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Nach dem Abitur will sie die Uni zwar nicht nach dem besten Studentenskatklub aussuchen, aber viel fehlt nicht dazu: BeiNadine Schild dreht sich so viel ums Skatspielen, dass sie schon Deutsche Schülermeisterin wurde.

Foto: Wolfgang Schmidt

Eine reizende Tochter

Schätzungsweise 20 Millionen Deutsche spielen Skat. Sehen Sie jetzt alte Männer am Stammtisch sitzen? Böses Klischee! Eine 18-Jährige aus Meerane zeigt, dass etliches anders ist als gedacht.

Von Ute Krebs
erschienen am 13.10.2017

Wenn Nadine Schild aus Meerane im "Wartemodus" ist, beim Zahnarzt beispielsweise, im Bus oder sonst irgendwo, zückt sie ihr Smartphone und spielt. Das tun viele, ja, aber Nadine spielt Skat. Eine entsprechende App hat sie sich runtergeladen: 18, 20, zwo, Grand, Contra, Re, Farbspiel, Nullspiel. Nadine kennt sich aus.

Eigentlich blieb der 18-Jährigen gar nichts anderes übrig, als regelmäßig die Karten in die Hand zu nehmen. Mama Manuela stammt aus der Skatstadt Altenburg, ist eine leidenschaftliche Spielerin, Papa Matthias ist der Chef des Meeraner Skatklubs "Herzbuben". Der Opa war Richter am Skatgericht in Altenburg. Schon in einem Alter, in dem andere Mädchen mit ihren Puppen spielten, hat Nadine sich lieber mit den Buben beschäftigt. Und natürlich mit den Königen, den Damen, den Assen. "Meine Oma hat mir das Skatspielen beigebracht. Meine Eltern waren an Wochenenden oft zu Turnieren unterwegs, und ich wollte wissen, was sie da immer spielen."

Die Saat der Oma - eine Altenburgerin selbstverständlich - ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Seit zehn Jahren spielt Nadine Schild, wettkampfmäßig mit Erfolg. Einer ihrer beeindruckendsten Erfolge: 2012 wurde sie Deutsche Schülermeisterin im Einzel in Berlin. Weitere unzählige Pokale in ihrem Zimmer zeugen von einem erfolgreichen Spielerleben. "Zur Zeit fahre ich das Spielen allerdings etwas runter. Ich bin in der 12. Klasse, da hat das Abi Vorrang. Und dann will ich ja auch studieren, Wirtschaftswissenschaften wahrscheinlich. Mal sehen, an welche Uni es mich verschlägt", erzählt sie. "Jena. Die Jenaer Uni hat einen guten Studentenskatklub", Matthias Schild spielt diesen Trumpf aus. "Ich suche meine Uni doch nicht danach aus, ob man dort Skatspielen kann." Nadine verdreht die Augen.

Es scheint, als hätte dieser Dialog schon öfters stattgefunden. Der Vater will die Tochter bei der Stange halten. Das ist verständlich, denn Matthias Schild, Vorstandsmitglied im Sächsischen Skatverband, weiß um die Sorgen mit dem Nachwuchs. Schätzungsweise rund 20 Millionen Deutsche, davon eine Million Frauen, spielen laut Statistik Skat. 26.000 Mitglieder zählt der Deutsche Skatverband derzeit, vor sieben Jahren waren es rund 5000 mehr. "Junge Spieler gibt es, keine Frage, und darum kümmern wir uns auch intensiv. Unser Skatverein betreut zum Beispiel eine Skat-AG an einer Meeraner Schule, die sieben Jungs dort sind mit Begeisterung dabei", erzählt er. "Ebenso in unserem Klub, bei den "Herzbuben Meerane", sind von den 30 Mitgliedern zehn unter 18 Jahre alt. Aber was wird, wenn für die Jugendlichen nach der Schule Lehre oder Studium beginnen, wenn eine Familie gegründet wird? Wer bleibt dem Skat treu? Wer hat oder nimmt sich die Zeit, weiterhin Turniere zu spielen? Meine Frau und ich sind an etwa 20 Wochenenden pro Jahr skatmäßig unterwegs. Wie bei Sportwettkämpfen ist das, und gespielt wird von der Bezirksklasse bis hinauf in die erste Bundesliga. Wer will schon ein so zeitintensives Hobby betreiben?"

"Aber der Skat", Mutter Manuela ist sich sicher, "wird nicht aussterben, schließlich hat das Spiel schon gute 200 Jahre überlebt." Das Klischee vom Kneipenspiel am Stammtisch mit Bier, Schnaps und Zigaretten greife schon lange nicht mehr. In harten Turnieren werden die Kräfte gemessen. Die gebürtige Altenburgerin weiß, wovon sie spricht. In der ostthüringischen Residenzstadt soll des Deutschen liebstes Kartenspiel Anfang des 19. Jahrhunderts erfunden worden sein. Man geht davon aus, dass Skat aus dem "Schafkopf", dem "L"hombre", dem "Solo" und dem "Tarock" in den Jahren zwischen 1810 bis 1817 entstanden ist. Es hat sich bald weit über die Stadtgrenzen hinaus verbreitet. Und heute wird Skat nicht nur in Deutschland gespielt, sondern rund um den Globus und das nach einheitlichen Regeln.

Nadine weiß das selbst alles. "Ich will ja auch weiterspielen." Weil es Spaß macht, gibt sie unumwunden zu. Natürlich sei Skatspielen ein für ihre Generation und dann noch für ein Mädchen eher ungewöhnliches Hobby. Aber Freunde treffen und Musik hören kommen ebenfalls nicht zu kurz. "In meinem Umfeld findet es niemand komisch, dass ich Skat spiele, auch wenn die anderen höchstens "Mau-Mau" oder "Sechsundsechzig" beherrschen", sagt sie und schmunzelt. Ihr habe das Spiel viel gegeben.

Und was?

"Ich kann gut Kopfrechnen, die Zwölferreihe beherrsche ich im Schlaf", kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. Aber es ist wohl doch mehr, auch wenn jedes Spiel nach zehn Stichen und wenigen Minuten zu Ende ist. "Skat schult das Denken, das ist ja kein Glücksspiel. Du musst vorausschauend agieren, volle Konzentration zeigen. Wer hat was ausgespielt, wie wurde gereizt? Welche Karten müssen beim Gegenspieler noch im Blatt sein. Das bringt den Kopf ganz schön in Bewegung." Aber auch diese Seite schätzt Nadine am Spiel: "Man nimmt sich selbst nicht so ernst. Natürlich ist das Gewinnen schön, aber man lernt auch, das Verlieren zu akzeptieren und Rückschläge wegzustecken. Das ist doch eine gute Lebensschule, oder?"

Das Reizen, Zählen, Rechnen, das Stechen mit der Vorhand, der Mittelhand oder der Hinterhand als Lebensschule also. "Wenn dem Deutschen so recht wohl ums Herz ist, dann singt er nicht. Dann spielt er Skat." Kein Geringerer als Kurt Tucholsky hat mit diesen Worten das innige Verhältnis seiner Landsleute zum Skat beschrieben.

Wird bei Familie Schild nur im Verein gespielt oder auch privat? "Natürlich auch zu Hause, wer verliert, muss abwaschen", sagt Manuela Schild und lacht.

Wann zuletzt? Am Sonntag, lautet die Antwort. Ob sie jetzt mal spielen würden? Denn wie soll man über eine reizende Familie schreiben, wenn man sie nicht einmal dabei beobachten kann?

Keine Frage, schon wird gemischt und ausgeteilt. Mit einer Routine, die verrät, hier sind "Profis" am Werk. "Ach Mann", lautet Nadines erste Bemerkung. Und nach "18, 20, 2, 4, 7, 30, 3 - weg", nimmt die Jüngste den Skat auf. "Sie macht uns fertig", mutmaßt der Vater. "Ihr seid Schneider", triumphiert die Tochter. "Das war ein Oma-Spiel", bemerkt die Mutter. Was so viel heißt, dass es bei den Karten ein todsicheres Spiel war, das man nicht verlieren kann. Und während die drei schon wieder mischen, wird noch verraten, dass Vater Matthias wohl der ungekrönte Familienskatkönig ist, sich aber, wie Nadine auch, eher zu den passiven Spielern zählt. "Meine Frau dagegen ist eine Angriffsspielerin." Sie belege bei größeren Turnieren mehr vordere Plätze als der Rest der Familie. Aber eben auch mehr hintere.

Eine Bemerkung noch: Manuela, Nadine und Matthias Schild spielen an diesem Nachmittag am Esstisch im Wohnzimmer nicht einfach nur Karten. Nein, sie pflegen ein Kulturerbe. Denn Ende des vergangenen Jahres nahm die Unesco das Skatspiel in ihr Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes auf, mit 31 weiteren Traditionen und Bräuchen, welche die Identität der Menschen prägen. Ostfrieslands Teekultur gehört dazu, ebenso wie die Bergparaden im Erzgebirge.

"Wer gibt?" "Immer der, der fragt!" Fast möchte man überhaupt nicht mehr unterbrechen. Familie Schild ist in ihrem Element ... Gut Blatt!

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

 
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