hatte er sein in Berlin und Zwickau absolviertes Maschinenbaustudium abgeschlossen.

In den folgenden vier, fünf Jahren nahm seine Vita Fahrt auf. Unter anderem bei Krupp in der Wipla-Abteilung, in der dieser nicht rostende, säurebeständige Edelstahl entwickelt wurde. Über eine Tätigkeit als Flugzeugmotoren-Konstrukteur bei BMW gelangte er schließlich ins sowjetische Frunse und arbeitete im dortigen Flugmotorenwerk als Konstrukteur. Aus dieser Zeit ist ein Beispiel überliefert, das den Charakter Foersters zeigt: Er eckte mit dem "dummen" Partei-Kommissar an, der "hungrigen Menschen" gegenüber mit "theoretischen Konzepten" argumentierte. Schließlich schwang sich Foerster sogar zum Wortführer eines Arbeiterprotests auf und verließ Russland. Clemens Jochem: "Zu seinem Vorteil erwies sich nun, dass er in seiner Heimatstadt Reichenbach im Schwimmclub japanische Studenten kennengelernt hatte." Die Kontakte wurden reaktiviert. Offenbar auch, weil Foerster mit den Nazis nichts am Hut hatte. Er und seine Frau siedelten über.

In Tokio eröffnete er 1934 eine Werkstatt für Motorräder, Autos und Dieselmotoren. Schon bald lief eine Produktion von Ersatzteilen an. Dann designte Foerster selbst Spezialmaschinen, die in Fernost nicht zu haben waren und begann noch 1934 mit deren industrieller Produktion. 1938 - in Deutschland markierte die Kristallnacht den Beginn der systematischen Juden-Verfolgung - hob Foerster seinen Erfolg mit der Gründung der Deutsch-Japanischen Werkzeugmaschinenfabrik (Nichidoku Kikai Seisakujo) auf eine neue Stufe - mit bis zu 1400 Mitarbeitern.

Die Mitarbeiter: Japaner, Juden und andere Verfolgte aus aller Welt - "eine Gemeinschaft der Ausgestoßenen". Foerster engagierte sich im jüdischen Hilfskomitee Tokio, bot vielen Nazi-Opfern ein neues Zuhause und bewahrte Juden vor der Deportation. Doch seine Taten hatten Folgen, als er sich trotz massiven Drucks der deutschen Partei- und Auslandsvertretung in Tokio weigerte, Juden zu entlassen. Vor allem auf Betreiben des als "Schlächter von Warschau" in die Geschichte eingegangenen Kriegsverbrechers Josef Meisinger geriet die Fabrik als "Sammelpunkt achsenfeindlicher Ausländer" ins Visier der Japaner. Im Mai 1943 wurde Foerster auf Grundlage einer konstruierten "Spionage zugunsten der Sowjetunion" verhaftet - auch unter der Folter Meisingers blieb er standhaft und unterschrieb kein falsches Geständnis. Nach über einem Jahr Haft musste er jedoch auf Betreiben des japanischen Munitionsministeriums seine Fabriken für etwa ein Zehntel ihres tatsächlichen Werts auf eine japanische Firma überschreiben. Dann wurde er entlassen.

Und im Mai 1945 erneut verhaftet - diesmal als Anti-Nazi, wieder auf Betreiben Meisingers. Er kam in ein japanisches Internierungslager, auf das es bald alliierte Bomben hagelte. Foerster rettete den Inhaftierten das Leben - er überwältigte die bewaffneten Wachen. Nach dem Krieg ging das Unrecht weiter. Selbst bei den Amerikanern war Foerster als Krimineller und Lügner denunziert worden. Der Autor hat dazu in den Akten "gravierende Falschdarstellungen" gefunden. Auf dieser Grundlage wurde der Deutsche als "Objectionable German" eingestuft - der unerwünschten Person wurde der verbliebene Besitz als Reparationsleistung eingezogen, immerhin noch mehrere Millionen Dollar. Erst 20 Jahre später haben deutsche Gerichte das Engagement Foersters und dessen Verfolgung "vollumfänglich" bestätigt. Wenige Monate später - 1966 - starb Foerster im südhessischen Heppenheim.

Willy Rudolf Foerster war ein Freund des Flugzeugbauers Antonius Raab, er war mit Familie Matsuda (Mazda), dem Komponisten Klaus Pringsheim sowie der Familie Thomas Manns befreundet. Nach dem Wissen von Boris Foerster, dem Enkel des Unternehmers, ist sein Großvater nicht mehr in Reichenbach gewesen: "Aber seine Geschichte hat das Potenzial, ein bisher wenig beachtetes Kapitel Zeitgeschichte in das Bewusstsein vieler zu rücken."

Das bUch: Der Fall Foerster. Die deutsch-japanische Maschinenfabrik in Tokio und das Jüdische Hilfskomitee. Autor: Clemens Jochem, Verlag: Hentrich & Hentrich, ISBN: 978-3-95565-225-8.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
1
Kommentare
1
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 23.01.2018
    09:00 Uhr

    mathausmike: Willy Rudolf Förster gebührt Dank für sein Engagement.

    0 0
     

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