"Geschützte Tierarten wertschätzen"

Grüne-Liga-Chef Tobias Mehnert: Windpark-Planung kollidiert mit Artenschutz - Kritik an den Regionalplanern

Tobias Mehnert leitet den Naturschutzverband und die Grüne Liga Sachsen. Die "Freie Presse" sprach mit dem 55-Jährigen über das Regionale Windenergiekonzept des Planungsverbandes Chemnitz.

Freie Presse: Laut Planentwurf soll es im Großraum Chemnitz 55 Windparks geben - neun davon im Vogtland. Im Vergleich zum Landkreis Mittelsachsen, wo es 27 Gebiete geben soll, ist das Vogtland auf den ersten Blick relativ wenig betroffen. Oder wie sehen Sie das?

Tobias Mehnert: Aus Gründen des Artenschutzes und hier besonders des Vogel- und Fledermausschutzes, ist jeder Standort von Windindustrieanlagen einer zuviel. Deshalb sehen wir die geplanten Windkraftstandorte im Vogtland ebenso kritisch wie in Mittelsachsen. Für den ländlichen Raum liegen kaum Beobachtungsdaten zu Fledermäusen und Vögeln vor. Solche Gebiete werden dann fälschlicherweise für Windkraftanlangen reserviert.

Also sind Belange des Naturschutzes nicht beachtet worden?

Die Planer haben aus meiner Sicht eine mangelhafte Datengrundlage und ein unterentwickeltes Problembewusstsein bezüglich negativer Auswirkungen von Windkraftstandorten für Vögel und Fledermäuse. Offenbar fühlten sie sich der von oben verordneten "Staats-Planvorgabe" zur Gewinnung von Windstrom mehr verpflichtet als den Gesetzesvorgaben der Europäischen Union zum Artenschutz.

Was halten Sie von Vogelschutz-Gutachten, um Windparks zu verhindern? Bürgerinitiativen im Vogtland sind diesen Weg gegangen oder wollen ihn gehen...

Diese Gutachten bilden die Grundlage, um Ausbauplänen der Windindustrie fachlich zu begegnen. Gesetzlichen Regelungen zum Artenschutz sind harte Ausschlusskriterien. Wir unterstützen ausdrücklich diese Initiativen und stehen an der Seite der Betroffenen.

Aber Hand aufs Herz: Dient der Naturschutz nicht nur als letzter Strohhalm, nach dem gegriffen wird? Bürgerinitiativen klagen, dass Fröschen und Vögeln mehr Aufmerksamkeit gilt als den Menschen. Echte Akzeptanz für Umwelt- und Artenschutz sieht sicher anders aus.

Es ist natürlich schon seltsam, wenn Bürger, die sonst den Naturschutz als lästig empfinden, nun den Rotmilan als Wappentier zum Schutz vor Windkraftanlagen bemühen. Der Gesetzgeber hat aber nicht ohne Grund Artenschutzbelange zu Ausschlusskriterien gegen Windkraftplanungen formuliert, weil das Tötungsrisiko für Vögel und Fledermäuse deutlich erhöht ist. Kommunen, die über Jahre hinweg Vorsorge getroffen haben, dass in ihren Territorien seltene Tierarten heimisch geblieben sind, haben jetzt und in der Zukunft gute Chancen, vor landschaftsverbrauchenden Großeingriffen verschont zu bleiben. Oder anders ausgedrückt: Wer keine Windindustriestandorte möchte, sollte Biotope und geschützte Tierarten auch dann wertschätzen, wenn durch sie zum Beispiel der Bau eines Radweges ausgeschlossen bleibt oder ein Bauvorhaben modifiziert werden muss." (jan/us)

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